Zürichs Zukunft
Der holländische Urbanist Winy Maas und die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch stellten in der Volkshochschule ihre «Visionen für Zürich» vor. Eine Analyse.
«Man muss immer zuerst das Gute einer Sache sehen und loben», antwortete Winy Maas einem Besucher der Volkshochschule, der ihn frug, was er über den «vollkommen missratenen neuen Stadtteil Zürich West» denke. Also will ich es auch so halten. Der Abend der Volkshochschule Zürich zu «Utopien für Zürich» zog weit über hundert Leute an, die bereit sind, für eine urbanistische Diskussion 30 Franken zu riskieren. Welcher Erfolg für das Programm des neuen Direktors Pius Knüsel, die altehrwürdige Institution mit neuen Themen und Formaten zu beflügeln. Anders als an den üblicherweise brötigen Veranstaltungen von Urbanisten und Planerinnen wurde auch gelacht und geklatscht. Winy Maas, der holländische Architekt des Büros MVRDV, sprang vor einer Kaskade Folien hin und her und erläuterte sie in charmantem Dialekt, wie wir ihn vom TV-Moderator Rudi Carell kennen. Auch Corine Mauch ist eine kluge Rednerin mit glänzenden Augen und zierlicher Stimme. Man glaubt der Frau, was sie sagt, auch wenn sie es in die Watte der Politsprache verpackt. Ihre Ideen sind bodenständig sozialdemokratisch – es war kein Wahlkampfanlass und dennoch wussten alle im Saal: Diese Frau werden wir als Stadtpräsidentin wieder wählen, sie ist klug, überlegt und heiter; ihr aufgeregt plappernder Herausforderer, der Besserwisser Filippo Leutenegger, hat gegen sie wenig zu bestellen. Aber genügt das?
Gewiss, Winy Maas ist ein virtuoser Urbanist der technoiden Bilder, die vor zwanzig Jahren mit geometrischen Konstruktionen in grossem Massstab Stadtentwicklung zu prägen begonnen haben, wie wir sie heute zum Beispiel in der Hafencity von Hamburg, in Rotterdam und auch in Zürich West kennen – ein Silbertablett für Investoren und ein Kraftraum für Architekten. Aber es ist schon erstaunlich, wie Maas noch an seine Bilder glaubt, die er vor gut elf Jahren für Avenir Suisse als «Stadtland Schweiz» gezeichnet hat. Die Berge, vollgeklebt mit Solarpanels; Autobahnen auf hohen Stelzen über, nicht durch die Alpen; «Super Zürich» als Hochhaussiedlung rund um den Zürichsee. Solche alten Gamellen präsentierte er selbstbewusst als offenbar immer noch aktuelles Bild seiner «Vision für Zürich» heute. Und er führte als Beleg für die Güte seiner alten Bilder eine Reihe Projekte an, die seither geschahen: Heinz Julens Hotelzukünfte fürs Wallis oder das Solarkraftwerk auf den Lawinenverbauungen von St. Antönien. Schade nur fuhren beide Vorhaben ebenso in den Schilf wie Winy Maas’ eigene Beiträge für ein neues, gigantisches TV-Zentrum in Zürich Leutschenbach oder eine urbanistische Studie für den Klotener Berg, wo er einen Stadtteil in den Untergrund versenkte und darüber einen Walddeckel legte. Technoider, megalomaner Städtebau, getragen von einem eigenartigen Glauben an die Kraft der Konstruktion und der Geometrie, abgehoben und weit weg vom menschlichen Massstab, den wir doch auch der Stadt gerne gönnen wollen. Als PS führte Maas sein bestes Projekt an: Den Emmenblock, mit dem MVRDV den Blockrand als ewiges städtebauliches Muster kritisiert und ihm eine fröhliche Verschachtelung von kleinen Einheiten mit Gassen und Plätzen, Brüchen und Knicken entgegenstellt. Die holländischen Architekten gewannen damit einen Wettbewerb in Emmen.
Gewiss ist eine Stadtpräsidentin eine Politikerin, die mit Sinn und Verstand für Harmonien ein Orchester dirigiert. Aber soll sie nicht auch ab und zu eine Dissonanz wagen? Muss es immer Schubert sein? Alban Berg klänge doch auch schön. So stellte Corine Mauch «Vielfalt, Offenheit und Solidarität» als ihren Dreiklang der Utopie vor. Wer will etwas dagegen sagen, zumal die rotgrüne Politik mit diesem Dreiklang eine eindrückliche Reihe Projekte realisiert hat – unterstützt von Mehrheiten an der Urne? Gewiss, ihr Dreiklang tönt besser als die aufgeregte urbanistische Musik von Winy Maas oder die schrillen Trompetenstösse der programmatisch armseligen bürgerlichen Opposition in der Stadt Zürich. Aber er genügt nicht. Der Dreiklang ist ein Akkord voller Traditionen. Und so rate ich der Stadtpräsidentin – sie ist eine Musikerin – auch den wichtigsten aller Dreiklänge wieder einmal zu hören: «Liberté, egalité, fraternité». Gewiss kann sie die politisch wenig korrekte «fraternité» mit der Solidarität ersetzen. Aber «Liberté» und vor allem «Egalité» möge sie ihrem Wohlfühldreiklang dazufügen und so einen Akkord über fünf Stufen anschlagen. Gewiss – wir lieben den idyllischen Dreiklang, aber wir freuen uns ja auch in ungewohnten, neuen Klangwelten – ich liebe Schuberts idyllische Lieder aus dem Biedermeier und ich habe erst neulich Alban Bergs neutönende «Altenberglieder» entdeckt – welcher schräge Gutklang, welcher Weitblick!
Nächste Veranstaltungen zu Städtebau in der Ringvorlesung «Utopien für Zürich». Am 28. Januar spricht Thomas Held über Kulturbauten als «Visionen versus Notwendigkeiten». Und am 11. Februar reden die Denkmalprofessorin Uta Hassler und der Immobilienexperte Martin Hofer von Wüest & Partner über die «Utopie der Werterhaltung. Zürich als Immobilie oder Denkmal».