Abstimmung beim Bahnhof Bern: für ein gelassenes Ja
Am 7. März stimmt Bern darüber ab, ob die Unterwelt des Bahnhofs weiterwachsen soll. Die Wogen gehen hoch. Werner Huber ordnet das Projekt stadträumlich und historisch ein – und würde Ja stimmen.
«Mangroves urbaines» nennt der französische Architekt David Mangin die weit verzweigten unterirdischen Fussgängersysteme in Innenstädten. Wie die Wurzeln des Mangrovenbaums wachsen sie unter den Strassen und Plätzen, um an zahlreichen Stellen mit Treppen, Rolltreppen und Liften an die Oberfläche zu stossen. Ausgangspunkt für Mangins Untersuchungen war die Unterwelt im Gebiet Châtelet – Les Halles in Paris. Aber solche städtischen Mangroven gibt es auch in der Schweiz, meistens an Knotenpunkten des öffentlichen Verkehrs.
Die erste solche Anlage begann 1970 in Zürich zu wachsen: das Shop-Ville unter dem Bahnhofplatz. 1974/75 folgte Bern, wo sich die SBB-Perronunterführung mit den städtischen Bauten der Neuengass- und Christoffelunterführung zu einem weit verzweigten Netz verbanden. Damals geschah dies unter der Prämisse, die Strassen und Plätze rund um den Bahnhof fussgängerfrei zu halten, damit die Autos freie Fahrt hatten. Eine richtige «Mangrove urbaine» ist jedoch eine parallele Welt: Der Weg untendurch hat immer auch ein Pendant an der Erdoberfläche; Passantinnen und Passanten haben die Wahl. An Knotenpunkten des öffentlichen Verkehrs stellen solche Wegenetze die direktesten Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Verkehrsträgern her – effiziente Anschlüsse und kurze Wege sind eine Voraussetzung für einen attraktiven öffentlichen Verkehr. Pendlerinnen sind keine Flaneure, ihr Arbeitsweg ist eng getaktet.
Fünf Argumente, die am Bahnhof Bern für ein Ja sprechen
- Die verlängerte Fussgängerpassage ist eine logische Fortsetzung des Milliardenprojekts, das zurzeit im Bau ist.
– Die unterirdische Passage stellt im ÖV-Knoten die schnellste Verbindung zwischen Bahn und Tram her.
- Die Fussgänger haben weiterhin die Wahl: obendrüber oder untendurch. Niemand wird in einen Tunnel gezwungen.
– Das Projekt bewahrt die städtebauliche Struktur im Raum Bubenbergplatz–Hirschengraben, obschon sich der Schwerpunkt des Bahnhofs Bern ab 2027 deutlich nach Westen verlagern wird.
– Der Hirschengraben wird für die künftig viel grösseren Passantenfrequenzen angemessen umgebaut, behält jedoch langfristig seine Qualitäten als öffentlicher Raum.
– Das Projekt ist mit allfälligen künftigen Veränderungen im Gebiet des Bahnhofs kompatibel.
Alles zum Bahnhof Bern
Werner Huber: «Bahnhof Bern 1860–2010», Scheidegger & Spiess, 2010 (vergriffen, antiquarisch erhältlich)