Ein Tanz mit den Dohlen
Stararchitekten und Tourismus – da muss kein ‹Signature Building› herauskommen, wie die Seilbahnstation auf dem Chäserrugg von Herzog & de Meuron beweist. Bronze in ‹Architektur›.
Stararchitekten und Tourismus – da muss kein ‹Signature Building› herauskommen, wie die Seilbahnstation auf dem Chäserrugg von Herzog & de Meuron beweist. Bronze in der Kategorie ‹Architektur›.
Grosser Looping, kleine Volte, plötzlicher Fall – die Dohlen begrüssen mich auf 2262 Metern Höhe mit einem Tanz über dem Grat. Elegant, kühn und filigran ist die Seilbahnstation, die für die Vögel aussehen muss wie einer von ihnen, wenn er seine Flügel ausbreitet zum Segelflug über den Walensee oder übers Toggenburg. Der Tourismus auf dem Chäserrugg in den Churfirsten setzt nicht auf Lederhosen und Hüttenromantik, sondern auf Architektur. Die alte Seilbahnstation und ein neues, grosses Restaurant sitzen unter einem weit gespannten Dach. Vorgefertigt in der Abbundhalle der Zimmerei Blumer-Lehmann fuhren die Holzelemente und die tonnenschweren Gläser mit dem Lastwagen von Gossau ins Toggenburg und mit der Seilbahn bergwärts, wo sie zusammenfügt das Haus ergaben. Mit imposanten Auskragungen und spitz zulaufenden Dachecken, mit Seilbahnportalen, die aussehen wie mit einer Riesenlaubsäge geschnitten, mit riesigen Balken, die auf baumähnlichen Betonstümpfen lagern. Hier oben stimmt alles, vom grossen Ganzen bis zum Kleinen. Jedes Detail scheint handverlesen, jeder Nagel handgeschmiedet, alles ist miteinander in Stimmung gebracht.
So war ich erleichtert, Widerspenstigem zu begegnen. Etwa der Art, wie der Amateur die Typografie der Menütafel malt, oder den Reservationsschildchen auf den Tischen, von einem Feierabendkünstler mit Herzblut geschnitzt. Und vielleicht dürfen sich da auch Gummibaum und Yucca-Palme im Speisesaal niederlassen. Noch aber ist dieser Saal pflanzenlos, weit und luftig – mehr als fünfzig Meter lang, schmal und zweigeschossig, wie ein veredelter Stall für eine hundertköpfige Kuhherde. Gegen das Alpenpanorama hin zelebrieren die Architekten mit grossen Glasscheiben die Essenz des Tourismus: den Bergblick. Und auf der anderen Saalseite bauten sie Nischen. An der Wand dieser Separées hängen Kissen, von einem Polsterer genäht, der sein Handwerk versteht, an formvollendeten Haken.
Und so stelle ich mir vor, wie dieser edle Raum zittern wird, wenn die Skifahrerinnen mit ihren Klotzschuhen über den sägerauen Boden stampfen werden, nach Kafischnaps rufend. Obschon der Chäserrugg ein ruhiges, kleines Skigebiet ist und kein Ballermann im Gebirge. Wird die Wirtin mit Lärmschluckern antworten, die ebenso gestaltet sein werden wie die eleganten Tische (Herzog & de Meuron) oder die bequemen Stühle, patent klapp- und stapelbar (Konstantin Grcic für BD Barcelona)? Zu zweifeln ist daran nicht, denn Mélanie Eppenberger, die Verwaltungsratspräsidentin, will mit ihren weit herum verstreuten Aktionären – darunter der Skispringer Simon Ammann – ‹etwas› aus diesem kleinen, bald fünfzig Jahre alten Ski- und Wandergebiet machen. Für den teilweisen Neubau der Bahnanlagen nahmen die Investoren 25 Millionen Franken in die Hand, 15 Millionen für die Bergstation mit Restaurant. Die Chefin persönlich hat Herzog & de Meuron für das Projekt gewonnen und als Bauherrin mitgefiebert. Und welche Freude sie nun hat, strahlend vor dem Bau stehend. Ich mäkle: «Hier oben wärs doch ideal, aus Sonne Strom zu machen!» Sie entgegnet: «Gewiss wollten wir Sonnenkollektoren auf dem Dach, aber die Schneelasten erlaubten es nicht.»
Die Jury sagt: «Mit Blick auf Tradition»
Herzog & de Meuron scheinen sich bei diesem Bau augenzwinkernd an ihre frühen Jahre zu erinnern, an das Spiel mit Bildern und Figuren, bevor sie zu global agierenden Architekten wurden. Die Bergbahnstation weckt Assoziationen. Trotz ihres grossen Atems verankert sie sich am Ort, aussen wie innen. Und sie bemüht sich um einen kleinen Fussabdruck, mit Auskragungen, Streifenfundamenten, Schweizer Holz und lokalem Aushub als Betonzuschlag. Das Haus ist ein Gegenbild zum landläufigen Bauen im Fremdenverkehr, der auf dem Chäserrugg mehr der Architektur vertraut als der Hüttenromantik.