Bepflanzte Häuser

Grüne Dächer, Fassaden und Höfe können die Stadthitze senken helfen. Dass es erst wenige begrünte Gebäude gibt, hat mit der Pflege und dem Unterhalt zu tun. Drei gut gediehene Beispiele zeigen, wie es geht.

Fotos: Mina Monsef
In Zusammenarbeit mit Partnern

Grüne Dächer, Fassaden und Höfe können die Stadthitze senken helfen. Dass es erst wenige begrünte Gebäude gibt, hat mit der Pflege und dem Unterhalt zu tun. Drei gut gediehene Beispiele zeigen, wie es geht.

Grün ist das neue Gold. Diesen Eindruck erhalten nicht nur Leserinnen der Fachplanung Hitzeminderung der Stadt Zürich. Schon lange ist bekannt, dass Pflanzen in dicht bebauten Gebieten viel Gutes tun: Ihre Blätter binden Staub und Gase, ihr Wurzelraum speichert Wasser, ihr Schattenwurf vermag Temperaturextreme auszugleichen und den Kühlbedarf von Gebäuden zu reduzieren. Grüne Korridore in der Stadt fördern die Luftzirkulation und die Biodiversität und bieten den Menschen Raum für Bewegung und Erholung. Und schliesslich sind Pflanzen in ihrer immensen Vielfalt schlichtweg schön anzusehen und ein oft willkommener Kontrast zur Architektur. Gründe für grünere Städte gibt es also viele. Dass diese heilsversprechende Entwicklung in Zürich erst ansatzweise sichtbar ist, liegt an einer weiteren Eigenschaft der Pflanzen: Sie sind anspruchsvoll. Standort und Exposition müssen genauso stimmen wie Artenwahl, Bodenqualität und -zusammensetzung. Das A und O sind Pflege und Unterhalt. Die Kosten dafür sind vielerorts der Grund, dass aufwendigere Vorhaben in der Schublade verschwinden zugunsten solcher, die weniger Zeit und Geld erfordern.
 

Dachgarten Hochschulcampus Toni-Areal, Zürich, 2014.

Die Dachoase
Neue Formen städtischen Grüns sind in Zürich und Umgebung aber durchaus erkennbar. Ein gelungenes Beispiel ist der Dachgarten des Hochschulcampus Toni-Areal in Zürich West, der seit sechs Jahren heranwächst. Die angenehm temperierte Oase dreissig Meter über Strassenniveau ist ein beliebter Aufenthaltsort der Studierenden, leistet aber noch mehr. Auf der gesamten Fläche von 7000 Quadratmetern enthält der Bodenaufbau Speicherplatten aus Styropor, die das anfallende Regenwasser zurückhalten und so die Abwasserkanäle des ehemaligen Industriequartiers entlasten. Bäume, Sträucher und Stauden saugen das angestaute Wasser auf, ihre Blätter verdunsten es und kühlen damit die Luft über der Dachterrasse. Bei starker Sonneneinstrahlung ergibt das eine Temperaturdifferenz von bis zu zehn Grad zwischen den von der Sonne aufgeheizten Betonplatten am Rand des Dachs und dessen grünem Zentrum. Einer ungewöhnlich starken Substratschicht von 80 bis punktuell 120 Zentimetern ist es zu verdanken, dass der Dachgarten sich gut entwickelt. «Nur eine frühzeitige und intensive Zusammenarbeit zwischen Architekten, Landschaftsarchitektinnen und Ingenieuren ermöglicht das», erklärt Jochen Soukup, Landschaftsarchitekt und Partner bei Studio Vulkan. «Dachgärten sind eine Chance und ein interessantes Aufgabenfeld für unseren Beruf.»


Green Wall, Glattbrugg ZH, 2002.

Die Blätterwand
Die Sonneneinstrahlung vermindern, über Verdunstung Wärme abführen, Regenwasser speichern: Mit solchen Trümpfen warten auch grüne Fassaden auf. Zwei Systeme sind geläufig: das fassadengebundene, bei dem die Pflanzen ihre Nahrung aus Trögen und substrathaltigen Wandplatten an der Gebäudehülle beziehen, und das bodengebundene, bei dem sie direkt aus der Erde wachsen. Letzteres braucht zwar mehr Platz, aber weniger extensiven Unterhalt und schont damit Ressourcen. Ein imposantes Beispiel dafür findet sich in Glattbrugg, wo sich ein Stahlgerüst über die gesamte Länge und Höhe eines Bürogebäudes erstreckt. Fünf Meter von der Südfassade des gläsernen Kubus abgerückt und bis auf 27 Meter hinauf mit sommergrünen Kletterpflanzen berankt, spendet es Schatten und sieht schön aus. Facility Manager Rudolf Eberle: «Im Sommer ist es hinter dem Gerüst angenehm kühl, und in laublosem Zustand gelangen dennoch Licht und Wärme ins Gebäude.» Im Vergleich zu den anderen Fassaden beanspruche die beschattete Südseite an heissen Tagen rund dreissig Prozent weniger Kühlleistung. Eine eindrückliche Zahl. Nachteile sieht Rudolf Eberle nur wenige: Mit zweimal jährlichem Schnitt, regelmässigem Wässern und Düngen halte sich der Pflegeaufwand im Rahmen. Am aufwendigsten sei das Zusammennehmen des Laubs im Herbst. Es habe aber Geduld gebraucht in all den Jahren bis zur heutigen grünen Pracht. «Das Erscheinungsbild war lange etwas mickrig», urteilt Eberle.


Maaghof, Zürich, 2014.

Der Dschungelhof
Das städtische Klima positiv beeinflussen können auch Grünräume am Boden. Im Innenhof der Überbauung Maaghof, wiederum in Zürich West, ist eine üppige Landschaft gewachsen. Schon in den Sonderbauvorschriften von 2004 zur Umwandlung des einstigen Industrieareals hatte die Stadt hier eine offene Fläche gefordert. Das von hohen Wohnbauten gesäumte Rechteck, zu den Gleisen hin offen, ist heute das grüne Herz des Wohn- und Dienstleistungsgevierts zwischen Prime Tower und Pfingstweidpark. Grössere und kleinere Gehölze bilden ein dichtes Grün auf dem topografisch modellierten Untergrund und schaffen Distanz zwischen den Gebäuden. Und der Hof ist gross genug, um einen kühlenden Luftaustausch in Gang zu bringen.
 

Dieser Beitrag ist dem Themenheft «Zürich kühlen» entnommen, das im September 2020 erschienen ist und von der Stadt Zürich und der Hamasil Stiftung unterstützt wurde.

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