Raumschlauch oder Schlauchraum? Raum bildet im AZW. Fotos: Pez Hejduk

Ausstellung in Wien: Fliegende Klassenzimmer

Die Ausstellung «Fliegende Klassenzimmer. Wir machen Schule» im Architekturzentrum Wien will den Austausch zwischen Architekten und Lehrern fördern. Mit ungewohnten Mitteln...

Wir kennen das von der Architektur: Kein Radikalismus ist den Wienern radikal genug, um die herrschenden engen Verhältnisse aufzubrechen – und eng sind die Verhältnisse immer. Das denke ich beim Besuch der Ausstellung «Fliegende Klassenzimmer. Wir machen Schule» im Architekturzentrum Wien (AZW). Ein mit gekauten Kaugummis überzogener Stuhl begrüsst den Besucher, farbige Stoffschläuche hängen von der Decke, zerlegte Schulmöbel bilden den Abschluss. Eine Ausstellung muss brennen!
«Wir wollen Impulse geben, damit Schule neu gedacht werden kann» sagt Antje Lehn und Christian Kühn doppelt nach: «Seit dem 19. Jahrhundert bauen wir Schulräume mit 9 x 7 Metern. Als hätte sich pädagogisch nichts verändert.» Die Ausstellung haben beide zusammen mit Renate Stuefer konzipiert. Nach dem steirischen Mürzzuschlag, Salzburg und Dornbirn ist nun Wien die letzte Station, dort, wo die drei Kuratoren lehren. Und wie die drei es für das heutige Lehren und Lernen verlangen ist auch die Ausstellung: keine Frontalveranstaltung, sondern eine Mitmachaktion, ein Experiment. Die Schläuche wollen erkrochen, die Möbelmonster besessen, Tonbänder besprochen, Tische und Wände und Decken bekritzelt werden.
Doch es gibt auch Dokumentarisches: Filminterviews, eine Grundrissgenealogie des Schulhausbaus, ein Kabinett mit schönen Originalplänen und -modellen experimenteller Bauten aus Österreich. Und, breit, das Schulhaus, das hier als Modell der neuen Pädagogik und ihrer Räume präsentiert wird: die Hellerup-Schule, 2002 von arkitema-Architekten in Kopenhagen gebaut. Den klassischen Schulraum ersetzt dort eine Raumlandschaft mit kleinen eingestellten sechseckigen Pavillons für die kurzen «Instruktionsphasen» des Lehrers. Hier wird Schule tatsächlich neu buchstabiert, erarbeitet in enger Zusammenarbeit von Architekten und Lehrerinnen. Und das ist denn auch die grosse Botschaft der Ausstellung: Sucht den Kontakt! Kommuniziert miteinander! Architektinnen, gebt Schule! Lehrer, plant Häuser! Schüler, gebt euch nicht zufrieden! Das macht die Schau erfrischend und neu (für ein Schweizer Publikum) und brennend.
Dass sich auch im Wiener Schulbau etwas tut, zeigt die kleine Parallelschau: Die PPAG architects gewannen den Architekturwettbewerb um den 20.000 Quadratmeter grossen «Bildungscampus» am Wiener Hauptbahnhof mit einem Konglomerat aufgetürmter und miteinander verbundener Schulräume.
Ausstellung «Fliegende Klassenzimmer. Wir machen Schule» bis 30. Mai, Architekturzentrum Wien, www.azw.at

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