Ausgezeichnet: Ecole professionelle, Viège (VS). Architektur: Bonnard Woeffray (Foto: Hannes Henz). Fotos: Hannes Henz, Yves André, Thomas Jantscher, Francesca Giovanelli, Marco Bakker

Das beste der Westschweizer Architektur

«Die Distinction Romande d’Architecture macht in regelmässigen Intervallen eine Auswahl der besten Gebäude der Westschweizer Architektur, begründet diese und stellt sie vor.

Es ist eine Tatsache, dass die Schweiz immer dichter bebaut wird. Die Menschen rücken näher zusammen, es gibt mehr Reibungsflächen und entsprechend Auseinandersetzungen. Deshalb sollte vermehrt über Städtebau und Architektur gesprochen werden, nicht allein unter Fachleuten, sondern auch unter Menschen, die diese Architektur täglich benützen und erfahren. Es ist notwendig, dass sich die Gesellschaft ihrer Bedeutung seiner Architektur als wichtiger Bestandteil des Lebensraumes bewusst wird. Sie soll fähig sein, über Architektur zu diskutieren und zum Beispiel bei Abstimmungen differenziert zu urteilen.

Die Distinction Romande d’Architecture hilft dabei. Sie macht in regelmässigen Intervallen eine Auswahl der besten Gebäude, begründet diese Auswahl und stellt sie in der Presse und Ausstellungen vor - mit der Absicht, die Gesellschaft für die zeitgenössische Architektur zu sensibilisieren.

Unser Land besteht aus unterschiedlichen Kulturen, die sprachlich, regional, topografisch geprägt sind - und doch zusammen die Eigenart der Schweiz ausmachen. Die Architekturen der Romandie, der Deutschschweiz und des Tessin sind verschieden - und doch erscheinen sie vom Ausland aus betrachtet als ‚Schweizer’ Architektur. In der Jury waren ArchitektInnen aus allen Regionen der Schweiz: Astrid Staufer von Frauenfeld/Zürich, Pia Durisch aus Lugano, Marie-Claude Bétrix und ich aus Zürich, Andreas Bründler von Basel, Sylvain Malfroy aus Neuchâtel - und Anne Lacaton aus Paris, als jemanden mit einem wertvollen Blick von aussen. Die Diskussionen waren geprägt von verschiedenen Haltungen, die in den andersartigen kulturellen Hintergründen und Interessen begründet sind, aber auch durch einen Willen, über die Auswahl der Projekte allgemein gültige Beobachtungen und Erkenntnisse sichtbar zu machen.
 
Die Projekte mit Auszeichnung sind Bauten, die kein vordergründig ‚lautes’ Auftreten haben. Ihre Qualitäten sind oft erst auf den zweiten Blick erkennbar. Das gewählte Entwurfskonzept ist in allen Massstabsebenen mit unterschiedlicher Gewichtung präsent. Es entstehen dadurch Vielschichtigkeiten, die bei der Begehung der Gebäude immer wieder zu Überraschungen und neuen Erkenntnissen führten, welche in den Plänen und Fotografien der Portfolios nicht erkennbar waren. Dies ist auch der Grund, wieso wir die Gruppe der nominierten Projekte nach den Besichtigungen nochmals differenzierter unterteilt haben. Die ausgewählten Gebäude sind in der Nutzung und Typologie, in der Massstäblich- und Räumlichkeit sowie in der Materialisierung verschieden, ihnen gemeinsam ist aber, dass sie als Lösungen eine allgemein gültige Relevanz haben, formuliert in den ‚statements’ der einzelnen Jurymitglieder. Dabei sind naturgemäss die thematischen Schwerpunkte und Gewichtungen der einzelnen Beiträge verschieden, was sich schon an den unterschiedlichen Entstehungsgeschichten zeigt: drei Bauten sind von Privatpersonen direkt beauftragt, zwei Projekte sind über Wettbewerbsverfahren ausgewählt und ein Gebäude in Zusammenarbeit mit Investoren und der Öffentlichkeit entwickelt worden.

Obwohl der Mangel an preisgünstigem, innovativen Wohnraum vor allem in den grossen Städten gross ist, konnten nur wenige soziale Wohnungsbauten nominiert und leider kein Projekt ausgezeichnet werden. Die stark ökonomisch geprägten Rahmenbedingungen bei der Realisierung haben herausragende Wohnbauprojekte in den letzten Jahren verhindert. Um dies zu ändern, wird vermehrte Unterstützung durch die öffentlichen Institutionen und ein verstärktes, politisches Engagement notwendig sein.

Im Rückblick ging es während der Beurteilung der DRA 2010 letztlich darum, dass als Teil einer Gesellschaft, in der die persönliche Entfaltung des Einzelnen immer mehr an oberster Stelle steht, wir uns als Jury auf gemeinsame Werte einigten, die für eine zukünftige, nachhaltige Umwelt und damit auch unsere Architektur massgebend sein sollen.

* Der vorliegende Text von Jurypräsident Mike Guyer erschien ursprünglich in französischer Sprache als Einleitungstext der offiziellen Publikation zur «Distinction Romande d'Archtecture 2010».

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