Franziska Machens als Hilde Wangel und Robert Hunger-Bühler als Architekt Halvard Solness in der Aufführung am Schauspielhaus Zürich. Fotos: Matthias Horn

Baumeister Solness im Schauspielhaus Zürich

Das Schauspielhaus Zürich zeigt in der laufenden Saison «Baumeister Solness» von Henrik Ibsen – es ist das Drama zur Architektur in der Weltliteratur. Wer sich für die Freuden und Leiden des Architektendaseins interessiert, soll das Schauspielhaus besuchen. Eine Theaterkritik von Köbi Gantenbein.

Die Bühne im Schauspielhaus Zürich ist ein Architekturbüro. Ein grosser Tisch, überstellt mit Plänen, Katalogen, Proviant, Schreibzeug und Modellen. Vorne ein Sessel, hinten eine hohe Wand, auf der Modelle wie die Griffe an einer Kletterwand befestigt sind. Am Tisch arbeiten lustlos und spracharm Vater Knut und Sohn Ragnar Brovik und Kaja Fosli. Der eine ist der abgehalfterte alte Architekt, der andere der Assistent des neuen Chefs und sie die Buchhalterin. In einer packenden Szene führen die Schauspieler das Elend der Unterdrückten in einem Architekturbüro auf: Rechtlos und klein gemacht, ausgebeutet, abgehalftert und sexuell gebraucht von Baumeister Halvard Solness, einem Aufsteiger und Opportunisten, einem Machtmenschen und einem Sensibelchen, gejagt und eingebildet vom Künstlertum. Nun tritt dieser Solness zu seinen drei Angestellten, gekleidet in schicke schwarze Hose und Jacke, etwas zerknittert. Sein erster Auftritt ist einer der grossen Augenblicke in der Zürcher Inszenierung des «Baumeister Solness» von Henrik Ibsen. Grossartig, wie es dem Schauspieler Robert Hunger-Bühler gelingt, allein mit ein paar Gesten und der Stimme die Atmosphäre zu kippen. Das trübe Elend der Angestellten wird aufgeregte Präsenz: Der Herr Chefarchitekt hält Hof und nimmt Huldigungen und Bitten an. Diese und weitere Verwandlungen der Raumstimmungen allein durch Körper und Stimmen bleiben mir im Gedächtnis, wenn Baumeister Solness am Schluss des Dramas aufgebahrt auf dem Zeichentisch liegt und die Lichter angezündet werden im Saal. Vorher aber werden die ewigen Themen der bürgerlichen Moderne aufgeführt: Zerbrochene Ehe, Schürzen jagender Mann, depressive Frau, aufgekratzte und junge Geliebte, vom Schuldgefühl niedergedrückter Mann, der sich an seinem besiegten Vorgänger und ausgebeuteten Knecht gütlich tut, skrupelloser Immobilienspekulant und arroganter Architekt als ewiger Be...
Baumeister Solness im Schauspielhaus Zürich

Das Schauspielhaus Zürich zeigt in der laufenden Saison «Baumeister Solness» von Henrik Ibsen – es ist das Drama zur Architektur in der Weltliteratur. Wer sich für die Freuden und Leiden des Architektendaseins interessiert, soll das Schauspielhaus besuchen. Eine Theaterkritik von Köbi Gantenbein.

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