Vom Eingang bis zum Grab
Ein neues Signaletiksystem auf den Stadtzürcher Friedhöfen soll mehr Orientierungshilfe bieten. Eine Bestandsaufnahme am Beispiel des Friedhofs Sihlfeld – und eine kritische Betrachtung.
Die Stadt Zürich betreibt 19 Friedhöfe auf insgesamt 130 Hektaren. Diese Gelände sind historisch gewachsen und deshalb nicht systematisch geordnet. Das erschwert die Suche nach Grabfeldern und Kapellen. Ein Mangel, den die Bevölkerung immer wieder an die Behörden herangetragen habe, erklärt Stefan Brunner, der bei Grün Stadt Zürich für Friedhöfe, Sport- und Badeanlagen zuständig ist. Die Dimensionen der Zürcher Friedhöfe unterscheiden sich stark: Der Friedhof Witikon mit 0,13 Hektaren ist rund 200 mal kleiner als der Friedhof Sihlfeld mit 28 Hektaren. Es sei daher naheliegend gewesen, letzteren als Grundlage für die Erarbeitung eines übergeordneten Signaletiksystems zu wählen.
Blick über Zürich hinaus
Die Stadt Zürich ist mit der neuen Friedhofsignaletik und dem umfassenden Anspruch daran Pionierin. Dies liegt auch daran, dass Zürich sehr viel mehr Friedhöfe betreibt als andere Städte (Genf 4, Bern 3). Viele kleinere Städte vergeben für die Friedhofbeschilderung Einzelaufträge an Signaletikunternehmen. Bern liess 2015 vom Signaletiker Urs Hungerbühler ein einheitliches System für die Friedhöfe und Parks erarbeiten. Seit 2017 ist es in den drei Friedhofsanlagen präsent, mit der jüngsten Renovation wurde das System auch bei den Englischen Anlagen implementiert.
Nutzungskonflikte
Die Friedhöfe verändern sich stark. Über 40 Prozent der Bevölkerung möchten heute in einem Gemeinschaftsgrab begraben werden. Deshalb leeren sich die Zürcher Friedhöfe. In den 1980er-Jahren waren sie mit rund 80 000 Gräbern voll belegt, heute sind nur noch 30 000 Gräber genutzt. Von den total 130 Hektaren sind deshalb je nach Zählweise 30 bis 50 Hektaren zu parkähnlichen Naherholungsgebieten erweitert worden. Das führt zu Nutzungskonflikten. Viele Menschen merken gar nicht, dass sie sich auf einem Friedhof befinden. Auch hier könnte das neue Signaletiksystem unterstützend wirken.
Signaletik-Vergabeverfahren
Sowohl Bauherrschaften als auch Architekten unterschätzen die Komplexität von Signaletiksystemen oft. Dies wirkt sich auf die Vergabeverfahren aus.Insbesondere bei grösseren Projekten empfiehlt es sich, Expertinnen mit langjähriger Erfahrung in den Juryprozess einzubinden. Grundsätzlich können viele Grafiker Signaletiksysteme oder Einzelbeschriftungen entwerfen. Wichtig ist, dass sie sich die spezifischen Kenntnisse aneignen, die diese dreidimensionale Disziplin erfordert. Die Anzahl von Designstudios, die auf Signaletik spezialisiert sind, ist im Raum Zürich überschaubar. Immer wieder kommt es zu Pseudo-Wettbewerben. Denn: Kennen die Signaletikerinnen den Architekten oder die Bauherrschaft und haben sie bereits mit ihnen zusammengearbeitet, erhalten sie in der Regel die Aufträge. Ressourcen- und nervenschonender wären Büropräsentationen, anlässlich derer man sich für ein Team entscheidet.