Ohne Güter keine Stadt
Das Güterverkehrsprojekt Cargo sous terrain bringt die Schwächen der Versorgungsinfrastruktur ans Licht. Der Tunnel ist nicht die Lösung, aber eine Chance.
Eine jahrelange Tradition des Outsourcings hat dazu geführt, dass Logistikinfrastrukturen aus den städtischen Zentren verschwunden und in Agglomerationsräume und auf die öffentliche Infrastruktur verschoben wurden. Damit stösst man nun an Grenzen, wie das Projekt Cargo sous terrain (CST) deutlich macht. Ein Tunnel von Genf bis St. Gallen, mit Abzweigern nach Basel, Thun und Luzern, soll den Güterfluss des Binnenmarkts unter die Erde verlegen. Das Projekt will die Probleme in der Agglomeration lösen. Setzt man sich mit den Details auseinander, wird klar: Sowohl die Probleme als auch die Lösungen liegen in den Zentren.
Längere Wege
Der Transportverkehr nimmt zu – nicht nur als Folge des gesteigerten Konsums. Transportstrecken werden länger, auf der Autobahn sind mehr Fahrzeuge unterwegs. Das Prinzip wäre einfach: Je weiter Güter gebündelt transportiert werden können, desto geringer sind die Emissionen, die Kosten und der Druck auf die öffentliche Infrastruktur. Doch der Blick in die Statistiken zeigt ein anderes Bild: Der Strassentransport ist unverhältnismässig günstig. Grossverteiler wie Migros und Coop haben ihre Logistik- und Produktionsstrukturen deshalb zentralisiert, Lieferketten optimiert und Verkaufsregionen zusammengelegt. Coop beliefert heute den Grossteil der deutschsprachigen Schweiz aus dem aargauischen Schafisheim, und die Migros betreibt in 25 Kilometern Luftdistanz zwei nationale Verteilzentren. Selbst lokale Produkte, die in den Regalen der Detailhändler zu finden sind, legen immer weitere Strecken zurück.
Cargo sous terrain
Als Antwort auf die Überlastung von Strasse und Schiene gründeten Detailhändler wie Migros und Coop mit Firmen aus der Finanz-, Logistik-, Telekom- und Energiebranche 2017 die Cargo sous terrain AG. Diese will Teile des Gütertransports in der Schweiz unter die Erde bringen. Herzstück des Gesamtlogistiksystems ist ein Tunnel von rund sechs Metern Durchmesser, der den vollautomatischen Transport kleinteiliger Güter rund um die Uhr und mit konstanter Geschwindigkeit ermöglicht. Die Waren durchlaufen den Tunnel IT-gesteuert und sind nach Bestimmungsort gebündelt. Roboter laden die Güter in den Hubs für die Feinverteilung in der Stadt auf umweltfreundliche, an die Citylogistik angepasste Fahrzeuge um. Das soll die Städte um bis zu dreissig Prozent des Lieferverkehrs und fünfzig Prozent der Lärmemissionen entlasten. Nach einer langen Entwicklungsphase ist das Projekt in den Startlöchern. Das erste, siebzig Kilometer lange Teilstück von Härkingen-Niederbipp nach Zürich soll bis 2031 fertiggestellt sein. Dazu gehören nebst dem siebzig Kilometer langen Tunnel zehn Anschlussstellen, die City-Hubs zur Be- und Entladung umfassen. An den Kosten in der Höhe von drei Milliarden Franken beteiligen sich rund siebzig Investoren. www.cst.ch
Idee mit Achillesferse
Markus Schaefer von Hosoya Schaefer Architects bezeichnet das Projekt CST als eine auf verschiedenen Ebenen geniale Lösung: «Auf der Ebene der Permalogistik, weil es Güter konstant bewegen und auch zwischenlagern kann. Auf der Ebene der Materialströme, die dank der Digitalisierung in kleinen Einheiten an unterschiedliche Orte geliefert werden können. Die private Vorfinanzierung zeigt das Potenzial des Projekts, und erinnert an die Eisenbahnunternehmen der Gründerzeit. Und die Hubs, die wie Pilze als Portale in der Stadt sichtbar werden, sind ebenfalls spannend.» Allerdings habe das Konzept auch Schwächen: «Einmal gebaut, ist das teure Tunnelsystem kaum anpassbar. Damit wird das Gesamtsystem träge.» Als Ergänzung oder Alternative schlägt Schaefer vor, mit digitaler Steuerung und autonomen, kleinen Fahrzeugen freie Kapazitäten auf der bestehenden Strassen- und Schieneninfrastruktur zu nutzen, zum Beispiel langsam fahrend in der Nacht oder in Fahrplanlücken.