Das Wohnzimmer in der Gross-WG ist überhoch. Fotos: Karin Gauch, Fabien Schwartz

Aussergewöhnlich alltäglich

Šik Architekten legten für den Verein Sozialpsychiatrie Region Winterthur eine Grossraumwohnung mit 15 Zimmern an. Das Haus zeigt, wie man mit wenig Aufwand Mehrwert im Alltag schafft.

Dieses Haus in Winterthur hat es in sich, auch wenn die Putzfassade, das Giebeldach und die französischen Fenster unauffällig aussehen. Dahinter legten Šik Architekten eine Grossraumwohnung mit 15 Zimmern an, die sich über zwei Stockwerke erstreckt und die der Verein für Sozialpsychiatrie Region Winterthur (Veso) mietet. In der WG und in der Tagesstätte im Erdgeschoss leben Menschen ab 55, die eine psychische Beeinträchtigung oder soziale Schwierigkeiten haben und ihren Lebensalltag nicht alleine bewältigen können. Sie werden von Fachpersonal betreut, können in der Siedlung aber in einem gewöhnlichen Umfeld wohnen. Und sie unterhalten die Häuser der Genossenschaft Talgut, die das Gebäude erstellt hat.

Der Neubau in Winterthur schliesst die Lücke an der Strasse.

Dass man die Grosswohnung der Architektur nicht ansieht, hat auch mit der Geschichte zu tun. Die Genossenschaft beauftragte die Architekten direkt, nachdem diese einen Wettbewerb für einen Neubau in der Nähe gewonnen hatten. Sie schlugen einen flachen Riegel vor, der die Lücke zwischen den Zeilen aus den Fünfzigerjahren an der Strasse schliesst. Um dem Autolärm zu trotzen, orientierten die Architekten die Schlafzimmer und Balkone auf die ruhige Wiese. An der Strasse planten sie drei Treppenhäuser, die sich auf der Fassade mit einem Bullaugenfenster abzeichnen. Als nun die Veso die Hälfte des Gebäudes übernahm, mussten die Architekten umplanen. Die dritte Treppe öffneten sie zur Galerie und integrierten sie so in die Grosswohnung.

Eleganter Sichtbeton führt nach oben.

Die übrigen sieben 2½- und 3½-Zimmer- Wohnungen blieben unverändert. Minimale Küchen und effiziente Grundrisse sparen Platz. Die hohen Fenster und die Doppelflügeltüren bringen Luft in die sechzig bis achtzig Quadratmeter. Die Zimmer der Gross-WG organisierten die Architekten wie kleine Wohnungen, um für den limitierten privaten Lebensbereich zu entschädigen. Jedes Zimmer hat ein eigenes Bad. Wandschrank, Ablage und Garderobe im Entrée vereinfachen den Alltag. Die separate Luftzufuhr für jedes Zimmer sorgt für akustische Privatsphäre. Das Haus zeigt, wie man mit wenig Aufwand Mehrwert im Alltag schafft. Und wie man trotz schmalem Budget Raum für Besonderes herstellt: Die Treppenläufe schwingen ohne Podest von einem zum nächsten Geschoss, den präzis geschalten Beton zelebrierend. Aussergewöhnlich alltäglich eben.

2. Obergeschoss

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