Adieu, Carl Fingerhuth

In der Kirche Zollikon hat sich eine grosse Trauergemeinde von Carl Fingerhuth verabschiedet, dem Stadtbaumeister schlechthin. Jakob hielt die Abdankungsrede und sang ein melancholisches Lied aus dem Engadin.

Text: Köbi Gantenbein
02.12.2021 10:01

Ich stelle mir vor: Carl Fingerhuth steht hier im Schiff der Kirche von Zollikon und erzählt mir die Vorzüge und Knörze ihrer Architektur.
Er beginnt mit einem kleinen städtebaulichen Aperçu, wundert sich, wie die Kirche ihren Haupteingang verloren hat, wie der alte Zugang über die Gasse eingewachsen ist und bei einer Verbotstafel endet. Die Sackgasse verblüfft ihn, der viel gesehen hat. Er legt seinen Kopf leicht auf die Seite und holt aus, wie in Schweiz der Sechzigerjahre alte, schöne Räume dem Fortschritt haben weichen müssen, der freien Vorfahrt, der grossen Geste – in Zollikon entstand so an der Längsseite der Kirche wohl der grosse Platz für die neue Zeit und ein Nebeneingang wurde zur Kirchentür. Seltsam, fügt er dazu, aber wir haben inzwischen viel gelernt und würden vielleicht das Kirchentor nicht mehr zur Hintertüre machen.

Carl tritt dann durch sie ein und schmunzelt, wie die Gewichtsverschiebung innen weitergeht und die Porte aus der Achse zum Chor gefallen ist – eine seltene Ordnung. Die Proportionen sind darum auch im Innenraum verschoben, das ehemalige Portal ist eine grau angemalte, unter der Orgelempore versteckte Nebensache.

Carl schreitet durch das Schiff, freut sich wie der Schreiner die Betterfugen immer präzis zwischen ein Leuchtenpaar gelegt hat – «äs isch rächt gmacht». Er mockiert sich über die Deckenleuchten – die, Funktion ohne Form, als kommune Einbaustrahler in den Kirchenhimmel hineingerochen sind. Und er kommentiert schliesslich, lakonisch auf den seitlichen Anbau des Schiffs weisend, dass die Sache mit «alt» und «neu» immer schon ein Thema gewesen sei, das die Könnerin vom Bastler unterschieden habe.

Dann wendet sich Carl dem Chor zu, den die Renovationen über all die Jahre gut behandelt haben. Er erklärt mir, mit dem Zeigfinger durch die Luft weisend, die Bildungsgesetze der Decke und der Raumbildung und er bewundert, wie virtuos die Baumeister diese Gesetze vor 500 Jahren umsetzen konnten – mit Baukunst.  

Carl Fingerhuth steht nun im leer geräumten Chor und lässt sich tragen von der mystischen Stimmung, die das kalte Novemberlicht durch die grossen, mit hellfarbigen Gläsern gebauten Fenster filtert, und er hat Freude an dieser Vorwinterstimmung in Zollikons Kirche.
Ach je – ich lehne mich zum Fenster hinaus. Hätte Carl mir die Schönheit der Kirche von Zollikon so skizziert? Ich kann mir das nur vorstellen. Und so sehe ich ihn, wie er seinen feinen Kopf leicht neigt, wie er mir leise, anschaulich und wissend die Erhabenheit des Raums erklärt, wie er an dieser Schönheit Freude hat und wie er die Veränderungen versteht, die man der Kirche in guten Treuen angetan hat im Laufe des Fortschrittseifers.

Carl Fingerhuth und ich lernten uns vor gut sechzig Jahren kennen. Ich war Kindergärtler in Malans, einer kleinen Gemeinde im Kanton Graubünden. Sie machte sich daran, wohlhabend zu werden, weil etliche aufstrebende Familien dahin zogen, um Einfamilienhäuser zu bauen. Auch war Malans verpflichtet, seine Siedlungen so zu planen, damit die Verdreckung der Gewässer mit dem Abwasser aufhöre. Der Gemeindepräsident holte Carl, damit er als Planer dem Aufschwung und dem Wasser helfe. 10 000 Menschen wollten der Präsident und seine Gewerblerfreunde in Malans Haus und Heimat geben. Für viele Millionen wollten die Bauern aus Weinbergen, Baumgärten und Wiesen Bauland machen.

Lachend erzählte mir Carl Fingerhuth gut fünfzig Jahre später von einem seiner ersten Aufträge für sein eben gegründetes Büro für Raumplanung. Weil ich mich um mein Dorf über all die Jahre immer wieder gekümmert habe, bin ich sicher, dass wir uns kannten. Und anfang Juni 2019 haben wir bei einem Mittagessen im Restaurant «Mesa» in Zürich abgemacht, dass er dem kleinen Buben seinerzeit das Nötige ins Kinderohr geflüstert hatte.

Und wir machten ab, dass ich ihn durch das Malans von heute führe und wir nachher im «Weisskreuz» tafeln würden – das können wir nicht mehr.

Carl Fingerhuth sagte mir, er sei ein stiller Bub gewesen, ein begabter Zeichner, ein Vielleser. Er lernte Ende der Fünfzigerjahre Architekt an der ETH. Alle waren sehr modern, er auch. Instinktiv aber, erzählte er mir, war er ungewiss, ob das forsche Aufwärts mit dem Architekten als Bergführer zu einer besseren Welt für Alle würde. Also reiste er nach Ägypten. Er studierte zeichnend Siedlungen, Ensembles, Dorfräume, gebaut mit dem menschlichen Massstab. Zurück in Zürich, gründete er eines der ersten Raumplanungsbüros in der Schweiz und hat meinen Malansern beim Fortschritt geholfen. Ebenso hat er mit ihren Kollegen im Wallis und kreuz und quer in der Schweiz gearbeitet, auch in Frankreich, Spanien und bald in Nigeria, wo er auf dem grossen Papier eine Stadt plante und teilweise auch deren Architektur realisierte.

Doch das waren Etüden – denn 1978 trat er als Stadtbaumeister von Basel an. 14 Jahre – das ist die magische Zahl seines Lebensfadens, denn alle 14 Jahre gab er ihm eine grössere Wende – 14 Jahre sass er im Amt und wurde «der Stadtbaumeister» schlechthin. Er konnte es mit den Politikerinnen und Politikern gut, er vermochte seine Fantasie bürokratiefähig zu machen. Sein Muster, das die Politiker ebenso begriffen haben wie die Architektinnen, hat Rahel Marti in Hochparterre so zusammengefasst: «Häuser sind die Buchstaben einer Stadt. Die Stadtplanung ist ihre Grammatik. Damit aus Buchstaben und Grammatik Literatur wird, braucht es den Städtebau. Städtebau heisst zuerst Stadtraum, dann die Architektur. Der Städtebau verknüpft die Raumplanung mit der Architektur und damit die öffentlichen mit den privaten Interessen.» Und die Umsetzung des Musters: Die Architekten und Bauherrschaften konnten bauen in den Steinen der Stadt. Carl begleitete sie – stoss, zog und drückte sie – mit einem soziologisch gebildeten Verständnis von Stadt und mit künstlerischem Anspruch für die Folgen ihrer Freiräume, Wege und Klötze. Architektinnen und Baumeister mussten aber die Geschichte kennen – ein Thema, das in den Achtziger Jahren hoch im Kurs war in der Akademie, noch nicht auf den Bauplätzen. Und sie mussten auf ihn, den Stadtbaumeister, hören. Seine Werkzeuge waren Wissen und Charme, gute Organisation, grosse Schaffenskraft, Einvernehmen mit den staatlichen und den privaten Mächten und Vertrauen in die Architektinnen und Architekten als Könner des Fachs. Und, so sagen es mir seine Geförderten aus jenen Jahren, war um ihn  ab und zu ein leiser Hauch jener Arroganz des Architekten der Moderne, der – im Prinzip –wusste, wie die Welt zu funktionieren hat und für Widerspruch wenig Anlass sah. Gefordert und gefördert hat der Stadtbaumeister die Architekten mit Wettbewerben und Gunsterweisen. Die erfolgreichen Basler, heute um die siebzig, wurden in den Achtzigerjahren dank und mit ihm erfolgreich. Sie bauten dank und mit ihm.

Nach 14 Jahren wieder die Wende – er machte sich 1992 mit 56 Jahren selbständig und wurde Handlungsreisender für den Architekturwettbewerb, Berater, Lehrer und immer mehr auch Schreiber über die Architektur und das Leben.

In jenem Juni, als wir die Reise nach Malans ins Auge fassten, hatte er eben sein Buch «Menschen wie Häuser, Häuser wie Städte, Städte wie die Welt» fertig und bat mich, es mit ihm zusammen zu präsentieren. Es ist die Arbeitsbiografie seines reichen Planer-, Architekten- und Intellektuellenlebens. Beim Mittagessen wollte er vorab den Gesprächsfaden abmachen und war irritiert, als ich ihm sagte, den würde er dann anlässlich des Gesprächs erfahren. Er knurrte, denn ein Fingerhuth war Einspruch nicht gewohnt.

Es wurde ein berührender Abend im Architekturforum Zürich. Der Kindergärtler aus Malans von einst war nun ein gestandener Mann, der Planer von einst ein weiser Mann. Im Kreis der jungen und alten Architektinnen und seiner Familie arbeiteten wir routiniert die Standards von Stadtraum, Strasse, Platz, Raum und Haus ab. Carl konnte sie seit seiner Basler Zeit wie kaum einer. Wenig Verständnis hatte er für meine Fragen zu Afrika, zum späten Kolonialismus und dem weissen Mann vom Züriberg, der den einheimischen Leuten dort unten die Postordnung vorliest.

Grosses Vergnügen hatte er, als wir über seine Leidenschaft, das Zeichnen, als Grundlage des Denkens und Entwerfens sprachen. Selbstbewusst zählte er seine Leistungen für und mit Basel auf, nicht ohne die von ihm einst geförderten Herzog & de Meuron zu pfitzen, weil sie im Sold der Pharmaindustrie mit Turmbauen die Stadt ruinierten. Mit strengem Wort aber wies er mich zurecht, als ich im vorhielt, er habe an der Europaallee in Zürich als einer der Drahtzieher dieser kalten Stein- und Glasklotz-Stadt auch nicht seine wärmste Sonnenstunde erlebt.  

Dann tauchten wir ein in die Welt der Sphären, des Unbegreiflichen und des Übersinnlichen, mit der er sich in den letzten Jahren ernsthaft und kenntnisreich beschäftigt hat. Wir sprachen über die Schönheit des Schmetterlings und den Flug der Schwalbe. Das Publikum und mich faszinierten die fantasievollen Gedankenreisen und blumigen Spekulationen, vorgetragen mit seiner leisen, schönen und singenden Stimme. Und er tauchte ein ins Heimweh nach der Welt als einer werdenden Schönheit.

Und so stand ich neulich in Lavin im Unterengadin beim grossen Rosenbusch unten am Inn, der voll knallroter Hagenbutten war, und hörte dem geheimnisvollen Liedlein des sich erfüllenden Heimwehs zu, das eine Schwalbe und ein Mädchen gesungen haben – für Carl.

Che fast qua tü randulin
ora som sü quel manzin?

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