Semper und die Klimakleber
Die Ausstellung ‹Protest/Architektur. Barrikaden, Camps, Sekundenkleber› zeigt in Frankfurt, wie sich aktivistische Bewegungen der Kraft architektonischer Bilder bedienen.
Ein zartes Gespinst begrüsst den Gast. Fäden, an denen kleine Hütten hängen, Brücken, Plattformen und Strickleitern, wie bei einem Piratenschiff im Massstab 1 : 10. Die Baumhäuser aus Rundholz, gebrauchten Fenstern und zerlegten Paletten hat der Künstler Stephan Mörsch nachgebaut, liebevoll und detailliert – sogar die vielen Arten von Knoten, denen sich die Baumhausbauer des Camps im Hambacher Wald bedienten, hat er gelernt. Eine herzige Miniaturwelt, in der nur die Bäume fehlen. Und die Information darüber, dass ein Journalist bei der Räumung von einem der Stege zu Tode stürzte. Kurator Oliver Elser beschreibt das, was wir sehen, so: «Drei Personen gelingt es, drei Wochen lang einem polizeilichen Räumungseinsatz standzuhalten.» Und weist auf die mit Beton gefüllten Autoreifen in 14 Meter Höhe hin, an denen sich die ‹Hambi›-Besetzerinnen festketteten. Es sind diese beiden Seiten, die diese Ausstellung in Frankfurt zum Vexierbild machen: einerseits spielerisches Gebastel und heiteres Zusammenleben, andererseits Widerstand und Kampf – für ein Waldstück, das Klima, mehr Demokratie oder die Menschenrechte – manchmal auf Leben und Tod.
Zelebrieren von Widerständigkeit
Wegen der Sanierung seines Stammhauses am Main zeigt das Deutsche Architekturmuseum (DAM) die Ausstellung ‹Protest / Architektur› in einem verschlissenen Gewerbebau im Osten Frankfurts. Das Büro ‹Something Fantastic› aus Berlin hat die Ausstellung aus den Lagerbeständen des DAM gestaltet. Sie hat selbst den Charme einer Barrikade: Rohe Spanplatten sind mit Spanngurten aneinandergezurrt, Plakate hängen an Gittern oder Seilen, manchmal auch halb in der Luft. Als chronologischer Faden zeigen die Plakate Beispiele widerständigen Bauens von 1830 bis heute. Barrikaden machen den Auftakt, gebaut aus Schutt, Fässern, Fahrzeugteilen – und mit wehenden Fahnen darauf posierende Kommunarden. Der Republikaner Gottfried Semper verbesserte eine Strassensperre im Dresdner Maiaufstand 1849 derartig, dass sie uneinnehmbar war. So steht es im Katalog, der als Enzyklopädie im Taschenbuchformat gestaltet ist. Die Monarchie siegte trotzdem, Semper musste fliehen.
Ausstellung ‹Protest / Architektur. Barrikaden, Camps, Sekundenkleber›
Bis 14. Januar 2024 im Deutschen Architekturmuseum (DAM), Ostend, Frankfurt a. M.
Kuratorische Leitung: Oliver Elser, DAM
Kuratorisches Team: Anna-Maria Mayerhofer, Jennifer Dyck, Sebastian Hackenschmidt (MAK, Wien)
Ausstellungsgestaltung: Something Fantastic, Berlin
Film: Oliver Hardt, Frankfurt
Weitere Stationen:
14. Februar bis 25. August 2024: MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien.
Ab 6. April 2024 zeigt das Zeughaus Teufen die Ausstellung, mit Fokus auf Case Studies aus der Schweiz.