Anzeige

Nachrichten durchsuchen

Weitere Nachrichten:

Jakobs Notizen

Pulverdampf, Präriestaub, Postauto

weiterlesen für Abonnenten

Presseschau

Zürich stimmt über Kongresszentrum auf dem Carparkplatz ab

weiterlesen

Kultur

Im Garten der Gegensätze

weiterlesen für Abonnenten

Hochparterre

Das neue Heft

weiterlesen

Anzeige

hochparterre. wettbewerbe

Publikationen

Grundrissfibel Museumsbauten

Edition Hochparterre

Anzeige

Fassadenaward ‹Prixforix 2018›

Themenhefte

Vom Schul- zum Lernhaus

Themenhefte

Nachrichten

Architektur

Ein Fussballfeld mitten in Venedig: Vorbereitungen zur Eröffnung des Salon Suisse
Ein Fussballfeld mitten in Venedig: Vorbereitungen zur Eröffnung des Salon Suisse
Aus dem Leben eines Saloniers, 1. Teil

Architektur

Aus dem Leben eines Saloniers, 1. Teil

Text: Marcel Bächtiger / 2.06.2018 17:26


Am vergangenen Biennale-Wochenende eröffnete der «Salon Suisse», der den Schweizer Auftritt mit einer Veranstaltungsreihe ergänzt. Da Mit-Kurator Marcel Bächtiger auch Hochparterre-Redaktor ist, berichtet er an dieser Stelle exklusiv aus dem Leben eines Saloniers.

Das Eröffnungswochenende der Biennale  ist in erster Linie ein gesellschaftlicher Anlass, man merkt das bereits am Mittwoch im Zug von Zürich nach Venedig. Ich und meine zwei Mit-Saloniers, der Kulturtheoretiker Tim Kammasch und der Architekt Stanislas Zimmermann, reisen einen Tag früher als die meisten Gäste, allein sind wir trotzdem nicht. In Bellinzona beispielsweise steigt ein älteres Paar zu, das gleich eine gewisse Aura zu verbreiten weiss – stimmt, Aurelio Galfetti ist auch mit einem Beitrag vertreten. So sieht man an der Architektur-Biennale alte Bekannte wieder oder zumindest Bekannte, deren Gesichter man von irgendwelchen Fotos her zu kennen meint. Angekommen in Venedig treffen wir als erstes auf Hochparterre-Redaktor Axel Simon, der zufälligerweise im gleichen Hotel wohnt wie wir, als zweites auf Laura Tinti, die als lokale Salonière amtet und unser vierköpfiges Kuratorenteam komplettiert. Laura Tinti war bereits auf dem Ausstellungsgelände und weiss zu berichten, dass «the Swiss and the Dutch» die überzeugendsten Pavillons stellen. In Bezug auf den drei Tage später verliehenen Goldenen Löwen als genauso hellsichtig erweist sich die erste Einschätzung von Hochparterre-Redaktor Andres Herzog, der bereits einen ganzen Tag in den Giardini verbracht hat und zufälligerweise auch im gleichen Hotel wohnt: der Schweizer Beitrag erhält von ihm die Note «sehr gut». Wie man sieht, geht es neben dem unvermeidlichen Who-is-Who-Geraune und der Frage, welches Land die bessere Party veranstaltet, auch um Inhalte, und manche Diskussion wird geführt in diesen Tagen über den Schweizer Pavillon, dessen Witz die Meinungen in zwei Lager spaltet. Lustig und klug, sagen die einen, lustig, aber inhaltsleer, sagen die anderen. Dabei verhandelt «Svizzera 240» doch nichts Geringeres als die ur-architektonische Frage nach dem menschlichen Massstab. 


Geheimnisse der Lagunenstadt

Unsere Aufgabe während der Preview- und Eröffnungstage ist derweil relativ bescheiden: am Donnerstag Abend halten wir eine kleine Rede, die gerahmt wird von zwei Musik-Performances, anschliessend lädt die Pro Helvetia zu einem ihrer beliebten Apéros. Das eigentliche Programm des «Salon Suisse» startet dann im September (genauere Angaben siehe unten). Das einzige Problem ist, dass am Mittwoch noch niemand weiss, wo genau die Eröffnungsfeier des Salon Suisse überhaupt stattfinden soll. Der schöne Palazzo Trevisan degli Ulivi – Sitz des Schweizer Konsulats und der venezianischen Pro Helvetia-Filiale sowie Veranstaltungsort für die Vorträge, Lesungen und Gesprächsrunden des Salon Suisse im Herbst –  ist für die angemeldete Anzahl Gäste zu klein, der Platz davor zwar gross, an Sommerabenden aber auch sehr belebt und deshalb für eine längere Rede und ein zartes Lied am Piano schlicht zu laut. Doch die Lagunenstadt ist voller Geheimnisse, und so öffnet sich unverhofft die Tür zu einem grossen Hof, der eigentlich ein Fussballfeld ist und inmitten der venezianischen Gässchen- und Göndelchen-Romantik die Fahne des Neorealismus hochhält. Es ist, als befände man sich im italienischen Irgendwo, aber sicher nicht im Zentrum Venedigs, und das passt nun sehr schön zum Thema des Salons, der sich unter dem Titel «En marge de l’architecture» an die Ränder des Architekturdiskurses vorwagen und Erkenntnisse und Inspirationen von ausserhalb der Disziplin schöpfen will. 

Meeresrauschen in der Basilika

Es kommen dann tatsächlich sehr viele Besucher zu unserer Eröffnungsveranstaltung. Sie tragen luftige Kleider und Sonnenbrillen und Strohhüte, und man staunt, wie zuverlässig die Biennale aus gewöhnlichen Architekten eine Mischung aus Künstler-Bohémien und Filmstar zu machen versteht. Die Gäste versammeln sich auf dem Campo Sant’Agnese vor dem Palazzo Trevisan und werden dann als erstes durch eine unscheinbare grüne Holzpforte in den Innenraum der Chiesa Sant’Agnese gelotst. In der romanischen Basilika setzen der Klangkünstler Fritz Hauser und die Cellistin Martina Brodbeck alsbald zu einem weit ausholenden Stück improvisierter Musik an. Fantasievolle Ohren hören in den nächsten Minuten das Zwitschern von Vögeln oder das Rauschen des Meers, niemandem aber kann entgehen, wie noch das leiseste Knistern sich in den Weiten des Raums verirrt und der Schall der tiefen Pauke dem steinernen Fussboden entlang rollt. Die Musik eröffnet neue Perspektiven auf die Architektur, und so vermittelt die Performance des Duos Hauser/Brodbeck auf einer sinnlichen Ebene, was wir an unseren Veranstaltungen im Herbst auch inhaltlich im Sinn haben. Dies wollen wir in unserer Rede erläutern, weshalb die Gäste nun durch das Hauptportal die Kirche verlassen, die Strasse überqueren und durch eine weitere kleine Pforte auf den besagten Fussballplatz gelangen. 

Einladung zu einer Reise

Weil die Schweiz den Föderalismus hochhält und der Salon Suisse sich an ein internationales Biennale-Publikum richtet, sprechen wir in französischer, italienischer und englischer Sprache, nur seltsamerweise nicht deutsch. Die programmatischen «opening lines» unserer Rede wollen wir dem geneigten Leser an dieser Stelle aber nicht vorenthalten, und wir geben sie ausnahmsweise in unserer Muttersprache wieder. Sie lauten ungefähr so:

«Unsere Welt, verehrte Damen und Herren, ist in tiefgreifendem Wandel begriffen. Wir befinden uns inmitten der vierten industriellen Revolution, in schwindelerregendem Tempo verändert die Digitalisierung den Menschen und seine Lebensumwelt. Gleichzeitig scheint die Existenz jedes Einzelnen undurchsichtigen ökonomischen und politischen Machtstrukturen unterworfen. Manchmal kommt es einem vor, als würde sich unsere altbekannte Realität langsam aber sicher in einer nebligen Masse auflösen, in der sich Restbestände der greifbaren Welt mit einer stetig wachsenden Anzahl virtueller Realitäten und alternativen Fakten vermischen.

Zwangsläufig stellen diese Phänomene auch das Selbstverständnis der Architektur und der Architekten in Frage. Die tradierte Rolle der Architektur als baulicher Ausdruck einer Kultur scheint je länger je mehr der Marginalisierung anheim zu fallen – vielleicht ist «Baukunst» in Zukunft bloss noch die schillernde Verkleidung von Realitäten, welche sie weder beeinflussen noch gestalten kann. Wenn aber die Architektur ihre gesellschaftliche Relevanz verliert, dann muss unsere Frage lauten: Wie können wir sie zurückgewinnen?

Wie man weiss, gibt es auf komplexe Fragestellungen selten einfache Antworten. Mit Sicherheit aber stellen weder der ästhetische Eskapismus noch die eitle Selbstbespiegelung, wie sie in der gegenwärtigen Architekturszene zu beobachten sind, vielversprechende Lösungen dar. Hingegen waren in der langen Geschichte der Architektur stets solche Momente die fruchtbarsten, da sich der Diskurs den Gedanken, Erkenntnissen und Erfindungen aus anderen Disziplinen öffnete. 

Das Programm des Salon Suisse ist deshalb als Einladung zu einer Reise zu verstehen. Wenn die Architektur eine Insel im Archipel der künstlerischen und wissenschaftlichen Disziplinen ist, dann ist der Salon das Schiff, das den sicheren Hafen verlässt. Von fremden Gestaden wollen wir zurückblicken auf die Baukunst, um ihre kulturelle und gesellschaftliche Relevanz für das 21. Jahrhundert zu erkunden.

Heute ist der feierliche Tag der Einschiffung, der Tag, an dem unser Schiff die Segel hisst und zu neuen Horizonten aufbricht. Die Zeiten mögen schwierig sein, werte Gäste des Salon Suisse, aber unsere Reise ist voller Hoffnung.»

Wie man sieht, haben wir ein ernstes Thema in die heitere Metapher der Reise gekleidet. Heiter und anregend stellen wir uns auch die Salon-Gespräche vor, die im September, Oktober und November stattfinden und Menschen aus so unterschiedlichen Disziplinen wie der Philosophie und Anthropologie, der Literatur und der bildenden Kunst, der AI-Forschung und der Komparatistik zusammenbringen. Im gegenseitigen Austausch und Gespräch, dies unsere unbescheidene Hoffnung, lässt sich ein präziseres Bild unserer komplexen Gegenwart gewinnen und damit auch der Beitrag der Architektur zu einer lebenswerten Gesellschaft definieren. 

Das Lied eines Architekten

Als eine Art lebende Personifikation dieses transdisziplinären Ansatzes tritt zum Ende des offiziellen Teils des Abends Hanns Zischler auf. Herr Zischler ist Schauspieler (er spielte in Filmen von Wim Wenders und Steven Spielberg), aber auch ein durch Zeit und Raum wandelnder homme de lettres und Sammler flüchtiger Realien: viel gerühmt sind seine Bücher über Kafka als Kinogänger oder die geheime Stadtgeschichte Berlins. Am Samstag, 15. September wird er den Salon Suisse mit einem Vortrag und einem Gespräch beehren, jetzt aber tritt er als Musiker auf. Oder vielleicht auch als Architekt. Denn das Lied, das er am Piano vorträgt, hat er vor 38 Jahren schon einmal gesungen, im Kultfilm «Berlin Chamissoplatz», in der Rolle des Architekten Martin Berger, der von der Seite der Bauspekulanten auf diejenige der Hausbesetzer wechselt. Der Liebe sei dank. Es ist ein zartes, zerbrechliches Lied mit einer betörenden Melodie, das an diesem Abend wie die Notenblätter vom aufkommenden Wind davongetragen wird.

In Zusammenarbeit mit Pro Helvetia.

Salon Suisse 2018

Das von Marcel Bächtiger, Tim Kammasch, Stanislas Zimmermann und Laura Tinti kuratierte Programm «En marge de l’architecture: Encounters beyond the discipline» für den «Salon Suisse 2018» besteht aus einer Reihe von Diskussionsrunden und Veranstaltungen, welche die Ausstellung im Schweizer Pavillon ergänzen. Der «Salon Suisse» findet im Palazzo Trevisan degli Ulivi statt. Als Partner des «Salon Suisse» unterstützt die Laufen Bathrooms AG das Programm.

Salon d’ouverture: 24. Mai 2018
Gäste: Martina Brodbeck, Fritz Hauser, Hanns Zischler


2ème Salon: 13. - 15. September 2018

Gäste: Jörg Gleiter, Ludger Schwarte, Caroline Torra-Mattenklott, Hanns Zischler

3ème Salon: 2. - 6. Oktober 2018

Gäste: Nanni Baltzer, Sebastian Bührig, Markus Draper, Patricia Hämmerle, Marcia Silvia Ponce de León, Christoph P. E. Zollikofer

4ème Salon: 22. - 24. November 2018
Gäste: Mercedes Bunz, Corrado Chiatti, Dorothee Elmiger, Antonio Facca, Chiara Faggionato, Kurt W. Forster, Steffen Mau, Ludovica Molo, Daniele Tucci

 

Das Booklet zum Salon Suisse 2018 kann hier heruntergeladen werden.

RSS-Feed Artikel drucken

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden

Kommentar schreiben
   

Name*

 

E-Mail* (wird nicht angezeigt)

 

URL*

 

Kommentar*

 
  Bitte geben Sie das unten angezeigte Wort ein:


(Ich kann das Wort nicht lesen)

 
https://www.hochparterre.ch/nachrichten/architektur/blog/post/detail/aus-dem-leben-eines-saloniers-iiv-die-eroeffnung/1527859748/