Kurskorrektur am Hönggerberg
Männerdominanz, Hierarchien und Eurozentrismus: Die althergebrachten Strukturen am Architekturdepartement der ETH weichen langsam auf. Dies ist auch der Hartnäckigkeit von ETH-Aktivistinnen zu verdanken.
‹Zehn zu Null› titelte Hochparterre im März 2019 in einem Artikel über das Architekturdepartement der ETH. Vier Jahre zuvor hatte die ETH-Assistentin Charlotte Malterre-Barthes die ‹Parity Group› mitbegründet, eine Grassroot-Initiative für Gleichstellung und Diversity. Unbeirrbar wies die Aktivistin an Departementskonferenzen darauf hin, wie viel mehr Männer als Frauen zur Gastkritik eingeladen waren. Sie forderte Strukturen und Regeln, die selten Mehrheiten fanden. Auch die Berufungskommissionen liessen sich durch nichts beirren und führten ihre Arbeit wie gehabt fort. Das Departement steckte in einer Berufungswelle, die von 2016 bis 2018 fast die Hälfte des Lehrkörpers austauschte. Fünf Frauen wurden ausserordentliche Professorinnen, vier davon mit Sechsjahresvertrag. Die zehn ordentlichen Positionen mit lebenslanger Anstellung, höherem Gehalt und besserer Ausstattung gingen allesamt an Männer.
Parity Talks VI – What’s Good?
Die Parity Talks 2021 finden online statt. Der designierte Departementsvorsteher Roland Emerson wird den Tag eröffnen. Danach sind für den Vormittag Vorträge geplant, nachmittags offene Diskussionsrunden. Im Zentrum der Talks stehen Fragen zu Qualität, Exzellenz und deren Definition. Die Veranstaltung dient als Auftakt mehrerer Digitalevents, die an allen fünf beteiligten Institutionen stattfinden, um die Debatten um Gender, Gerechtigkeit, Inklusion und Zugehörigkeit zu fördern. Interessierte sind herzlich eingeladen.
– Zeit: Mittwoch, 10. März, 8.30–18 Uhr
– Ort: Stream unter go.ethz.ch/parity
– Veranstalterin: Parity Group
– Mitwirkende: Womxn in Design (Harvard GSD), Claiming*Spaces (TU Wien), Parity Group EPFL, Parity Group TU München
Die EPFL erwacht
Seit Herbst 2020 publiziert die Studierendenorganisation ‹Poliquity EPFL› Berichte über Diskriminierung und Belästigung via Instagram und Youtube. Letztes Jahr, kurz vor Weihnachten, rumorte es in der Architekturabteilung. Anlass dafür war eine Diskussionsrunde zum 150. Geburtstag von Adolf Loos. Der berühmte österreichische Architekt war ein verurteilter Pädophiler und wegen seiner sexistischen und rassistischen Aussagen sehr umstritten. Selbst die Stadt Wien hatte entschlossen, das Jubiläumsjahr nicht zu feiern.
Als ein EPFL-Architekturprofessor am 10. Dezember 2020 ein rein männlich besetztes Podium ohne kritischen Blick auf die Person Loos plante, unterzeichneten 150 Personen einen offenen Brief. Der Professor sagte das Podium daraufhin ab und organisierte eine spontane Veranstaltung zu Loos und dessen Werk, die mit einer zwanzigminütigen Verteidigungsrede begann. Die anschliessende Debatte sei, so berichten zwei EPFL-Aktivistinnen, ein Eisbrecher, aber auch eine ungeordnete Frustdiskussion gewesen, dominiert von Leugnung und Kränkung. Sie sagen: «In der Architekturabteilung gibt es keine Diskussionsreihe und keine Mittelbauvereinigung, weder Gender-Regeln für Berufungskommissionen, noch Statistiken zu Vorlesungen und Kritiken. In unserer ‹Gender Equality Group› sitzen nur Professoren. Für Diversity gibt es noch kein Budget, das Curriculum ist der reine Kanon. Wir stehen ganz am Anfang.»
Unterstützung erhalten die beiden Aktivistinnen bei der ‹Parity Front›. Im Jahr 2020 von Charlotte Malterre-Barthes und Benjamin Groothuijse gegründet, soll die Vereinigung Diversität in der Ausbildung und Praxis von Architektur und Planung fördern. Die Gruppe will Wissen formalisieren und sich über Veränderungsstaktiken austauschen. Sie ist mittlerweile in Zürich, Lausanne, München und Wien aktiv.