Verschiedene Archithese-Generationen: von Moos, Tschanz, Bürkle, Steinmann, Tischhauser Fotos: Axel Simon

Aufdecken statt Abfeiern

Die Archithese ist 40 und feiert sich. Mit einer Ausstellung im Architekturforum Zürich und mit einigen Diskussionsrunden. Gestern lief die erste. Und überraschte mit einigen pikanten Enthüllungen.

Die Archithese ist 40 und feiert sich. Mit einer Ausstellung im Architekturforum in Zürich und mit einigen Diskussionsrunden. Gestern lief die erste. Als Stanislaus von Moos ansetzte die Gründungsgeschichte der «Schriftenreihe» zu erzählen, fragte sich mancher einen kurzen Moment: Hab ich das nicht schon mal gehört? Nein, gelesen! Im letzten Archithese-Heft, das den Geburtstag nutzt, sich der eigenen Geschichte und der Architekturkritik im Allgemeinen zu widmen – stellenweise eher langfädig.
Was dem Abend auch drohte, doch der entwickelte sich trotz der lahmen Moderation Christoph Bürkles (Redaktor seit 1997) zu einem spannenden Stück über die Abhängigkeiten des Schreibens vom Geld: Denn egal welche Archithese-Ära – die des Venturi-Freundes von Moos  (Redaktor 1971-80) oder des Architektenschmeichlers Martin Steinmann (1981-86), ob das kurze Gastspiel des AA-Absolventen Anthony Tischhausers (1987-90) oder die gta-Phase mit Martin Tschanz (1992-97) – immer tauschte die Redaktion, wenn der Karren wieder einmal knietief im Geldloch steckte oder/und der Verband FSAI (und auch mal der BSA) sich im inhaltlichen Konzept nicht wiederfand. Briefe und Notizen zu diesen internen Streitereien hängen im Architekturforum an der Wand und lesen sich zum Teil wie die Arbeit eines Privatdedektivs.
Spannend waren vorallem die feinen Aufdeckungen, die die nur drei Dutzend Besucher des Podiums erfuhren: Co-Gründer Hans Reinhard sorgte laut Bürkle selbst beim aktuellen Heft noch dafür, dass nach Drucklegung ein Bogen ausgewechselt wurde, um eine seiner Aussagen zu entschärfen. Oder Robert «FSAI» Hächler, ehemaliges Mitglied der Redaktionskommission, der in einem Nebensatz erwähnte es gäbe 3000 Archithese-Abos (von denen noch 800 wegbrachen) – bei einer offizieller Auflage von 8500. Oder dass die Archithese unter von Moos viele Leserbriefe erhielt, unter Steinmann deren drei (von denen er selbst einen unter Pseudonym schrieb) und unter Tschanz & Co. keinen einzigen.
Die Frage nach der inhaltlichen Ausrichtung, die Bürkle seinen Gästen immer wieder stellte, beantwortete er selbst, bezogen auf seine Archithese-Ära, mit keinem Wort (so wie er auch mit keinem Wort den Redaktor Hubertus Adam erwähnte, der das Heft doch wesentlich mehr prägt): Alle früheren Redaktionsgruppen schrieben über Themen, die sie interessierten, für die sie standen. Bürkle verpackte seine inhaltliche Konzeptlosigkeit in die Aussage, das Heft sei für die Leser da. Und schwang den Hammer weit für eine kritische Berichterstattung – die, wir alle wissen es, in der Archithese nicht wirklich zu finden ist. Das Resüme, gezogen mit einem Bier vor den versammelten Archithese-Jahrgängen in der Ausstellung: Die früheren sind Zeitgeschichte. Man nimmt sie in die Hand, macht Entdeckungen, verliert sich gern. Ob das beim letzten Hundert jemals der Fall sein wird? Ich habe meine Zweifel.

Die weiteren Veranstaltungen:

8.9., 18.30 Uhr in der Buchhandlung Orell Füssli Kramhof, Zürich: Gespräch moderiert von Karin Salm

14.9., 19 Uhr im Architekturforum Zürich: Gespräch mit jungen Architekturvermittlern

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