Schön brutal

Brutalismus sei der Höhepunkt der Architektur aller Zeiten. So etwas zu schreiben muss man sich erstmal trauen. Barnabas Calders Buch ‹The Beauty of Brutalism› entführt in den sperrigen Baustil der Sechziger- und Siebzigerjahre in London und Britannien und schafft Verständnis für die Betonmonster – ach was, es macht sie lieben!

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04.10.2016 16:41

Man sollte meinen, der Brutalismus sei heute salonfähig. Die Betonmonster dienen als Locations für Modefotos oder sind gar selber Hauptdarsteller eines Kinofilms. Aber Stimmen, wie die von Barnabas Calder, finden sich selten. In seinem Buch ‹Raw Concrete. The Beauty of Brutalism› schreibt er Sätze wie: «I am a lover of concrete.» Oder: «Brutalism was the high point of architecture in the entire history of humanity.» Bumm! Noch nie sei soviel gebaut worden, wie in den 1960er-Jahren und keine Epoche sei für Architekten so aufregend und künstlerisch reich gewesen. Kein fruchtbarerer Boden für sie, nicht vorher und wohl nie mehr.  

Der in Liverpool lehrende Architekturhistoriker macht seine Liebe zu diesem sperrigen Baustil öffentlich. Dass macht Spass zu lesen, wie immer, wenn parteiische Lust der Schreibantrieb war. Ausser einer «Brief History of Brutalism» erspart uns Calder eine Rundumschlag-Einordnung oder ausschweifende Erklärungen, warum Beton noch immer der ungeliebteste aller Baustoffe sei (ausser bei Kulturtätern). Stattdessen gibt er die «Greatest Hits» seiner persönlichen Playlist – und das sind, oh Wunder, alles britische Beispiele: Er schildert seine frühe Reise zu ‹Hermit’s Castle›, einem kleinen, klobigen Betongebilde irgendwo an der Schottischen Küste. Er schreibt von der schillernden Figur Ernö Goldfinger und wie er sich beim ersten Besuch von dessen Trellick Tower in West London fürchtete. Liebevoll beschreibt er die Betonoberflächen des Barbican, dieser Brutalo-Stadt in der Stadt, ganz in der Nähe von St. Paul’s. Oder er erzählt von der Zeit, als er als Student der Kunstgeschichte ein Appartement von Denys Lasduns New Court des Christ’s College in Cambridge bewohnen durfte. Er schliesst mit der verschlungenen Baugeschichte des National Theatre am Themseufer gleich neben der Tate Modern. Ich schwöre: Bei meinem nächsten London-Besuch werde ich nicht mehr achtlos an dem geduckten Monstrum vorbeigehen.

Calder möchte mit seinem Buch Verständnis schaffen. Er leidet, so schreibt er, mit jedem «beautyful building», das abgerissen wird – und es sind nicht wenige aus dieser Zeit. Der Autor ist nicht allein. Es gibt einige neuere Bücher über Brutalismus (zum Beispiel Peter Chadwicks ‹This Brutal World›, Phaidon 2016) und das Deutsche Architekturmuseum arbeitet für 2017 an einer grossen Ausstellung zum Thema und lenkt auf sosbrutalism.org den öffentlichen Blick auf Bauten, denen der Abriss droht. Auch Calder unterhält eine Flickr-Gruppe. Sein Buch aber setzt nicht auf coole Fotos, sondern auf Kenntnis und Leidenschaft.

Barnabas Calder: Raw Concrete. The Beauty of Brutalism (Englisch), gebundene Ausgabe, London 2015, 49 Franken bei Hochparterre Bücher