Pier Luigi Nervi steht unter dem Viadukt Corso Francia in Rom (ca. 1960). Fotos: zVg, Oscar Savio

Betörender Beton

Er testete die Statik seiner Entwürfe am handfesten Modell und brachte den Beton zum Fliegen: Pier Luigi Nervi hat Architektur und Tragstruktur kongenial verschmolzen. Die ETH feiert das Ausnahmetalent in einer wuchtigen Ausstellung, die jedoch nicht aus einem Guss daher kommt.

Ganz klein wirkt der grosse Meister unter der schweren Betonbrücke. Das Bild zum Auftakt der Wanderausstellung über Pier Luigi Nervi an der ETH Zürich macht klar: Hier geht es nicht um den italienischen Baukünstlers als Person, sondern um sein Werk. Zwölf seiner bedeutendsten Arbeiten – darunter imposante Hallen, Sporttempel oder Hochhäuser – präsentiert die Schau und das mit elementarer Wucht. Auf den Tischen thronen die Modelle, die so wichtig waren für die Entwürfe des Bauingenieurs. Sie sind fast so gross, dass man den Kopf hineinstecken kann, um die filigranen Strukturen zu erspähen. Mit ihnen hat Nervi die Statik getestet, den Beton reduziert, die Grenzen ausgelotet. Sie ermöglichten ihm Experimente, lange bevor der Computer die Zahlen bis weit hinters Komma kalkulierte. Nervi war selber überrascht, wie genau seine physischen Modelle waren, als die Baukommission seine Kathedrale St. Mary in San Francisco mathematisch überprüfte. Neben den Modellen nehmen auch die Originalpläne viel Platz ein. Hier lässt sich eindrücklich der Bleistift verfolgen, mit dem Nervi die Spannkabel zeichnete und Kräfteflüsse notierte. Der grosszügige Massstab würdigt die Details, in denen der Teufel ja sprichwörtlich steckt. So erahnt der Besucher aus dem digitalen Zeitalter, wie viel Handarbeit und konstruktives Wissen hinter den ausgeklügelten Betonelementen steckt. Nicht gross genug können auch die Fotografien von Mario Carrieri sein, die schwer an der Wand lehnen und der Poesie aus Beton und Licht schwarzweiss huldigen. So epochal sieht man Nervi nur in Echt – wären da nicht die Y-Stützen und Betonträger, die vor manchen Fotografien eigenartig aus der Bildfläche in die Raum ragen. Die Replikate sind weder Lebensgross noch aus Beton. So versperren sie dem Besucher nur den Blick. Auch das Mobiliar mag mit Nervis Baukunst nicht mithalten. Behäbig stehen die Paneele in de...
Betörender Beton

Er testete die Statik seiner Entwürfe am handfesten Modell und brachte den Beton zum Fliegen: Pier Luigi Nervi hat Architektur und Tragstruktur kongenial verschmolzen. Die ETH feiert das Ausnahmetalent in einer wuchtigen Ausstellung, die jedoch nicht aus einem Guss daher kommt.

E-Mail angeben und weiterlesen:

Dieser Beitrag ist Teil unseres Abos. Trotzdem möchten wir Ihnen Zugriff gewähren. Geben Sie uns Ihre E-Mail-Adresse und wir geben Ihnen unseren Inhalt – Deal?