Schön und sicher über Berns Brücken
Der Architekt Rolf Mühlethaler und das Ingenieurbüro Schnetzer Puskas haben für die Kirchenfeld- und die Kornhausbrücke in Bern ein Sicherungssystem entwickelt, das lebensmüde Menschen am Selbstmord hindern soll.
Die Kirchenfeld- und die Kornhausbrücke sind Wahrzeichen der Stadt Bern, und sie bieten einen schönen Blick auf das Unesco-Weltkulturerbe und in die Alpen. Die Brücken sind aber auch ein Ort, an dem Menschen, die keinen Ausweg mehr sehen, ihrem Leben ein Ende setzen. Das ist nicht nur für die Angehörigen tragisch, sondern auch für die Bewohner unterhalb der Brücken. 2009 nahm das Stadtparlament eine Motion an, die den Schutz der Brücken verlangte. Zunächst montierte man als Provisorium ein vertikales Netz. Das war eine Sofortmassnahme, die auch die Bevölkerung für das Thema sensibilisierte.
Die definitive Lösung entwickelte das Tiefbauamt der Stadt in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege, der Stadtbildkommission und der Sanitätspolizei. Als Planer engagierte es den Architekten Rolf Mühlethaler und das Ingenieurbüro Schnetzer Puskas, die mehrere Varianten prüften. Von einem Wettbewerb sah die Stadt ab, auch darum, weil sie das sensible Thema nur sehr zurückhaltend kommunizieren wollte.
Denkmalpflege und Stadtbildkommission setzten sich für eine Lösung ein, die die Sicht von den Brücken nicht behindert. Den Planern war es wichtig, dass die Konstruktion insgesamt ebenso grosszügig wirkt wie die historischen Brücken. Zu beachten war ausserdem, dass die Brücken keine statischen Reserven haben, dass die Kräfte also nicht über sie abgeleitet werden können.
So entwickelte man für die Kirchenfeldbrücke ein System, das ähnlich wie eine umgeklappte Hängebrücke funktioniert: mit einem langen Hauptseil von Brückenkopf zu Brückenkopf. In diese Konstruktion ist ein Netz gespannt, dessen Maschenweite vielfältigen Kriterien – von der Zweckmässigkeit bis zur Verschmutzung – genügen muss. Dank der symmetrischen Konstruktion neutralisieren sich die Druckkräfte in den Auslegern; dafür entstehen an den Brückenköpfen Zugkräfte von 110 Tonnen. Dem Bauwerk sieht man das nicht an – das Seil scheint einfach im Brückenkopf zu verschwinden. Doch dahinter, etwa im Casino-Parking, waren grosse Betonkonstruktionen oder Mikropfähle nötig. Ähnlich, aber nicht identisch ist die Konstruktion an der Kornhausbrücke. Wegen der Brückenarchitektur liegt dort das Netz etwas höher.
Den Zweck haben bereits die Provisorien erfüllt. Nun hat ihre Funktion auch noch die der Bundesstadt und dem Weltkulturerbe würdige Gestalt gefunden.
Brückensicherungen, 2015
Kirchenfeldbrücke und Kornhausbrücke, Bern
– Bauherrschaft: Stadt Bern, Tiefbauamt
– Projektbegleitung: Denkmalpflege, Sanitätspolizei und Stadtbildkommission der Stadt Bern
– Architektur: Rolf Mühlethaler, Bern
– Seilingenieure: Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel
– Brückeningenieure: Bächtold + Moor, Bern (Kirchenfeldbrücke); Ingenta, Bern (Kornhausbrücke)
– Kosten (beide Brücken): Fr. 6,45 Mio.
Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 5/2016 der Zeitschrift Hochparterre.