Die Startseite zeigt eine Auswahl der archivierten Textilien, Fotos und Musterbücher. Indem die Designer Anthon Astrom und Lukas Zimmer imitierende Gestaltungsmerkmale wie Schlagschatten nur dezent einsetzen, wirkt die Benutzeroberfläche nicht kitschig.
Die Startseite zeigt eine Auswahl der archivierten Textilien, Fotos und Musterbücher. Indem die Designer Anthon Astrom und Lukas Zimmer imitierende Gestaltungsmerkmale wie Schlagschatten nur dezent einsetzen, wirkt die Benutzeroberfläche nicht kitschig.

Webseide

Wie sich Textilien digital archivieren lassen, zeigen das Designbüro Astrom/Zimmer und die Forschungsabteilung der Hochschule Luzern mit Silk Memory.

Text:
01.02.2017 14:37

Seide ist glatt. Und Bildschirme sind glatt. Haptisch scheint sich das Textil für eine digitale Sammlung zu eignen. Das beweist das Forschungsprojekt Silk Memory. Es will die 200-jährige Geschichte der Schweizer Seidenindustrie digital erfassen und nutzbar machen. «Wir bauen ein Best-of der Schweizer Seidenstoffe», sagt Alexis Schwarzenbach. Er leitet das Projekt seitens der Hochschule Luzern, die es zusammen mit der Zürcherischen Seidenindustrie-Gesellschaft durchführt. Die Datenbank soll Studenten und Dozentinnen im Unterricht dienen, aber auch Designer bei ihrer Entwurfsarbeit inspirieren.
Als Hochparterre vor drei Jahren über das Vorprojekt berichtete, sollte Silk Memory bereits Ende 2014 online gehen. «Wir konnten uns lange nicht für eine Software entscheiden», erklärt Schwarzenbach die Verzögerung. Kosten und Anforderungen sind hoch: So soll die Datenbank auch in vielen Jahren noch funktionieren, weshalb ein bewährter Anbieter nötig schien. Die nun verwendete Archivsoftware IMDAS und die dazugehörige Kulturgüterdatenbank KIM BL stammen aus einem Forschungsprojekt der Museen des Kantons Baselland und der Forschungsgesellschaft Joanneum Research in Graz, an dem sich die Hochschule beteiligen konnte. «Indem wir zu einem grösseren Ganzen gehören, wollen wir verhindern, dass unsere Plattform nach Abschluss des Projekts zu einem Datenfriedhof wird», sagt Schwarzenbach.

Designer für Designer

Die erprobte Software erlaubt es, die Bestände wissenschaftlich zu dokumentieren und aufzuarbeiten sowie sie via Internet zugänglich zu machen. «Und wir können Artefakte online erfassen», sagt der Projektleiter. Die Benutzeroberflächen solcher Websites sind meist wenig raffiniert. Was für Forscherinnen keine entscheidende Rolle spielt, ist für Designer problematisch. Sie wollen sich inspirieren lassen und die Seite intuitiv bedienen. Deshalb war eine Gestaltung nötig, die über die klassische Suchmaske hinausgeht. Da fasste die Hochschule Luzern den richtigen Entscheid: Sie engagierte das Designbüro Astrom / Zimmer, das eine Benutzeroberfläche entwerfen und mit eigenständigen Suchoptionen ergänzen sollte. Die erfahrenen Designer und Entwickler arbeiten gerne experimentell und haben sich in eigenen Forschungsprojekten mit dem Thema Filter beschäftigt. Mit ‹Gradient Tagging› etwa entwickelten sie vor vier Jahren eine Verschlagwortung, mit der sie weiche, menschliche Werte in die harte, digitale Welt einbringen wollten (siehe Hochparterre 11/13).

Durchstreifen

Anthon Astrom und Lukas Zimmer kam für ihre Arbeit zugute, dass Textilien – anders als etwa Fotos – nicht integral gezeigt werden müssen. Ihre Benutzeroberfläche zeigt jeweils nur einen Streifen eines Stoffs. Die Textilien liegen geschichtet nebeneinander, überlappen sich gar – so, wie die Stoffe in den physischen Archiven einst an Laschen an einem Bügel hingen: Man konnte sie mit der Hand so lange durchstreifen, bis man zufällig ein ansprechendes Stück herausgriff. Diese Analogie funktioniert auch in der digitalen Umsetzung. Die Scans sind hoch genug aufgelöst, um die Haptik der Textilien zu vermitteln. Doch: «Die neuen Ideen für Filter und Suchoptionen mit der bereits bestehenden Software zu kombinieren, war aufwendig», sagt Lukas Zimmer. Im Austausch mit den Spezialisten von KIM BL ist es ihnen aber gelungen, die nötigen konservatorischen Kriterien wie die detaillierte Verschlagwortung in ihr Konzept zu integrieren und gleichzeitig frei zu arbeiten, was etwa den graduellen Farbfilter betrifft, mit dem sich Textilien nach Farbton ordnen lassen.

Erst der Anfang

Das Webportal Silk Memory umfasst derzeit 2889 Einträge. «5000 sollen es werden, die Software kann aber auch mehr verarbeiten», sagt Schwarzenbach. Im Rahmen des Silk-Memory-Projekts suchten die Forscher deshalb die Zusammenarbeit mit anderen Sammlungen, die in ihren Beständen Stoffe aus Zürcher Seidenwebereien haben. Darunter befinden sich etwa das Victoria & Albert Museum in London, das Textilmuseum St. Gallen, die Fondazione Ratti in Como oder das Schweizerische Nationalmuseum. Die in Emmenbrücke gelagerten Stoffe unterscheiden sich von den musealen Artefakten in einem entscheidenden Punkt: Sie können von Nutzern ausgeliehen und angefasst werden. Konsequent, denn erst so wird das Webportal zum Entwurfswerkzeug.
Das Erbe der Seidenindustrie bildet nur einen Aspekt der reichen Schweizer Textilgeschichte. So fertigten Baselländer Heimarbeiterinnen Seidenbänder und Posamenten, die Ostschweiz steht für exklusive Stickereien, das Glarnerland für bunte Baumwolltücher. Es ist lobenswert, dass das Projekt Silk Memory ausbaufähig angelegt ist. In einem zweiten Schritt könnte sich die Datenbank zu einem ‹Swiss Textile Memory› entwickeln.

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 1-2/2017 der Zeitschrift Hochparterre.
 

Seide für die Zukunft
Als Kooperationspartner der Zürcherischen Seidenindustrie-Gesellschaft begann die Hochschule Luzern vor vier Jahren mit einem Projekt zur Geschichte der Zürcher Seidenindustrie. Es wird vom Zürcher Lotteriefonds mitfinanziert, aktuell mit einer halben Million Franken. Das Ziel ist es, die mehr als 200-jährige Tradition der textilen Seidenweberei in der Schweiz zu dokumentieren, zu erhalten und nutzbar zu machen. Ein Teil ist das hier beschriebene Webportal Silk Memory, ergänzt von der Bilddatenbank ‹Silk Images› und einer Buchpublikation ‹Silk History since 1800›.