Ruinenbestand, Re-Use-Material und wilder Nutzungsmix: Im Delfter Vakwerkhuis kommt alles zusammen. Foto: Peter de Krom
Ruinenbestand, Re-Use-Material und wilder Nutzungsmix: Im Delfter Vakwerkhuis kommt alles zusammen. Foto: Peter de Krom

Denn sie bauen zirkulär

In Sachen Kreislaufwirtschaft sind die Niederlande der Schweiz voraus. Auf einer Reise von Amsterdam bis Utrecht lernen wir von Materialpässen, Gemüse im Einmachglas und dem grossen Geld.

Text: Axel Simon
14.06.2022 10:55

Die Niederlande sind pragmatisch. Während der Rest der Welt noch denkt, mit Netto-Null wäre der Planet gerettet, denkt das Land zirkulär. Es hat erkannt: Treibhausgase sind ein Problem, doch Materialschwund und Müllflut nicht minder. Bis 2050 wollen sich die Niederlande komplett zirkulär organisiert haben, auch im Baugewerbe. Und bis 2030 soll der Einsatz von Primärrohstoffen um die Hälfte gegenüber 2018 schrumpfen. Damals begann die Regierung mit einem Programm, bei dem aus Expertinnen und Experten bestehende ‹Transition teams› beratend mitwirken, an Gesetzen mitschreiben, Initiativen begleiten. Politikerinnen und Banker, Architekten und Unternehmerinnen: Alle scheinen verstanden zu haben. Und zu handeln. Jedenfalls die, die auf unserer Reise anzutreffen waren. Der Exkurs, organisiert von Circular Hub und Madaster Schweiz, führte drei Tage lang durch künstliche Landschaften – zu Bauten, Projekten und Menschen, die Zirkularität anstreben.

Circl, Amsterdam, 2017
Im Pavillon treffen sich die Angestellten der grössten niederländischen Bank zu Sitzungen, Business-Lunch oder After-Work-Drink. Zunächst war der Pavillon von ABN Amro aus Beton, Glas und Marmor geplant, wie das Stammhochhaus daneben. Doch noch während des Baus gab sich die Bank ein neues, grünes Leitbild. Aus der bereits bestehenden Betonwanne wuchsen wiederverwendete Holzstützen und -balken, Wände aus den angeblich 16 000 geschredderten Jeans der Banker. In der Kaffeepause lehnt man sich an alte Bankschliessfächer. De Architekten Cie., ein alteingesessenes Architekturbüro, holte sich für das Thema einen jungen, auf zirkuläres Bauen spezialisierten Projektleiter. Die Bank nutzt den Ort hauptsächlich für die Weiterbildung in Sachen Kreislaufwirtschaft. Da es einen ersten – konventionellen – und einen zweiten – zirkulären – Entwurf gibt, liegen anschauliche Vergleichszahlen vor. So liest man bei der zirkulären Variante von einem um 40 Prozent kleineren CO2-Fussabdruck, von 36 Prozent weniger Materialverbrauch und von einer bis zu 90-prozentigen Zerlegbarkeit, wenn das Haus ausgedient hat. Die Projektkosten betrugen 16 Prozent mehr als beim herkömmlichen Entwurf.

Vakwerkhuis, Delft, 2020
Die ehemalige Heizzentrale auf dem Campus der Universität Delft stand lange Zeit leer. Drei Architekten erhielten den Zuschlag für den Umbau der 120-jährigen Ruine mit Schornstein und gründeten ein Büro gleichen Namens: Vakwerk Architecten. Neben den Atelierräumen des Büros gibt es Co-Working-Plätze und ein Café inklusive wunderbarem Garten mit Grachtenblick. Die Gebrauchsspuren des Bestandes bleiben unangetastet. Wiederverwendete Holzträger geben dem Tonnengewölbe der Aufstockung seine Form, und auch alle Einbauten bestehen aus Re-Use-Bauteilen oder -Materia-lien. Gebrauchte Büromöbel stehen wie selbstverständlich neben neuen Einbauten aus Eichenholz, das es günstig in grosser Menge zu kaufen gab. Der Sinn der Architektinnen für Raum, Form und Handwerk hält alles formal zusammen; die Mischung aus Lockerheit und Anspruch prägt die Stimmung der Räume und macht sie zu einem beliebten Ort.

Triodos Bank, Zeist, 2019
Die Triodos Bank verwendet das Geld ihrer Kunden ausschliesslich zur Finanzierung ökologisch, sozial oder kulturell wertvoller Projekte. Der von Rau Architects stammende Bau befindet sich auf einem alten Landgut in der Nähe des Städtchens Zeist. Viele der 600 Angestellten bringt der Regionalzug vor die Tür, viele kommen mit dem Velo; die Parkplätze sind von Solardächern geschützt. Die Gebäudekonstruktion besteht zu 92 Prozent aus Holz, selbst die Aufzugskerne und die Bodenplatten bestehen aus verleimter deutscher Fichte. Innerhalb von zwei Wochen stand der Gebäudekern mit Treppenhäusern, Liftschächten und Nasszellen. 368 Holzbinder, zugleich Stützen und Balken, fächern sich wie Pilze um die drei Kerne. Das offene Erdgeschoss mit Restaurant dient als Gemeinschaftsraum und verbindet die drei Kerne, die zu den Büroetagen führen. Im Madaster-Materialpass lesen wir von 2632 Kubikmetern Holz, 128 Fensterscheiben und 165'312 Schrauben.

Green House, Utrecht, 2018
Der zweigeschossige Pavillon steht zwischen gesichtslosen Hochhäusern in der Nähe des Bahnhofs. Oben befinden sich Tagungsräume, unten bewirtet ein Restaurant die Gäste nach einem ambitionierten zirkulären Konzept. Das Stahlskelett aus verzinkten Profilen trägt eine Glashülle aus teilweise wiederverwendeten Fenstern und vorgefertigte Holzelemente im oberen Teil. Die Fenster einer ehemaligen Kaserne haben dem Stahlbau das Grundmass vorgegeben. Vollständig demontierbar, soll der Bau nach 15 Jahren an anderer Stelle wiederaufgebaut werden; das Architekturbüro Cepezed hat entsprechende Erfahrungen mit einem temporären Gerichtsgebäude in Amsterdam gesammelt.

Dieser Beitrag ist entstanden mit Unterstützung durch Circular Hub und Madaster, die die Reise finanziert haben.