Bahnhof Wiedikon und Hochhaus
Bahnhof Wiedikon und Hochhaus "Steinerhof", ca. 1965 (Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich)

Ingemar Vollenweider: «Der Himmel über Zürich»

Am 27. September stimmt Zürich über neue Hochhausrichtlinien ab. Damit steht eine alte Frage erneut zur Debatte: Was tragen Hochhäuser zur Stadt bei? In Zusammenarbeit mit dem BSA ZAGG publizieren wir eine Serie von Meinungsbeiträgen. Heute: Ingemar Vollenweider.

Text: Ingemar Vollenweider
12.09.2026 07:00

Der Himmel über Zürich

Zürich ist uns voraus. In Basel steht der «dritte grosse Stadtumbau», wie es Lukas Gruntz, Architekt und Mitgründer von Architektur Basel (architekturbasel.ch) in einem aktuellen Interview mit der BaZ genannt hat, mit über 40 geplanten Hochhäusern in den nächsten Jahren erst noch bevor. Der Zürcher Gemeinderat zieht umgekehrt mit seiner Vorlage die Bremse an und damit offenbar auch ein negatives Fazit über die jüngste und ältere Vergangenheit der Zürcher Hochhausentwicklung. Aber auf Grund welcher Negativbeispiele? Man muss die generische Setzung und den mondänen Habitus der Doppeltürme ‘The Metropolitans’ am nördlichen Stadtrand von Oerlikon nicht mögen, aber sollen die über Hektare retortenhaft abgestellten Zeilen und ‘Tötzli’ des benachbarten Glattparks den erfolgreichen Gegenbeweis für die horizontale Stadt antreten?

Aber klar, den Himmel über Zürich, die Silhouette zu bauen, stellt besondere Anforderungen. Dass daraus in Zürich viele spannende, oft sogar faszinierende und beispielhafte Projekte entstanden sind, liegt auch an gesetzlichen Grundlagen, vor allem aber an einer Kultur des Bauens, die von Architekt:innen, Bauherrschaften und Behörden gleichermassen getragen wird und zu der auch die lange eingeübte Praxis der vergleichenden Prüfung und Abwägung in Wettbewerben und im Genehmigungsprozess gehört. Die ausgewiesenen Hochhausgebiete liefern ja eben nicht die Garantie, sondern die Option für höhere Häuser.

«Abstimmungspropaganda»: Infografik der Befürworter der Gemeinderatsvorlage

Dass es um städtebaulich architektonische Fragen in dieser Debatte aber eigentlich gar nicht geht, macht die polemische, aus dem Abstimmungsbüchlein verbannte Darstellung der Befürworter der Gemeinderatsvorlage deutlich, die unter dem Titel ‘Heute: Bezahlbare Wohnungen’ zwei schmucke, viergeschossige gründerzeitliche Wohnhäuser zeigt und diese einem schnöde gerasterten, grauen Türmchen gegenüberstellt, das unter dem Titel ‘Variante Stadtrat, Teure Luxuswohnungen’ mit 40m Höhe vermasst ist.

Das Problem ‹Verdrängung durch Aufwertung› ist so alt wie elementar. Die realistische Antwort einer sozial und demokratisch organisierten Gesellschaft, den erzielten Mehrwert der Allgemeinheit zu Gute kommen zu lassen, in Form von fair verhandelten, das heisst trag- und brauchbaren Anteilen für bezahlbares Wohnen, für publikumswirksame oder gemeinschaftsfördernde Räume, verknüpft sich im Falle des Hochhauses mit der ressourcenschonenden Nutzung des städtischen Grunds und damit zusätzlichen Chancen für einen klimagerechten Stadtaus- und -umbau. Das ist ja alles und eigentlich allen klar.

Die zweite Betrachtung der bildhaft zugespitzten Gegenüberstellung führt dann doch wieder zurück zur Architektur und zur Frage, in welcher Stadt wir leben wollen. Die zwei fein gegliederten Wohnhäuser mit Mansarddach wären sogar am schönen Idaplatz ein Geschoss zu niedrig und in ihrer gehobenen Kleinstadtidylle kaum mehr eine glaubwürdige Referenz für bezahlbares Wohnen. Das abstrakte Minihochhaus andererseits verpackt die Sozialkritik am Luxuswohnen mit der ästhetischen Unterstellung, dass das Hochhaus die Stadt anonym und fremd macht. Abstimmungspropaganda – aber offenbar fühlen sich die verbündeten Urheber von Links bis Rechts und Grün in dieser heimatverbundenen Modernismuskritik ganz wohl.

Wenn man die Gegensätze übereinanderlegen würde, könnte allerdings eine Strategie daraus werden, gerade für das hohe Haus bis 40 Meter, dessen Anwendung den wohl wesentlichen Unterschied in den beiden zur Abstimmung kommenden Vorlagen ausmacht. Der kleine, graue Turm erinnert mich an ein Hochhaus, in dem ich in Hiroshima ein paar Tage gewohnt habe. Es war einfach, aber nicht banal, und stand nicht frei, sondern auf einer relativ schmalen Parzelle an einer intimen Wohnstrasse, eingebaut in eine Zeile von niedrigen und höheren, älteren und jüngeren Häusern. Was wäre, wenn wir dafür die gesetzlichen Grundlagen schaffen und gerade das kleine Hochhaus aus seinem solitären Dasein erlösen könnten? Wir sind nicht Japan, aber haben eigentlich eine verwandte Kultur der Verfeinerung und Sorgfalt für die Nachbarschaft im Kleinen, was die Anonymität der Stadt aufregend und das Heterogene verträglich macht.

Ingemar Vollenweider ist Architekt ETH SIA BSA und Professor Städtebau an der TU Dortmund. Mit Anna Jessen hat er das Büro jessenvollenweider architektur in Basel gegründet.

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