Wo Stefan Kurath genau hinschaut: zum Beispiel in Freienbach.
Wo Stefan Kurath genau hinschaut: zum Beispiel in Freienbach.

Es braucht den politischen Architekten

Der Planungswissenschaftler Stefan Kurath fordert, dass Architekten sich politisch engagieren, statt sich an selbstbezogenen Entwürfen zu erfreuen.

Text:
Fotos: Pirmin Rösli
02.09.2013 15:32


Der Planungswissenschaftler Stefan Kurath fordert in seinen Büchern, dass Architekten sich politisch engagieren, statt sich an selbstbezogenen Entwürfen zu erfreuen.


Stefan Kurath, Sie haben den Ort für das Porträtbild selbst gewählt? Wo sind wir?
Hinter mir steigt das Durcheinander von Wollerau am oberen Zürichsee den Hang hinauf und hinunter. Es gibt hier keine Koordination, keinen richtigen Plan, keine öffentlichen Räume, nur von Ingenieuren geplante Strassen. Wir sind in der Zersiedelung. Der Ort schmerzt mich als Architekt, und er interessiert mich als Forscher.
Sie haben dutzende Artikel und ein gescheites Buch über Raum- und Stadtplanung geschrieben. 
Sie sind Vortragsreisender und lehren als Prof. Dr. Urban Landscape an der Hochschule Winterthur. Was treibt Ihre Forscherfreude in Freienbach an?


Wir Architekten gehen davon aus, dass ein Plan, der in unseren Ateliers erdacht und gezeichnet wird, eins zu eins umgesetzt wird. Das ist ein Irrtum. Das funktioniert nicht einmal bei einem Haus. Je grösser der Massstab, umso grösser die Diskrepanz zwischen dem Architektenwollen und der Realität. Wollerau ist ein typisches Beispiel dafür. Mich interessiert, weshalb das so ist und unter welchen Bedingungen Architekten etwas erreichen könnten.
Welche Antworten hat Stefan Kurath gefunden?

Wir Architekten haben an Ortsbildern und sozialen Situationen wie jenen von Wollerau erheblichen Anteil. Die Landnahme, die Bauern als Bodenmillionäre, der Ausbau der Autobahn, der sich entfaltende Wohlstand und all die Interessen, die hinter dieser Entwicklung stehen, haben in vielfältigen Koalitionen die Planung bestimmt. Architekten mit baukulturellen Ambitionen haben da nicht mitgemischt, obwohl das gerade die Realisierungschancen baukultureller Ziele verbessern würde. Es gibt viel künstlerisches und wenig politisches Wollen unter ambitionierten Architekten. Interessiert sich ein Architekt 
für Planung, so gilt er unter seinesgleichen als gescheitert. Bezeichnend ist, dass sich an der ETH neunzig Prozent der Abschlussarbeiten mit dem Design eines Hauses beschäftigen und nur zehn Prozent mit der Planung der Stadt. Bei uns an der Hochschule in Winterthur ist das ähnlich – obwohl die Studierenden sich im Master mindestens ein Semester mit städtebaulichen Problemstellungen befassen müssen. Umso wichtiger ist, dass wir in Winterthur diesen Passus haben. Der grosse Massstab muss zur Architekturausbildung gehören genauso wie der kleine. Das zeigt Wollerau.
Das sind eher kräftige Worte des Kritikers als Resultate des Forschers.
Welche Erklärungen bietet er?

Als Planungswissenschaftler interessiert mich die Empirie. Ich stützte mich für meine Dissertation, meine Vorträge und meine Lehre auf das Werk des französischen Soziologen Bruno Latour. Er hat wegweisende Bücher über Naturwissenschaft und Technik geschrieben. Angelus Eisinger hat mich in diese Welt eingeführt. Latours Akteur-Netzwerk-Theorie holt den Architekten vom Sockel des Schöpfergottes. Sie verlangt von ihm, dass er sich vom kleinen Massstab des Hauses bis zum grossen der Stadt politisch in einem System bewegen lernt. Sie setzt ihn als Rollenträger in ein komplexes Aushandeln von Zielen und Wegen ein. Sie schlägt ihm vor, Allianzen zu schmieden, seine Ideen zu übersetzen und proaktiv zu arbeiten, anstatt nur alles besser zu wissen. Arbeitet ein Architekt als individueller Künstler, der die Autonomie der Architektur lebt, wird sein Werk vielleicht von den Kollegen gelobt werden, gesellschaftlich aber ist es irrelevant und städtebaulich zumeist wirkungslos.
Schauen wir den Hintergrund Ihres Porträts an. Ist Freienbach wie Freienbach ist, weil Bruno Latour seine Bücher in den Sechzigerjahren noch nicht geschrieben hatte?

Ich habe unter anderem die Planungsgeschichte des Seedamm-Centers in Freienbach aufgearbeitet. Da sieht man in der Tat, dass die Architekten und Planer in den Akteur-Netzwerken, die diesen Ort gestaltet haben, keine wirksame Rolle gespielt haben. Der Bauer als Landverkäufer, der Strasseningenieur, der Investor – alle haben ihre Interessen in Allianzen durchsetzen können – die Planer sassen wohl mit am Tisch, aber sie waren nur im Stande, ihr Können als Dienstleister und Plänezeichner einzubringen. Baukulturelle Anliegen blieben auf der Strecke. Meine Erkenntnis ist, dass alle Akteure, ausser den Planern, in Allianzen ihre Ziele erreichen können. Das diplomatische Unvermögen der Architekten, Koalitionen zu bilden und ihre kulturellen Anliegen zu vermitteln, hat seit dem Auf- und Ausbau von Freienbach und Wollerau zugenommen.
Ist der landläufige Architekt nicht sehr wohl ein wendiges und opportunistisches Mitglied in der Seilschaft, die Bild und Substanz der Schweiz in Hunderte Freienbach verwandelt?

Als Profiteur schon. Doch der Schmerz ist ja, dass baukulturelle und städtebauliche Anliegen auf der Strecke blieben und bleiben. Wir sind ja heute so weit, dass ambitionierte Architekten vor verschlossenen Türen stehen, dass sie samt ihrer autonomen Architektur niemand ernst nimmt, weil sie niemand versteht. Mich bekümmert, dass wir nicht im Stande sind, unser Fachwissen zu übersetzen. Und das ist so, weil wir uns als Schöpfer verstehen, selbstbezogen und kreisend um Designfragen, aber unfähig zu politischem Handeln. Das hat uns entbehrlich gemacht.
In der Stadt Zürich blühen baukulturelle Ambitionen, dank denen sich Architekten – so wie die Akteur-Netzwerk-Theorie es vorschlägt – erfolgreich engagieren.Im babylonischen Gewühl von Lausanne oder in Sitten im wilden Wallis gelingt es, Baukultur zu realisieren, sodass es gar zum Wakkerpreis reicht. Wie ordnen Sie denn solche Planungsgeschichten in Ihre Kritik ein?

Mich interessieren weniger die Städte, wo vieles dank einer grossen Planungsverwaltung mit guten Leuten gut läuft. Auch weiss ich, dass kleine Gemeinden wie Vrin politische Planung zu gutem Resultat bringen, weil ein Einzelkönner wie Gion Caminada sich präzis im Sinne der Akteur-Netzwerk-Theorie politisch engagiert. Seit den Sechzigerjahren wird aber die Schweiz wie Freienbach. Und da haben weder Architektur noch Planung noch Baukultur einen Hauch von Chance, weil wir Architekten in den Gegebenheiten nicht handeln können. Kaum ein Gemeindepräsident will das Wort Baukultur hören.
Im Glattal hat sich die Gruppe Krokodil herzhaft und bodenständig engagiert. Handeln diese Architekten, die ja Freude haben an ihren autonomen Bauten, nicht präzis so, wie Sie es fordern?
Als Architekt bin ich begeistert. Gut, werden Architekten aktiv. Als wirkungsgeschichtlich orientierter Forscher stehe ich der Herangehensweise etwas kritisch gegenüber. Die Autoren sind, wie es zum Selbstbild des Architekten gehört, von oben her mit dem Helikopter eingeflogen, um zu sagen, wie es geht. Das schmälert die gesellschaftliche Wirkung. Diese entsteht, wenn baukulturell engagierte Architekten als Diplomaten in Knochenarbeit Allianzen mit anderen Interessen schmieden und durchsetzen. Wenn wir etwas gelernt haben in der realen Schweiz der letzten fünfzig Jahre, dann, dass der grosse, gut gemeinte und allwissende Plan nicht funktioniert. Die Gruppe hat sich zumindest Gehör verschafft. Wie sich ihre Arbeit auf das Glattal auswirken wird, das wird die Zukunft zeigen.
Sie reden einem klug gesteuerten Akteur-Netzwerk das Wort, in dem der ambitionierte Architekt seine kulturellen Anliegen und sein Wissen als pfiffiger Allianzenschmied umsetzt. Überschätzen Sie 
da nicht schlicht das Gewicht von Kultur gegen die Interessen von Eigentum und Geld?

Die Macht ist zum Glück nicht immer nur auf der Seite des Kapitals. Es gibt viele Beispiele in der Wirtschaft oder im Sozialleben, wie kulturelle Interessen in Allianz mit öffentlichen Anliegen das Geldinteresse überflügelt und zu gemeinsinnigen Lösungen verpflichtet haben. Auch die politisch aufgeweckte Planung in Städten wie Zürich oder Lausanne ist im Stande, dem Kapital erhebliche Konzessionen abzuringen. Das gibt es kaum in der Agglomeration, und das ist so, weil die Architekten und Raumplaner in diesen Orten unfähig zu proaktivem Handeln, zu Diplomatie und zu Allianzen oder konsterniert von der Knochenarbeit sind. Sie führen nur noch Dienstleistungen aus.
Die Akteur-Netzwerk-Theorie geht von den Beständen aus. Sie steuert pragmatisch um Klippen. Fragt sie auch, ob der Kompass neu eingestellt werden muss? Ob die gesetzlichen Grundlagen zu verändern sind? Ob ein griffiges Bodenrecht nicht besser ist als die Raumplanungspredigt?

Ich gebe nicht viel auf gouvernamentale Politik als Mittel für mehr Baukultur. Wir wissen nicht im Voraus, welche Folgen Gesetze haben. Ich bin sicher, dass viel Energie aufgewendet wird, die Zweitwohnungsinitiative oder die Kulturlandinitiative im Kanton Zürich mit allen möglichen Tricks zu umgehen. Die Veränderung des Rahmens ist gut und wichtig, mich interessiert aber, was im unmittelbaren Handlungsraum wie geschieht. Und meine Skepsis wird auch genährt von der Geschichte des Raumplanungsgesetzes. Gouvernamental ist klar, was hätte passieren müssen – in Freienbach und überall ist anderes passiert als im Gesetz vorgesehen.
Sie fordern politische Architektur. Heisst das auch, dass Sie die Architektin als Nationalrätin und den Planer als Bundesrat wollen?

Das kann nicht schaden. Unter politisch verstehe ich aber vorab die Politisierung der Profession. Der Architekt sollte seine baukulturellen Anliegen stärker in die Aushandlung von Lösungen einbringen, er muss mit seinem Können und Wissen früh im Planungsprozess unverzichtbar sein, sich in Allianzen einbringen und so nicht nur seinen Auftrag, sondern seine Anliegen durchsetzen, anstatt als einsamer Künstler unverstanden zu bleiben. Politisch sein heisst mit Verhandlungsgeschick proaktiv tätig werden, um die Anliegen der Architektenpartei durchzubringen.
Sie arbeiten als Planungswissenschaftler, Vortragsredner und Professor. Und Sie sind bauender Architekt. Wie beeinflusst die Planungsforschung Ihre Arbeit als Architekt?

Die Arbeit als Forscher und die als Architekt, die ich sehr mag, sind zwei Berufe. Ab und zu nützen meine Forschereinsichten einem Projekt, so ist hinter der Autobahnraststätte Viamala ein langer Weg des Allianzenschmiedens und der baukulturell engagierten Diplomatie. Oft ist es umgekehrt – ich lerne aus der Praxis für meine Forscherarbeit. Und da sind zwei Defizite zu beklagen: Die Architekten interessieren sich viel zu sehr für Haus und Einzelstücke, und die politischen Behörden und andere die Planung prägenden Instanzen scheuen, von Ausnahmen abgesehen, den baukulturellen Diskurs.
Zurück zu Wollerau. Welche Planungsreparatur wartet da?

Die politisch weit gediehene Energiewende wird auch für Wollerau Folgen haben. Es muss nicht nur viel Substanz saniert werden. Orte wie Wollerau haben auch grossen Nachholbedarf an verkehrssparenden Infrastrukturen wie Läden und öffentliche Räume. Die demografische Wende wird Freienbach verändern. Die Architektur ist auf selbstständige, familiäre Menschen eingerichtet, sie ist gerade aufgrund der Hanglage weit fort von Altersgerechtigkeit. Sie hat bauliche und soziale Defizite zu beheben, damit Leute hier gut alt werden können. Schliesslich wird wie überall in der vom Einfamilienhaus dominierten Agglomeration eine geschickte Verdichtung Druck machen. Und all das kann nur gelingen, wenn baukulturell engagierte Architekten und Planerinnen lernen, in Allianzen mit den Akteuren vor Ort tragfähige Ideen durchzusetzen.
-----