Mehr als Stuttgart

Früher stellte man Andreas Hofer so vor: vom Hausbesetzer zum Genossenschaftsentwickler. Heute dirigiert er eine ganze Region. Eine Reise zur nächsten grossen IBA.

Text: Axel Simon
14.08.2019 09:30

Amber Sayah, die Architekturkritikerin der ‹Stuttgarter Zeitung›, schrieb Klartext über ihre Stadt: Autos, Staus und Feinstaub, Wachstumsdruck und Wohnraumbedarf, unterdurchschnittliche Architektur und stadträumliche Zurückgebliebenheit. In einem Wort: «Wohlstandsverwahrlosung». Anlass ihres Artikels war Anfang 2017 der Startschuss der IBA 2027 Stadtregion Stuttgart, einer Internationalen Bauausstellung, die zumindest einige dieser Probleme lösen helfen soll. Und den Blick der Welt auf Stuttgart lenken, so wie die Weissenhofsiedlung, wo die Heroen der Modernen Architektur vor bald hundert Jahren ihre Statements bauten: So wohnt man heute! Oder besser: So sollte man wohnen. Amber Sayah und viele andere waren skeptisch gegenüber der IBA 2027. Auch, weil die Initiative von der regionalen Wirtschaftsförderung gekommen war. Das vorgestellte Memorandum strotzte vor Begriffen wie Innovation, Integration oder Nachhaltigkeit, blieb aber beliebig. Nett, erwartbar, zündet nicht, fand Sayah. Ohne einen Direktor «vom Kaliber eines Ludwig Mies van der Rohe, wie einst auf dem Weissenhof», würde es nicht gehen, prophezeite sie. Und eigentlich waren sich alle kritischen Geister Stuttgarts einig: Diese IBA wird scheitern. Doch dann kam Andreas Hofer.

Hoffnungsträger Hofer
Der neue Mies van der Rohe raucht Zigarette statt Zigarre. Er ist dürr, nicht dick. Er hört zu, statt Grundsatzreden zu schwingen. Ein weisses Hemd ist das Einzige, was Andreas Hofer mit dem Direktor der legendären Werkbundsiedlung verbindet – und auch das trägt der IBA-Intendant nur, weil er am Abend eine Veranstaltung mit mehreren hundert Gästen hat. Sonst T-Shirt. Etwas müde sitzt er auf einer Gründerzeit-Veranda im Zentrum von Stuttgart. Hier bezog er mit seinem 14-köpfigen Team kürzlich eine Etage, und hier diskutierte er gerade einen halben Tag lang die Aufnahme neuer IBA-Projekte mit seinem Kuratorium, bestehend aus Experten vieler Disziplinen und aus allen Teilen Deutschlands, aus der Türkei und aus Österreich, aus London, Kopenhagen und São Paulo. Das I von IBA steht schliesslich für international.

Bau ausstellen
Die Ausstellung, mit der sich 1901 die Künstlerkolonie auf der Darmstädter Mathildenhöhe präsentierte, gilt als die erste Internationale Bauausstellung. Unter den sechs Werkbundausstellungen der Zwanzigerjahre wird nur die bekannteste als IBA gehandelt: die Weissenhofsiedlung in Stuttgart von 1927. Mit zwei Berliner IBAs folgten die beiden letzten, die mit ihrer Architektur in die Baugeschichte eingingen: Während die Interbau Berlin 1957 im Hansaviertel den Nachkriegsmodernismus salonfähig machte, verhalf die IBA Berlin in den Achtzigerjahren der Postmoderne zum Durchbruch.

Gleichzeitig war sie die erste Bauausstellung, die sich als Instrument der Stadtentwicklung verstand. In Kreuzberg bezog sie die Sanierung von Altbauten mit ein und propagierte in der Südlichen Friedrichstadt die kritische Rekonstruktion der historischen Stadt. In den Neunzigerjahren weitete die IBA Emscher Park das Prinzip auf das halbe Ruhrgebiet aus. Sie zeigte, wie man den Strukturwandel einer gebeutelten Region vollziehen kann, und tat das erstmals mittels Umnutzung grosser Industriedenkmäler und Landschaftsgestaltung.

Dass man von den nach 2000 folgenden Bauausstellungen wenig mitbekommt, hat auch mit der weniger gewichtigen Rolle der Architektur zu tun. Diese ist nicht mehr in der Lage, einer IBA Ikonen zu liefern. Prozesse und Planungskultur stehen im Vordergrund. Es gilt, komplexe soziale, wirtschaftliche und ökologische Fragen einzubeziehen, Finanzquellen zu erschliessen, manchmal auch über nationale Grenzen hinaus zu agieren. Auch sorgt die Häufigkeit heutiger IBAs für Unübersichtlichkeit: Derzeit laufen sechs verschiedene.

Internationale Bauausstellungen
1901 Mathildenhöhe Darmstadt
1927 Weissenhofsiedlung Stuttgart
1957 Interbau Berlin
1979–1984 / 87 IBA Berlin
1989–1999 IBA Emscher Park
2000–2010 IBA Fürst-Pückler-Land
2002–2010 IBA Stadtumbau
2006–2013 IBA Hamburg
2010–2020 IBA Basel
2012–2022 IBA Heidelberg
2012–2023 IBA Thüringen
2013–2020 IBA Parkstad
2016–2022 IBA Wien
2017–2027 IBA Stuttgart