Jakob sprach an der Uni Bern übers Verdichten und schaute dafür auf sein Leben.
Jakob sprach an der Uni Bern übers Verdichten und schaute dafür auf sein Leben.

Ein Capriccio zur Verdichtung

50 m2 pro Kopf – soviel Wohnraum brauchen wir. Wer Verdichtung ernst nimmt, muss diese Zahl senken. Warum das schwierig ist, berichtete ich an der Universität Bern mit einem Blick auf meinen Lebensfaden.

Text: Köbi Gantenbein
03.09.2019 11:10

Am 25. Februar 1956 kam in Samedan im Oberengadin ein Büblein zur Welt: ich. Und schon bald trugen mich meine Eltern in ihre Wohnung an der Bahnhofstrasse, wo die Eisenbahner zu Hause sind. Wie zu einem Zug waren die Häuser aufgereiht. Zuvorderst als Lokomotive eine malerische Villa, das Haus des Bahnmeisters. An sie angebunden je vier Stockwerke hoch fünf Wagen, hellbraungrau verputzt unter breiten, mächtigen Dächern die Arbeiterhäuser. Im hintersten unter dem Dach war meine erste Wohnung. Eine knarrende Holztreppe führte zu ihr hinauf; auf jeder Etage wohnten zwei Familien, sie hiessen Manatschal, Caflisch, Platz, Derungs und Muggli. Die Wohnung von Lydia, Hitsch und mir hatte drei Zimmer und eine Küche. Es gab kein Badezimmer, keinen Kühlschrank, ein Holzöfchen in der Stube und Kühle in den zwei Schlafzimmern. Bald war Daniel, mein Bruder, auch bei uns. Und wir lebten glücklich und fidel auf 57 m2. Die Familie des Bahnmeisters wohnte auf zwei Stockwerken, ihr Haus stand frei in einem kleinen Garten hinter einer Mauer. Sie waren auch zu viert, hatten aber 157 m2 zur Verfügung.

Lydia, Hitsch und Jakob sind glücklich mit 57 m2 Wohnraum für alle drei

Als Bub besuchte ich mit meinem Freund Reto seinen Onkel in Zürich. Herr Keller war Direktor einer Heizkörper-Fabrik. Er wohnte mit seiner Frau in Zollikon am Rand der Stadt Zürich. Hier war Retos Mutter mit ihrem Bruder aufgewachsen. Mäuerlein an der Strasse, Tor, gepflästerter Zugang, links und rechts Büsche, Treppe, Vorplatz, Türe, Entree, Salon – das ganze Programm der Villa. Onkel Kellers Familie war auch zu viert, wie wir und Bahnmeisters in Samedan, im Garten lebten sie auf auf einer Fläche, so gross wie ein Fussballplatz, im Haus hatten sie 600 m2 zur Verfügung, dreifach übereinander geschachtelt.

1960 betrug der durchschnittliche Wohnflächenbedarf pro Kopf von den Kleinsten bis zu den steinalten Leuten 30 m2 pro Kopf – Gantenbeins in Samedan waren erheblich darunter, Bahnmeisters über dem Schnitt. Die Familie Keller schlug weit oder sehr weit oben aus – je nachdem ob mit oder ohne Pärkli gerechnet. Vreni, die Magd, hatte im Dachgeschoss nur 20 m2 zur Verfügung.

Das bringt mich zum ersten Zwischenhalt. Wer Verdichtung sagt, muss die soziale Frage stellen. Wie ist Dichte verteilt? Die Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz beanspruchen in ganz unterschiedlichem Mass Raum. Wenn wir von einem Wachstum der Bevölkerung ausgehen, dank wieder mehr Kindern, die bei uns zur Welt kommen, dank Leuten, die aus der Fremde zu uns ziehen, um hier ihr Glück zu finden, und dank Leuten, die länger leben als je in der Geschichte der Menschheit – wenn wir also von solchen lebensfrohen, lebensfördernden und also guten Entwicklungen ausgehen, werden wir mit planerischen und technischen Erfindungen allein nicht auskommen, wenn wir Verdichtung sagen. Nicht wegen sozialistischer Grundsätze, sondern aus ganz praktischen Gründen müssen wir ans Umverteilen denken, wenn guter Platz für alle werden soll. Und wir müssen denen, die überdurchschnittlich Raum beanspruchen, diesen Überfluss zum Verleiden bringen. Ihnen sagen, dass das nicht schick sei und klima-, landschafts- und schweizschädlich. Oder rabiat werden, wie Franz Weber mit uns im Gebirge rabiat war: Fertig lustig nun mit Ferienwohnungen bauen, setzte er durch. Fertig lustig also nun mit Raum ungleich brauchen, könnten wir fordern. Und ich bin sicher, dass das dem Lebensglück keinen Abbruch tut. Denn die Familie Gantenbein hatte mit ihren 57 m2 eine glückliche Zeit in Samedan. Sind wird nicht nostalgisch, sondern gegenwärtig, so finde ich 30 m2 pro Person angemessen, nicht als Durchschnitt aber, sondern als Höchstmass. Es ist eine politische Aufgabe – keine architektische oder raumplanerische –, dieses Mass zum Mass für alle zu machen.

Bei der RhB mussten die jungen Lokiführer aus dem Prättigau die ersten Jahre im Engadin arbeiten, denn in Samedan gab es ein Depot, im Engadin aber zu wenig Lokiführer und Kondukteure. Doch meine Eltern wollten zurück an den Alpenfuss, wo die Sommer länger sind. Auch lebten ja die Verwandten im Prättigau, wo man ünschi Sprach spricht und nicht romanisch. Also zügelten wir. Ich nahm nicht nur von meinen Freundinnen Silvali Muggli, Emmarita Manatschal und Ursali Zanoni Abschied und von Tanta Cilgia, meiner geliebten Kindergärtnerin, sondern auch von einer Wohnform – dem Mehrfamilienhaus und den 19 m2 pro Person. Für meine jungen, aufstrebenden Eltern war klar, dass sie bald in einem eigenen Haus mit Garten und Kirschbaum leben würden. 

Diese Jakobsnotitz ruht auf einem Vortrag am Forum «Universität und Gesellschaft», das sich dieses Jahr dem Thema «Verdichten» annimmt. Die nächsten Abende finden am 27. August und am 11.September statt.