Die Technik: Das Meret-Oppenheim-Hochhaus in Basel (2013–19) habe etwas von einem ‹Robotic Animal›, sagt Jacques Herzog. Fotos: Herzog & de Meuron
In Zusammenarbeit mit EnergieSchweiz

«Blödsinn! Natürlich brauchen wir die Technik»

Herzog & de Meuron revolutionierten die Architektur mehr als einmal. Für das Heft ‹Solaris #03› hat Axel Simon mit Jacques Herzog über Energie, Material und Hexenhäuser gesprochen.

Herzog & de Meuron hat zu jedem Thema den ultimativen Entwurf gebracht. Energie ist heute eines der wichtigen Themen. Ich warte auf die Pressemeldung: «H & de M bauen das grösste Solarhaus.»
Jacques Herzog*: Alles, was man für Architektur fruchtbar machen kann, ist uns willkommen. Und Energie ist zentral. Etwa mittels Solarpanels – obwohl deren Anwendung nicht wirklich zu architektonischer Innovation führt. Jedenfalls bisher. Kürzlich versuchten wir, sie in wirklich grossem Massstab anzuwenden: Wir wollten einen 450 Meter hohen Wolkenkratzer mit Solarzellen belegen. Das Projekt scheiterte jedoch.

Warum scheiterte es?
Das Projekt wurde nicht weiterverfolgt, wohl gerade, weil es zu wenig konventionell war. Es entsprach nicht dem unauffälligen, ja rückständigen Standard des heutigen Bauens in New York City.

Um den Klimawandel kommt man heute nicht mehr herum. Was bedeutet er für die Architektur?
Der Klimawandel wird riesige Umwälzungen zur Folge haben. Der extrem heisse Sommer von 2018 gab uns diesbezüglich eine Vorahnung. Die Architektur wird sich darauf einstellen müssen. Ich wohne in einem Holzhaus mit breiter, vorgelagerter Veranda mit Vorhängen. Das funktioniert als idealer Klimapuffer. Das Haus an der Hebelstrasse in Basel ist eine unserer frühen Arbeiten, die unsere Faszination für traditionelle Haustypologien ausdrückt. Wir lieben deren formale Charakteristiken, deren archaisch anmutende Materialisierung und auch die unmodernen, handwerklichen Details. Wir wussten aber auch damals schon um die klimatischen Vorzüge dieser Haustypen, die auch ohne Klimaanlage angenehme Temperaturen im Innern ermöglichen. Das Steinhaus in Tavole oder die Dominus Winery im Napa Valley, Kalifornien, gehören ebenso in diese Kategorie von Gebäuden.

Beim Suva-Gebäude in Basel (1988–93) bedruckten Herzog & de Meuron erstmals Glas. Es umhüllt sowohl das historische Gebäude als auch die neue Erweiterung. Foto: Ruedi Walti

Wie funktionieren diese Gebäude?
Passiv. Die Dominus Winery zeigt exemplarisch, wie wir ein spezifisches Klima für eine spezifische Architektur nutzbar machen wollen: Die mit lokalem Vulkangestein gefüllten Drahtkörbe sind marktübliche Gabionen. Sie nutzen die Kühle der Nächte für die extrem heissen Tage, brechen das starke Licht und sind aus einem Material, das man nicht von weither holen musste.

Passive Massnahmen stossen an Grenzen. Strom gewinnt man zum Beispiel nur aktiv. In Zukunft wird das jedes Haus in der Schweiz müssen. Das heisst, es braucht die Technik, und es braucht auch den architektonischen Umgang damit.
Wenn es eine Technik gibt, dann wird man die auch anwenden. Auch hier an der Rheinschanze haben wir ein Solardach. Es fügt sich so gut ein in die Dachlandschaft, dass es architektonisch gar nicht in Erscheinung tritt.

Reizt Sie nicht, mit diesen Mitteln Architektur zu machen?
Wenns Sinn ergibt schon. Wie gesagt, in New York haben wir es versucht. Dort waren das Klima und die exponierte Lage ideal für Solarpanels. Sie hätten eine riesige und sehr ausgestellte Fläche gebildet. Es wäre eine spezifische Lösung für diesen Ort gewesen.

Die Dürre als konzeptuelle Grundlage der Architektur: Das Berggruen Institute bei Los Angeles mit kugelförmigem Wasserspeicher und Auditorium.

Wie implementiert Herzog & de Meuron die Themen Klima und Energie in den Entwurfsprozess?
Wir suchen immer nach einer Lösung, die die klimatischen Bedingungen zum eigenen Vorteil nutzt. Dazu reden wir selbstverständlich auch mit Energieexperten.

Sagen Ihnen diese Experten manchmal, dass Sie anders an etwas herangehen müssen?
Die Experten sollen die Architektur unterstützen, sie stärken, ohne ein Eigenleben zu suchen. Alles soll sich zu einem Ganzen fügen. Das ist ja die Stärke von Architektur! Unser Hochhaus in Beirut kann dafür als Beispiel dienen: Es hat bewachsene Terrassen. Die Pflanzen sind schön anzuschauen, riechen gut, sind angenehm feucht und halten die Hitze vom Gebäude fern. Die Experten trugen das mit.

Spielen die Experten bei bestimmten Projekten auch mal eine zentrale Rolle?
Sicher. Zusammen mit kreativen Leuten suchen wir eine Lösung, ob das nun Künstler, Landschaftsarchitekten oder Klimaexperten sind. In Los Angeles haben wir unter Beizug von Transsolar für das Berggruen Institute eine Architektur mit zwei Kugeln entworfen. Die kleinere Kugel dient als Wasserspeicher, wie man sie auch sonst in Kalifornien antrifft. Sie ist mit ihrer Form gleichzeitig Ausdruck für die enormen Herausforderungen in dieser Landschaft der Dürre. Die grosse Kugel hingegen ist eher Ausdruck des Universellen; als Aula dient sie als ein Ort der Debatte. Zur extremen Trockenheit kommt hinzu, dass sich das Grundstück auf einer ehemaligen, heute überwachsenen Müllhalde befindet. Mit unserem Projekt wird das Wasser, das im Verlauf des Jahres auf dem Grundstück anfällt, gesammelt, und aus dem Methangas der Müllhalde unter dem Boden kommt die Energie für die gesamte Anlage. Der eigentliche Nachteil des zum Teil verseuchten Grundstücks wird so zum Glücksfall und bildet die konzeptuelle Grundlage unserer Architektur. Das sind Themen, die uns interessieren. Dazu brauchen wir eine entsprechend motivierte Bauherrschaft, aber auch Experten, die uns technisch unterstützen.

Matthias Schuler von Transsolar hat mir mal gesagt, Architekten hätten Angst vor Technik. Hat Jacques Herzog Angst vor Technik?
Blödsinn! Natürlich brauchen wir die Technik, präsentieren sie aber nicht immer so demonstrativ wie die davon begeisterten Pioniere des Konstruktivismus und der Moderne. Technik auszustellen ist heute viel weniger ergiebig. Die digitale Technologie hat nicht mehr die gleiche Maschinenästhetik, die Ihnen wohl vorschwebt.

Digitalisierung hin oder her: Solartechnik sieht man zwangsläufig, weil sie sich zur Sonne richten muss. Also ist hier die Frage berechtigt: Welche Architektur kann man daraus machen?
Darauf kann nur das konkrete Beispiel eine Antwort geben.

Das Hochhaus Beirut Terraces, noch ohne Bepflanzung. Foto: Iwan Baan

Das Heft ‹Solaris #02› zeigt das Haus als Maschine. Michael Eidenbenz schildert den Bauprozess des Lloyd’s-Gebäudes, zu dem er doktoriert hat. Anhand vieler Mock-ups hat man damals die Aussenhülle, die Lüftung etc. untersucht. Wegen dieses experimentellen Vorgehens der Architekten sei das Gebäude, das mitten in London steht, tatsächlich eine Maschine, nicht nur das Bild einer solchen.
Ja, eine technisch veraltete Ruine mit dem Flair einer alten Remington-Schreibmaschine! Das hat absolut seinen Charme. Weil sich die Technik dermassen schnell ändert, ist es jedoch problematisch, sie zum Hauptakteur einer Architektur zu machen.

In England oder in Frankreich gibt es eine Tradition technoider Architektur: Rogers und Foster, Prouvé, Nouvel oder Lacaton Vassal. In der Schweiz hingegen konnte man sich nie für die Maschine begeistern. Warum nicht?
Die Schweizer Moderne kennt zwei Hauptrichtungen: eine konservative, heimelige aus Zürich und eine politisch aufgeladene, radikalere aus Basel. Obwohl die formal strengere Position der Basler Hans Schmid und Hannes Meyer sich an Technologie als Grundlage einer modernen und ressourcenschonenden Architektur orientierte, war ihre Haltung eher sozialen und politischen Ideen verpflichtet.

In der Schweiz Ihrer Generation begeisterte man sich für die Permanenz der Stadt, für Rossi und Venturi, während man woanders Utopien im Geiste der Raumfahrt und 1968 entwarf. Warum?
Die Schweiz hat eine ganz andere Geschichte und Kultur. Die Franzosen und Engländer haben zusammen die Concorde entwickelt. Bis heute drücken sie das Moderne, Aktuelle gern mit einem exemplarischen Beispiel aus, wie eben dem Lloyd’s-Gebäude oder dem Centre Pompidou in Paris. Die Schweiz ist weder ein Land der Revolution noch der Begeisterung. Hier herrscht eine eher langweilige, langsame Kultur. Pierre und ich mussten unseren eigenen Weg finden, der eher durch die Kunst bestimmt war als durch die Technik.

Bei der Bibliothek in Eberswalde (1994–99) überziehen Abbildungen Beton und Glas. Foto: Margherita Spillutini

Hat Sie Technik nie fasziniert?
Nein, Autos oder Flugzeuge haben mich nie begeistert, eher Roboter und Motoren, wenn sie Teile von Gebäuden, etwa Fassaden, bewegen können. Das hat etwas Psychologisches, etwas von artifiziellen Lebewesen, die mit uns kommunizieren. Jüngstes Beispiel dafür ist der Meret-Oppenheim-Turm, der etwas von einem ‹Robotic Animal› hat.

Ein Tesla lockt Sie nicht?
Nein. Pierre fährt einen. Ich brauche keinen Tesla. Ich kann ja nicht mal Auto fahren.

Mit dem Tesla hat Elon Musk das Elektroauto sexy gemacht.
Stimmt, der Tesla ist der Anfang einer neuen Idee von Mobilität. Als Designobjekt ist er aber nicht wirklich aussergewöhnlich, ausser vielleicht der riesige Touchscreen. Aber das Thema reizt mich nicht. Es interessiert mich nicht, darüber nachzudenken, wie ein Auto oder Flugzeug ausschauen könnte. Das ändert nichts am Zustand der Welt. Aber wie Städte gebaut werden, ändert etwas daran.

H & de M hat immer wieder Materialien entwickelt oder auf neue Art bearbeitet. Solche Materialexperimente sind ein Kennzeichen Ihrer Arbeit. Haben Sie auch schon mit Solarpanels experimentiert?
Wir haben schon vieles probiert. Solarpanels sind am einfachsten, weil es sie ja schon gibt. Wir konnten sie aber noch nie in grossem Massstab einsetzen, etwa für die Fassade eines Hochhauses. Auf Dächern sind sie einfacher zu verlegen und zu unterhalten. Das ist aber architektonisch nicht besonders sexy.

Das Lokale: Die Steinbrocken der Dominus Winery im kalifornischen Napa Valley (1995–98).

Ihr Ricola-Kräuterzentrum hat es gezeigt: Nachhaltigkeit erregt Aufmerksamkeit. Wäre allein nicht schon das ein Grund, sich verstärkt der Solarenergie zu widmen?
Aufmerksamkeit allein ist kein Grund. Ausserdem ist das vor allem ein Schweizer Phänomen, in Amerika interessiert das Thema bisher niemanden. Die Hauptfrage ist immer: Lässt sich eine Bauherrschaft begeistern, und ist sie bereit, den Extrapreis zu zahlen?

Als H & de M Ende der Achtzigerjahre das Suva-Gebäude in Basel umgebaut hat, sollte in der Glasfassade, die Alt und Neu umhüllt, Photovoltaik stecken. Das wurde aus Kostengründen gestrichen. Hätte das Gebäude anders ausgesehen?
Nein, ich glaube, es gibt sogar Solarpanels an der Südseite der Fassade. Die Bedruckung überspielt die Unterschiede. Damals haben wir auch versucht, Algen auf Glas wachsen zu lassen. Je nach Sonneneinstrahlung sollte die Algenschicht unterschiedlich dicht sein. Es ist uns aber nicht gelungen, das Wasser gleichmässig über die Scheiben laufen zu lassen. Das sind komplexe technische Fragen. Wir konnten den Forschungsaufwand nicht alleine tragen. Wahrscheinlich hätte es auch nicht den erwarteten Durchbruch gebracht, Pflanzen und Technik zu einem neuen Beschattungskonzept für Glasfassaden zusammenzuführen.

Im Text ‹Das spezifische Gewicht der Architekturen› schrieben Sie 1981 über die Bauten der Sechzigerjahre. Deren formale Klarheit habe man in den Siebzigern «vermummt», in den «Wintermantel der Energiepanik» gesteckt. Diese Panik, schrieben Sie, habe noch keine interessante Architektur hervorgebracht, «mit Ausnahme einiger alternativenergiebetriebener Hexenhäuschen». Welche meinten Sie?
Es gab damals eine Alternativszene in Basel. Michael Alder war ein herausragender Architekt, der mit missionarischem Eifer an neuen gesellschaftlichen und ökologischen Modellen interessiert war: für Energie und Partizipation. Daraus entstanden einige sehr gute Gebäude.

Die defensive Erfüllung der Energiepanik (den ‹Wintermantel›) fanden Sie langweilig, die offensiven Experimente (die ‹Hexenhäuschen›) interessant.
Vielleicht sah ich anonyme Beispiele in einer Zeitung. Zum Beispiel in Stuttgart gab es solche partizipativen Ansätze mit Selbstbau und autarker Versorgung. Mir gefällt es, wenn jemand seinen eigenen Weg sucht. 

Die Technik: Das Meret-Oppenheim-Hochhaus in Basel (2013–19) habe etwas von einem ‹Robotic Animal›, sagt Jacques Herzog.


Der Beitrag ist Teil des Hefts ‹Solaris #03›, das im Webshop bestellt werden kann.

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