Für Auge und Nase
Intelligente Projektsteuerung und Planung, überlagerte Nutzungen und clevere Finanzierung: Dafür bekommt der Murg-Auen-Park in Frauenfeld den goldenen Hasen in der Kategorie ‹Landschaft›.
Sechsjährige hissen die Fahne auf ihrer Sandburg am renaturierten Flusslauf, Jugendliche hören Musik und hängen am Ufer der Murg ab. Im Fluss laicht seit der Revitalisierung die Nase, ein seit 2007 schweizweit geschützter Fisch. Auf einer der drei neuen Brücken lassen Flaneure ihre Blicke ins üppige Grün schweifen. Entlang des sanierten Mühlwiesenkanals joggt ein junges Paar, und wo die offene Wiese zum Drachensteigenlassen einlädt, geniessen Jung und Alt ein Glas im Schatten des neuen Pavillons.
Dass all dies auf dem rund 44 000 Quadratmeter grossen Gelände am nördlichen Stadtrand Frauenfelds heute möglich ist, ist der Leistung eines interdisziplinären Teams zu verdanken, die zunächst einmal nicht der üblichen Logik einer Projektentwicklung entspricht: Nicht ein Bedürfnis stand im Vordergrund, vielmehr war eine Strategie gefragt, um den Fortbestand dieses ehemaligen Armeegeländes, im Volksmund ‹Buebewäldli› genannt, zu sichern. Im Szenenplan der Stadt Frauenfeld immerhin war die Fläche bereits als einer der grünen Finger definiert, die entlang der Flussläufe und Bäche die Innenstadt mit dem umliegenden Naturraum verbinden.
Da es sich um eine Mischform aus Landschaftsarchitektur, Infrastrukturplanung, Architektur, Hochwasser- und Naturschutz handelte, wählte man ein interdisziplinäres Vorgehen und legte dessen Mechanik in einem Organigramm fest. Den Auftrag zur Gesamtkoordination erhielt das Frauenfelder Büro Staufer & Hasler Architekten, von dem auch der Impuls für das Projekt ausgegangen war. Der fein orchestrierte Mix aus sorgfältiger Verknüpfung der einzelnen Projektteile bei gleichzeitig hohen Verantwortlichkeiten aufseiten der Experten brauchte Fingerspitzengefühl. So war etwa der Verlauf der Brücken schon im Masterplan gegeben, die eigentliche Verantwortung hierfür, in technischer wie in formaler Hinsicht, oblag aber den Bauingenieuren von Conzett Bronzini Partner. Analog dazu wurden das komplexe Wasserbauprojekt und die Pläne für die Bepflanzung erarbeitet. Künstliche Elemente wie der vor Jahren angelegte Industriekanal, die Wege und die in Holz-Beton-Mischbauweise errichteten Bauten, die Staufer & Hasler entworfen haben, ergänzen Wald und Flussläufe.
Die Frauenfelder haben den Murg-Auen-Park schnell ins Herz geschlossen. Sicherlich, weil er die Erwartungen wunderbar erfüllt. Wohl aber auch, weil er Neues wagt: Die Besucher sind eingeladen, den Ort zu erobern und ihre Eigenverantwortung wahrzunehmen. Absturzsicherungen gibt es ausser an den Brücken keine, auch keine klassischen Kinderspielgeräte. Einer der Hauptwege führt durch eine Furt. Je nach Witterung wird ein Teil der Pfade unpassierbar, bei Hochwasser ohnehin, da sie in Schwemmauen liegen. Das ist ein mutiges Konzept, weil gar nicht erst versucht wird, die Zugänglichkeit aller Orte für jedermann herzustellen. Das Erfolgsrezept des Planungspioniers ist vielschichtig: Es gelang, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen und sie für neuartige Lösungen zu motivieren, es konnten die unterschiedlichen Nutzungen geschickt verteilt werden, ihre Stärken sind Überlagerungen, etwa Naturschutz und Naherholung. Entscheidend war auch das Finanzierungsmodell, das bestehende Instrumente, Gelder und Mechanismen verknüpft.
Murg-Auen-Park, 2015
Mühlewiesen- und Militärstrasse, Frauenfeld TG
– Bauherrschaft: Stadt Frauenfeld und Kanton Thurgau
– Planungsteam Gesamtleitung, Masterplan und Vorprojekt: Staufer & Hasler Architekten, Frauenfeld
– Tiefbau und Wasserbau: BHA-Team in Zusammenarbeit mit Fröhlich Wasserbau, Frauenfeld
– Landschaftsarchitektur: Martin Klauser, Rorschach
– Brücken und Stege, Bauingenieure Hochbau: Conzett Bronzini Partner, Chur
– Gesamtkosten: Fr. 7,4 Mio.