Gewerbemuseum 3/3: «Nicht wir entscheiden, was wir sehen, sondern Google»
Paulina Zybinska ist Teil der Ausstellung ‹The Bigger Picture›. Wie Algorithmen unsere Zukunft gestalten, erklärt die Interactiondesignerin im Interview.
Seit der Ausstellung «Frau Architekt», die auf das Schaffen von Frauen in der Architektur aufmerksam gemacht hat, wurde über das Wie und Warum sogenannten Frauenausstellungen viel diskutiert. Wie stehen Sie dazu?
Vielleicht klingt das antifeministisch, aber ich sehe solcher Schauen eher problematisch. Meiner Meinung nach verstärkt die Hervorhebung des Geschlechts die Ungleichheit eher, als dass sie sie abbaut. Wichtiger ist, Frauen und Männer in künftigen Ausstellungen zu gleichen Teilen sichtbar zu machen.
Paulina «Krata» Zybinska (29 Jahre) stammt aus Polen und hat in Zürich, Berlin, Wien und im niederländischen Breda studiert. Ihre Tätigkeit als Creative Technologist umfasst die Bereiche Coding, audiovisuelle Installationen, physical Computing und Projection Mapping aktiv. Tagsüber arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ZHdK, wo sie die Beziehung zwischen kollektivem Gedächtnis und dem wachsenden Einfluss von Machine-Learning auf die Synthese alternativer Realitäten erforscht. Nachts arbeitet sie an unabhängigen Projekten und ist Teil des VJing-Kollektivs ‹Reckless›. VJing ist eine weit gefasste Bezeichnung für visuelle Performance in Echtzeit.
‹A gentle reminder›
Die Installation ist eine Mahnung an unsere Sensibilität gegenüber der wachsenden Rolle des maschinellen Lernens. Im Spannungsfeld von Überwachung und Privatsphäre folgt eine Kamera den Besucherinnen und Besuchern. In Echtzeit werden ihre Gesichtsmerkmale unmittelbar mit aktuellen Gesichtserkennungssystemen analysiert; die verwendeten Methoden werden jedoch nicht offengelegt. Im öffentlichen Raum sind solche Systeme bereits weitverbreitet. Die auf diese Weise gesammelten Daten gehen unkontrolliert in den Besitz von Regierungen sowie von privaten Wirtschaftsgruppen über. Gleichzeitig fliessen die Informationen zurück in die Konzepte des maschinellen Lernens der auf Gesichtsmerkmale trainierten Algorithmen. Im Ausstellungskontext verweist ‹A gentle reminder› auf möglichen Missbrauch von Technologie und wirft die Frage nach der Legitimität von Überwachungsmassnahmen auf, die im Verborgenen stattfinden.
Ausstellung ‹The Bigger Picture: Design – Frauen – Gesellschaft›, Gewerbemuseum Winterthur, bis 14. März 2023
Kuration: Nina Steinmüller, Susanne Graner, Viviane Stappmanns ; Vitra Design Museum
Erweiterung: Susanna Kumschick, Mario Pellin
