Von der Kunst, die Natur
zu imitieren
Der Umbau der Grosskatzenanlage Panthera im Zoo Zürich verfolgt zwei Ziele: artgerechte Haltung der Tiere und ein perfektes Bild für den Menschen im Smartphone-Zeitalter.
Ein Amurtiger räkelt sich in der Sonne. Auf dem Rücken liegend wirkt die grösste aller Raubkatzen beinahe zahm. An ihrer Umgebung im Zoo Zürich scheint das Tier Gefallen zu finden. Das erstaunt kaum, hat sich doch die Lebensqualität der Asiatischen Löwen, Schneeleoparden und Tiger vor Kurzem verbessert. Panthera heisst die umgebaute und erweiterte Anlage der Grosskatzen, die im Frühling 2025 eröffnet worden ist.



Für Vetschpartner ist es bereits das 16. Projekt, das sie für den Zoo Zürich geplant und gebaut haben. 1993 arbeitete das Büro einen Masterplan aus, der den Zoo in unterschiedliche geografische Bereiche gliederte: Australasien, Südamerika, Eurasien und Afrika. Weiter sah der Plan vor, dass Tiere, deren natürliches Habitat sich auf höheren Lagen befindet, auch am Zürichberg weiter oben angesiedelt sind als Tierarten, die in der freien Wildbahn in tieferen Lagen leben. Vor dem Umbau lebten die Grosskatzen hier in einer Anlage, wo ganz oben in einer dem Hochgebirge nachempfundenen Umgebung die Schneeleoparden lebten. Auf diese folgten die Amurtiger im Laubwald und schliesslich, weitere rund fünf Höhenmeter tiefer gelegen, die Löwen im Trockenwald.
Rotation statt Ordnungsprinzip
30 Jahre später beginnt diese Ordnung durcheinanderzugeraten. Die Tierhaltung hat sich weiterentwickelt, die Anlagen werden grösser. 2020 übernahm Severin Dressen das Amt des Direktors, kurz darauf präsentierte der Zoo Zürich einen neuen Entwicklungsplan. Dieser sieht vor, dass sich der Zoo bis 2050 in elf Lebensräume gliedert. Anders als bei der Lewa-Savanne, die auf Landreserven entstanden ist, handelt es sich bei Panthera um einen Umbau. Das ‹Himalaya Gebirge› und der ‹Gir Trockenwald›, die zu den ersten Projekten von Vetschpartner zählten, sind von der Zoolandkarte verschwunden. Heute bewegen sich Tiger, Löwen und Schneeleoparden durch sämtliche Höhenlagen – ihre Anlagen wurden miteinander verbunden. Grund dafür ist das weltweit erstmals angewandte Rotationsprinzip: Die Tiere ziehen in unregelmässigen Zeitabständen weiter; im Wechseltakt belegen sie vier unterschiedliche Bereiche. «Dass der Schneeleopard nun auch durch den Bereich ‹Mischwald› streift und der Amurtiger manchmal im ‹Gebirge› anzutreffen ist, war für uns Landschaftsarchitekt*innen anfangs gewöhnungsbedürftig», sagt Urs Baumgartner, Leiter Grossprojekte und Partner bei Vetschpartner. Auch die Grosskatzen dürften etwas überrascht gewesen sein, als sie zum ersten Mal die olfaktorischen Spuren der anderen Tiere wahrnahmen. Für sie ist dies eine Bereicherung. Nun sollen sie die Bereiche in Panthera jedes Mal von Neuem markieren oder dem Futter an eigens dafür errichteten Seilbahnen nachjagen.

1 Laubwald (ehemalige Amurtiger-Anlage)
2 Catwalk (Übergangssteg)
3 Gebirge (ehemalige Schneeleoparden-Anlage)
4 Lichtung (ehemalige Wolfsanlage)
5 Kleiner Panda
6 Neuer Durchgang auf Terrainniveau
7 Insektenwald
8 Trockenwald (ehemalige Löwen-Anlage)
Die grössten baulichen Anpassungen sind der Tatsache geschuldet, dass der Amurtiger, die kräftigste und unberechenbarste aller Katzenarten, nun in allen vier Bereichen lebt. Um die Sicherheit der anderen Tiere, der Besucher*innen und der Mitarbeitenden zu gewährleisten, mussten ausreichend hohe Abschrankungen angebracht werden. Dazu gehören neue, bis zu fünf Meter hohe Zäune aus Stahlrohren und Maschendraht, deren Betonfundamente tief in den Boden reichen. Bestehende Kunstfelsen, die als natürlich wirkende Hindernisse fungierten, mussten erhöht werden. Am meisten fallen jedoch die neuen Wasserbecken auf, die extra für die Tiger geschaffen wurden. Sie sind die Einzigen in der Panthera-Anlage, die gerne baden. Nun können sie sich neu auch im ‹Gebirge› und auf der ‹Lichtung› im Zentrum der Anlage ein Bad gönnen. Damit die ‹Lichtung› als solche wahrgenommen wird, wurden gewisse Pflanzen entfernt und Bäume gefällt. Andernorts ist die Vegetation bewusst dicht gestaltet, damit sich die Tiere verstecken können.
An verschiedenen Stellen befinden sich zudem Fenster, durch die Besucher*innen auf die neuen Futterseilbahnen oder Wasserbecken blicken können. Während die Wasserflächen reizvolle Spiegelbilder erzeugen, sind Spiegelungen in den Blickfenstern unerwünscht. Deshalb gibts vor den Fenstern kleine Vordächer und unbeleuchtete Nischen, von wo aus sich die Tiere gut beobachten und für ein Foto ins beste Licht rücken lassen.
Mehr Begegnungsmöglichkeiten – für alle
Eine weitere Neuerung erlaubt auch den Grosskatzen, in Beobachtungsstellung zu gehen. Im Norden der Anlage, wo diese durch einen Gehweg geteilt wird, führt ein rostroter Steg über die Köpfe der Zoobesucher*innen hinweg. Er heisst nicht nur ‹Catwalk›, sondern ist auch einer: Bei einer Rotation oder während des Aufenthalts auf der Lichtung können die Tiere über den Stamm einer Föhre spazieren, der auf einem 17 Meter langen Stahltrog liegt. In diesem Moment geniessen die Grosskatzen den Blick über die Anlage, während sie sich den Besucher*innen aus einer ungewohnten Perspektive präsentieren. Das schlichte Bauwerk soll jedoch schon bald von Pflanzen umrankt und verdeckt werden – eine Brückenkonstruktion aus Stahl hat in den idealisierten Naturbildern des Zoos keinen Platz. «Heute wünscht sich die Zooleitung von Anfang an eine üppige Natur», so Urs Baumgartner. Anders als bei Wohn- oder Schulbauten soll das Erscheinungsbild im Zoo dafür sorgen, dass Besucher*innen sich mitten im Lebensraum der Tiere wähnen.



Das zentralasiatische Hochgebirge oder den subtropischen Trockenwald am Zürichberg exakt nachzubilden, ist jedoch nicht möglich. «Um den angestrebten Bildern möglichst nahezukommen, suchen wir jeweils Referenzen in den Ursprungslandschaften», erklärt Baumgartner. Das können Bilder aus dem Internet oder persönliche Reisefotos sein. «Dann entscheiden wir, welche Elemente am wichtigsten sind, damit sich eine Landschaft wiedererkennen lässt.» So wählten Vetschpartner Pflanzen, die ähnliche Texturen oder Blattgrössen haben wie die Arten in den Ursprungsgebieten. Einen Glücksfall stellt die Himalaya-Birke dar, die sowohl in der Heimat der Schneeleoparden als auch hierzulande wächst. Heute findet sie sich überall in Panthera, ergänzt um Hainbuchen, Föhren und Rhododendren, die ursprünglich ebenfalls aus dem Himalaya stammen. Visuell gleichen sich die vier Bereiche nach dem Umbau stärker als zuvor, doch für die Tiere präsentieren sie sich dank der Rotation abwechslungsreicher.
Wer die Panthera-Anlagen genauer betrachtet, kann erkennen, welche älteren und welche neueren Datums sind: Früher durfte hie und da ein Zaun sichtbar sein. Heute lässt man alle Zäune einwachsen; auf Augenhöhe werden sie vom ersten Tag an durch immergrüne Pflanzen verborgen. Ein besonderes Augenmerk legen Vetschpartner zudem auf die Übergänge zwischen den verschiedenen Oberflächen und Gehegen. Um die Besucher*innen von den Tieren zu trennen, kommen in Panthera an vielen Stellen Kunstfelsen zum Einsatz. «Wächst die Natur dann über die Felsen, wie es das grüne Moos vielerorts tut, dann ist das Bild perfekt», zeigt sich Urs Baumgartner begeistert. Habitat-Immersion wird im Zookontext die Kunst genannt, Grenzen optisch aufzuheben und das Habitat der Tiere mit demjenigen der Menschen zu verschmelzen. Diesem Zweck dienen teilweise auch die Bodenbeläge, die vor und hinter den Glasscheiben ähnlich aussehen, damit sich die Besucher*innen den Tieren möglichst nah fühlen. Das funktioniert zum Beispiel dort besonders gut, wo sie über eine Treppe aus rauem, unregelmässigem Alpenkalk steigen müssen, um einen Blick auf die Gebirgslandschaft zu erhaschen, die ebenfalls steinig erscheint.
Der Mensch wird unsichtbar
Urs Baumgartners geschultes Auge erkennt aber auch, wo es noch Verbesserungspotenzial gibt. Auf der Suche nach dem Kleinen Panda, der ebenfalls in Panthera angesiedelt ist, taucht eine Gruppe von Besucher*innen auf der gegenüberliegenden Seite des Geheges auf. Solche Situationen werden als ‹Crossviewing› bezeichnet und sollen zukünftig vermieden werden. Nebst den Bauwerken muss auch der Mensch im Zoo unsichtbar werden, damit die Imitation der Natur gelingt. Auch andere Schweizer Tierparks und Zoos verfolgen derzeit vergleichbare Konzepte, wobei sich die Präsentation der verschiedenen Szenerien im Detail durchaus unterscheidet.


Andernorts darf ein Stall auch mal als solcher erkennbar sein, oder die Kunstfelsen erscheinen abstrakter als die präzise auf den jeweiligen Lebensraum abgestimmten Felsformationen, wie man sie im Zoo Zürich vorfindet. Oft sind es aber die finanziellen Mittel, die schlichtweg nicht ausreichen, um alle künstlich geschaffenen Bauteile einwachsen und verschwinden zu lassen. Eins aber unterscheidet sämtliche Tieranlagen von den Kulissen anderer Vergnügungsparks: In den Zoos darf die Natur mitarbeiten und die Bilder mit der Zeit verändern.
Katzenwald Panthera, 2025
Zürichbergstrasse 221, Zürich
Auftragsart: Direktauftrag
Bauherrschaft: Zoo Zürich, Zürich
Landschaftsarchitektur und Gesamtleitung: Vetschpartner, Zürich
Architektur: L3P, Regensberg
Bauingenieur*innen: APT, Zürich
Ingenieur*innen ‹Catwalk›: Conzett Bronzini Partner, Chur
Elektro- und GA-Ingenieur*innen: Schmidiger + Rosasco, Zürich
Baumeister*innenarbeiten: Spleiss, Küsnacht
Einfriedungen: Zaunteam Zürich Oberland, Gutenswil
Gartenarbeiten: Tanner Gartenbau, Zürich
Kosten (BKP 1–9): Fr. 9 Mio.
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