Die Vergangenheit wiederbelebt
Trockenmauern, murmelndes Wasser und Alpenblick: Für den Weg Wüehr in Fiesch gewinnt das Büro Extrā den bronzenen Hasen in Landschaftsarchitektur.
«Ist das nicht ein sagenhafter Ausblick auf das alte ‹Hôtel du Glacier›, die Kirche und den imposanten Rücken des Risihorns im Hintergrund? Und das alles fernab des motorisierten Verkehrs, der sich auf der Hauptstrasse durch Fiesch zwängt. Einmalig!» Die Freude des Landschaftsarchitekten und Projektverfassers Benjamin Wellig vom Büro Extrā ist so intensiv wie das Rauschen des Flusses Wysswasser, der das milchige Gletscherwasser des Fieschergletschers ins Tal Richtung Rhone bringt. Möglich macht diesen spektakulären Blick mit der beeindruckenden Geräuschkulisse ein schmaler, hell gekiester Fussweg. Er ist 600 Meter lang und bietet die kürzeste Verbindung zwischen dem Schulhaus und dem neuen ÖV-Hub der Matterhorn-Gotthard-Bahn und der Gondel zwischen Fiescheralp und Eggishorn. Der Weg hält eine Vielzahl von Eindrücken bereit: Trockenmauern, Familiengärten, schwarzgebrannte Holzhäuser, knorrige Obstbäume, ein Wäldchen und eine offene Suone, in der das Wasser stetig fliesst und glitzert.
Revitalisierung eines blauen Strichs
Am Anfang der Erfindung dieses Fusswegs am Rand des Fiescher Dorfteils Treichi stand der Neubau des Bahnhofs, heute ÖV-Hub genannt. «Für den Tourismus ist es super, dass man mit dem Zug ankommen und sich direkt in die Gondel auf die Fiescheralp mit Blick in die Aletscharena setzen kann. Aber die Verschiebung des Bahnhofs an den Dorfrand ist für die Entwicklung des Dorfs auch problematisch», sagt Wellig. Der Landschaftsarchitekt ist im Schulhaus, das jetzt am neuen Fussweg liegt, zur Schule gegangen. Im Rahmen einer Quartierplanung begann er zu recherchieren und entdeckte im Heimatkundebuch seines Grossvaters einen Plan von Fiesch, auf dem neben dem Wysswasser ein blauer Strich eingezeichnet war. Der Strich musste eine für das Wallis typische offene Wasserleitung bezeichnen. In der Regel dienen diese als ausgeklügeltes Bewässerungssystem – im konkreten Fall lieferte die Suone Energie für die Mühlen einer Sägerei und einer Bäckerei. Wo eine Suone ist, muss es auch einen Weg für die Kontrolle und das Entfernen des Schlämmmaterials gegeben haben, sagte sich Wellig. Der Fiescher Kulturverein bestätigte seine Überlegungen. So schien es nur logisch, die Geschichte ins Jetzt zu übertragen und den blauen Strich als Suone samt Fussweg zu revitalisieren.
Weg Wüehr, 2024
Fiesch VS
Landschaftsarchitektur: Extrā, Bern und Brig
Bauherrschaft: Einwohnergemeinde Fiesch
Umweltingenieure: Pronat, Brig
Wasserbau: Geoplan, Steg
Baukosten: Fr. 1,3 Mio.
Extrā Landschaftsarchitekten
Der Name des Büros wurzelt im Lateinischen und steht für ‹ausserhalb, aussen›. Wo die Mauern enden, beginnt die Arbeit von Extrā Landschaftsarchitekten. Das Büro gestaltet Freiräume, schafft Kontexte und interagiert in der wechselwirkenden Beziehung zwischen Innen und Aussen. Unter der Leitung von Simon Schöni, Tina Kneubühler, David Gnehm und Benjamin Wellig arbeiten heute rund 20 Mitarbeitende in Bern und in Brig. (Foto: Simon Ianelli)