Park statt Kanal
Mit der Renaturierung der Aire ist vor den Toren von Genf ein linearer Park in einem alten Kanal entstanden. Daneben sucht sich der Fluss seinen eigenen Lauf. Dafür gibt es den goldenen Hasen in der Kategorie ‹Landschaft›.
Spaziergänger der Dörfer Plan-les-Ouates oder Confignon führt es schon lange zur Aire-Ebene hinaus, zunehmend aber auch Genfer. Seit 2002 wird am Stadtrand geplant und gebaut. Das Planerteam Superpositions nahm ein mächtiges Hochwasserschutzprojekt zum Anlass, den 15 Meter breiten, 1895 erstellten und in den 1930er-Jahren erweiterten Aire-Kanal zu entwässern und in einen Park umzugestalten. Die Aire haben die Planer in ein neues Bett parallel dazu verlegt. Die dritte Etappe des Projekts umfasst zwei der bis anhin fünf neu gestalteten Flusskilometer. Dabei sind zwei grosse, L-förmige Dämme am nordöstlichen Ende des Kanals gebaut und rund ein Kilometer des Kanals bis auf einen Meter Tiefe zugeschüttet worden. Wo früher Wasser floss, wird heute promeniert: Das Planerteam hat den bestehenden Gehweg um den Kanal verbreitert. Entstanden ist ein linearer Park. Unterbrochen wird die Gerade lediglich durch kleine, tiefer liegende Wasserbecken und eine Pergola, die einen Teil der Promenade räumlich fasst. Gesäumt von Sitzplätzen verbinden weisse Betontreppen und Rampen die Wasserflächen mit dem Gehweg.
Die Aire verläuft nun im offenen Feld. Kurz vor einem Damm zum Schutz der Autobahn wird sie zwar wieder in einem Stück Kanal gebändigt, doch der neue Flusslauf bildet einen dynamischen Kontrast zum linearen Park. Die Gruppe Superpositions hat über dieses Gegensatzkonzept viel diskutiert: Renaturieren? Ja! Aber wie künstlich etwas Natürliches schaffen? Indem sie Prozesse, nicht Formen plante, so die Lösung. Als Grundlage für das Flussbett, das inzwischen aussieht, als sei es schon immer da gewesen, diente ein gewaltiger Furchenraster, das Bagger in die Erde zogen – regelmässige, bis eineinhalb Meter tiefe Schneisen. Der Fluss suchte sich innert Monaten seinen Lauf im scharf geschnittenen Rautenfeld. Die Planer hatten sich bei der Bestimmung der Dimensionen an historischen Plänen des Flusslaufs orientiert. Die Kraft des Wassers ist beeindruckend: Das Rautenfeld um das mäandrierende Gewässer lässt sich nur noch erahnen. Georges Descombes, Architekt bei Superpositions, bezeichnet das Projekt und sein Resultat gerne als ‹Freiluftlaboratorium›. Denn es bot nicht nur Gelegenheit, an Ort und Stelle auszuprobieren, auch zeigt es dem Betrachter natürliche Vorgänge auf.
Die grossflächigere Verteilung der Aire erlaubt mehr Wasser, mehr Wasser sorgt für mehr Leben. Die breitgefächerte Flora und Fauna eröffnen sich den Spaziergängern durch die unmittelbar sichtbare Pflanzen- und hörbare Tiervielfalt. Sie offenbaren, was in diesem ‹Labor› getestet wurde – ein grossflächiger Experimentiergarten. Die dialogische Herangehensweise des interdisziplinären Planerteams führte auch zu vielschichtigen und multifunktionalen Elementen: Der neue Damm etwa ist Schutzwall und Aufenthaltsort zugleich, der renaturierte Flusspark Erholungsort ebenso für den Menschen wie für die Natur.