Hans Danuser – ein Nachruf
Der Fotograf und Künstler reiste durch die Welt, ruhte in Graubünden und war ein Freund von Hochparterre. Vor ein paar Tagen ist er überraschend gestorben.
Bilder purzeln aus dem Gedächtnis – private: Schwatzen in Hans Danusers überhohen Atelier an der Ottikerstrasse in Zürich zum Kaffee aus der neuen, eleganten Maschine. Wie tief kann er seufzen, weil die schwarze Brühe beim ersten Versuch kalt statt heiss aus dem Gerät tröpfelt. Und dann lachen, die grau-weisse Mähne schütteln, die Augen zukneifen, den grossen Körper langsam nach vorne und nach hinten wanken. Hans fragte mich bei jedem Besuch neugierig über Neues aus der Szene der Architektur aus und vor allem über Bündnerisches, unsere gemeinsame Gegenwart. Er liebte die kulturpolitische Diskussion in unserem Kanton und er mochte den Klatsch.
Und wir flogen bald hinweg mit seinen im Atelier ausgelegten Projekten in die Wüste, wo er die Folgen des Klimawandels künstlerisch dokumentierte oder in seine wachsende Bibliothek mit Abzählreimen und Kinderversen, die ihm Stoff für etliche Beiträge zur Kunst am Bau gegeben hatten – Spiele mit dem Sinn und der Form von Buchstaben. Und Hans skizziert, wie er sein Archiv mit seinen Arbeiten und Journalen nun der Fotostiftung in Winterthur übergeben – schenken – wird.
Zürich
Auf seinem einen Bein stand Hans Danuser in Zürich, in seinem Atelier, in seinem grossen Kreis von Gefährten und Freundinnen aus Kunst, Wissenschaft und Politik. Er war eng verbunden mit der Wissenschaft, vor allem mit Labors der ETH. Er wusste viel über deren Tun, er hat es bewundert und war immer wieder verblüfft, was er wie vom Tun in der Spitzenforschung begriffen hat. Freilich auch kritisch befragt, aber mehr interessierte ihn, die Phänomene abzubilden als grundlegende Wortwechsel über Sinn und Unsinn zu führen. Hellsichtig waren seine Gedanken, wie Kunst und Wissenschaft zusammenhängen und wichtig war ihm als Künstler auf Augenhöhe mit Forscherinnen zu reden – und respektiert zu werden. Aus seiner langjährigen Beschäftigung mit Naturwissenschaften, Medizin und Ingenieurswesen entstanden Bilder aus Labors und Werkstätten, wohin ausser den Eingeweihten niemand kann. Sie machten ihn weltberühmt.
Graubünden
Fest stand er mit seinem zweiten Bein in Graubünden – in Chur, wo er vor 71 Jahren zu Welt kam und aufwuchs, in Felsberg, wo er jeden Frühling seine Spargeln stach, am Rheinufer, wo er seine Plätze für die Morcheln hatte, in Davos, wo er rassiger Skifahrer war, in Castasegna, wo er den Fotografen Garbald wieder entdeckte, dessen Haus er zum Kulturort entfalten half und zusammen mit dem Bündner Heimatschutz und den Architekten Miller Maranta ein mustergültiges Verfahren durchgezogen hat, wie alt und neu zueinander finden können – und aus den Trauben von Garbalds Pergola brannte er jedes Jahr einen scharfen Schnaps, ein Vorrecht des Ehrenpräsidenten.
In Graubünden sind denn auch etliche Orte seiner Arbeit als Künstler – der Schieferplatz in der Klinik Realta, die Bergbilder von Davos und St. Antönien, exemplarische Bilder im Kunstmuseum Chur oder die Fotografie der frühen Bauten von Peter Zumthor. Mit ihnen hat Hans-Danuser Ende der Achtzigerjahre einen Markstein in der Fotografie der Architektur gesetzt. So wie die Welt seine künstlerischen Erkundungen von Krankenhäusern, Atomkraftwerken, Goldfabriken und erodierenden Landschaften zum ersten Mal gesehen hat, sah sie die Kapelle von Sogn Benedetg im Nebel. Oder den Schutzbau über den archäologischen Grabungen in Chur – unscheinbar steht er an einem wüsten Ort in der Stadt, Hans Danuser machte ihn zu einem scheinbar zauberhaften Ort – Zeitschriften in aller Welt haben die Bilder abgedruckt, Museen in aller Welt haben sie ausgestellt. Die Arbeiten, in enger Zusammenarbeit mit Peter Zumthor entstanden, sind seine einzigen zur Fotografie der Architektur. Ich widmete ihnen vor vielen Jahren ein Kapitel in der der Ausstellung «Bilder bauen» im «Gelben Haus» von Flims. Daraus entstand das Buch «Zumthor sehen. Bilder von Hans Danuser». Es hat die Grundlage für Hochparterres Buchverlag «Edition Hochparterre» gelegt. Für Hochparterre, dem er nah verbunden war und an dessen Schicksal er nah Anteil hatte, machte er fortan ab und zu ein Haus- oder Landschaftsbild. Er unterzeichnete es mit seinem Pseudonym H.D. Casal. Das war der Nachname seines Onkels, der als Redaktor der «Neuen Bündner Zeitung» mich als blutjungen Journalisten entscheidend gefördert hatte.
Hans Danuser war wichtig, dass ihn die Welt wahrgenommen hat, womit er den künstlerischen und sozialen Aufstieg in die Weltliga geschafft hat. Immer im Mai war denn auch grosser Bahnhof in seinem und Brigittas Haus in Zürich. Zum Spargelschmaus traf sich hohe und kleine Prominenz aus Wissenschaft, Politik und Kunst. Und es war ihm ebenso wichtig, im Kanton Graubünden kulturpolitisch zu wirken. So ist in meiner Erinnerung wach, wie Hans und seine Familie mit dem Erbe seiner Eltern – unter anderem einer grossen Bibliothek – massgebend mitgeholfen haben, dass Chur eine Stadtbibliothek erhalten hat und das Lacuna Quartier die Räume der ehemaligen Aspermont-Bibliothek für alle erhalten konnte. Für seine Kunst, aber auch für sein kulturpolitisches Tun zeichnete ihn die Regierung des Kantons Graubünden 2001 mit dem Kulturpreis aus.
St. Antönien
Vor gut zehn Jahren haben Hans und Brigitta Danuser den «Oberscht Hof» in St. Antönien entdeckt und diesen grossen, nicht mehr gebrauchten Bauernhof in ihren Lebens- und Arbeitsort umgebaut. Sie haben das Umbauprojekt fürs Haus und den Garten entworfen und es mit den Handwerkern des Dorfes und des Tals Schritt um Schritt gebaut – eigenhändig auch als Hilfsarbeiterin und Steineträger gearbeitet. Hoch über dem Dorf ist ein starker, grosszügiger Ort entstanden, mustergültig ist der Bestand mit neuen Anforderungen verbunden. Von da aus schwärmte Hans aus, engagierte sich kulturpolitisch im Dorf, steuerte als H.D. Casal Bilder für einen Reklameprospekt des Dorfmuseums bei und arbeitete an seiner grossen Serie über alpine Landschaften.
Uccelin
Und so sitze ich vor meinem Haus in Fläsch. Ich denke in Mitleid an Brigitta, Hans-Andrea und Vanessa. Schweige still und betrachte den «Uccelin» an der Fassade. Das Vögelein wollte einst Kunst am Bau für das Quaderschulhaus in Chur werden, und ist dann einem Sparentscheid des Stadtrates zum Opfer gefallen. Uccelin stieg in einen aufwändigen Rechtshandel ein, den er bis vor Bundesgericht zog. Zusammen mit mir hat Hans diesen Flug in einem Themenheft von Hochparterre dokumentiert.
Hans baute «Uccelin» schliesslich ein Nest an meinem Haus in Fläsch – als Freundesgabe in einer Nacht- und Nebelaktion, so dass mir meine Nachbarin telefoniert hat, bei mir sei mit einer Leiter ein seltsamer Mann mit Bart als Einbrecher am Werk.