Rasant bunt
Die Grande Nation hat einen neuen TGV. Sein Interieur kommt aus Japan, vom eigentlich zugfernen Studio Nendo. Ob das mutige Resultat auch in der Schweiz denkbar wäre?
Nein, der neue ‹TGV Inoui› fährt nicht in die Schweiz. Stattdessen flitzt er von Paris nach Bordeaux sowie über Lyon nach Marseille. Und das mit Tempo 320, wie man es von einem TGV erwartet. Was neu ist, zeigt sich hinter den grossen, in der Markenfarbe Bordeauxrot lackierten Türen. Offenbar ist der französische Chic bei der Bahnbetreiberin SNCF Voyageurs angekommen: Das Interieur zeigt sich farbenfroh, die Formen sind rund und überraschend frisch. Erdacht wurde das eigenwillige Design jedoch nicht in Frankreich, sondern in Japan. Stellt man ihm die Gestaltung der Vorgängerzüge oder gar die solide Ästhetik der SBB gegenüber, ist der Kontrast gross – vielleicht zu gross? «Der ‹TGV Inoui› ist ein Statement», sagt Therese Naef von Milani Design. «Er passt gut zur neuen, auffälligen Markenidentität und zum französischen Lebensgefühl.» Könnte sein Design ein Modell für die Schweiz sein?
Mehr Passagier*innen dank kompakter Technik
Der ‹TGV Inoui› ist die fünfte Generation des ursprünglich von Roger Tallon gestalteten Hochgeschwindigkeitszuges. Er basiert auf der Baureihe ‹Avelia› des Herstellers Alstom. Sein Äusseres wird vor allem durch technische Faktoren wie Aerodynamik, Lichtraumprofil und Kurvenradien bestimmt. Zwischen den stromlinienförmigen Antriebswagen am Anfang und am Ende des Zweirichtungszuges befinden sich sieben doppelstöckige Passagierwagen mit Platz für insgesamt 740 Reisende – rund 20 Prozent mehr als in den Vorgängerzügen. Der Einsatz kompakterer elektrischer Komponenten ermöglicht kürzere Antriebswagen, wodurch sich bei gleicher Zuglänge ein weiterer Passagierwagen integrieren lässt. Rund 400 Innovationen stecken laut Alstom und SNCF im neuen Zug, etwa das Batteriesystem, mit dem der Zug im Fall eines Stromausfalls den nächsten Bahnhof erreichen kann. Der Energieverbrauch soll um 20 Prozent geringer, die Wartungskosten sollen um 30 Prozent niedriger sein. Ausserdem würden beim Bau 100 Tonnen Recyclingwerkstoffe verwendet. Das klingt gut, ist aber nicht ungewöhnlich, denn die stoffliche Weiternutzung von Werkstoffen aus Stahl und Aluminium ist Standard. Bemerkenswert ist die Aussage, dass der Zug zu 97 Prozent recycelbar sei – zumindest in der Theorie. Wiederverwertung funktioniert nur, wenn es Systeme gibt, die die verschiedenen Materialien im Kreislauf halten. Wie es am Ende des Lebenszyklus, also in etwa 30 Jahren, tatsächlich damit bestellt ist, lässt sich heute nicht sagen.
Der Zug, der Fluss, der Kiesel
Das Tokioter Studio Nendo ist bekannt für Interieurs, Möbel, Haushaltsprodukte und, ja, auch Pokémon-Karten. Dennoch erhielt es den Zuschlag, als die SNCF das Design 2018 international ausschrieb. Das siegreiche Konzept heisst kurz ‹Flow›. Es interpretiert den Zug als Fluss, der sich seinen Weg durch die Landschaft bahnt, strömt und sich immer wieder verändert. Dieser poetische Überbau erklärt einzelne formale Aspekte: «Die Farben der Sitze spiegeln die Tiefe eines Flusses. Unten sind sie dunkler, im oberen Stock heller», sagt Oki Sato, Gründer von Nendo. Eine Art Wasserlinie teilt die beiden Etagen. Horizontale Linien verstärken diesen Effekt, der auch äusserlich erkennbar ist. Eine weitere Ebene ist das Motiv des Kiesels, das den Fluss sozusagen möbliert. «Die sanfte Rundung findet sich bei Kopf- und Lendenstützen, Leselampen, Sitzen und Accessoires», so Sato. «Die Perforation der Gepäckablagen wiederum erinnert an Blasen und vermittelt ein Gefühl des Schwebens. Diese Elemente lassen den gesamten Zug auf vielschichtige Weise still und leise den Fluss verkörpern.» Das klingt nach einem ganz anderen Designansatz als dem, was man im Zugkontext gewohnt ist. «Wir beobachten diesen Trend schon lange: Die Innenraumgestaltung in Zügen passt sich mehr und mehr dem Interior Design von Wohnräumen an. Öffentlicher und privater Wohnraum verschmelzen», sagt Therese Naef. So entstehe eine Form von Wohnlichkeit, die dazu beitragen könne, mehr Menschen für die Bahn zu gewinnen. Ist es nicht widersprüchlich, ein Hightechsystem mit derlei Naturmetaphern aufzuladen? Oki Sato verneint: «Fortschrittliche Technologie bedeutet nicht, dass ein Zug schnell oder technisch aussehen muss. Wir haben uns darauf konzentriert, eine subtile Ästhetik zu entwickeln, die die Fahrgäste nicht verunsichert.» Das Neue kommt nicht futuristisch daher, sondern vertraut und leise. «Es ist nicht darauf aus, bemerkt zu werden.» Das Projekt drehe sich im Kern um den Abstand zwischen Technologie und dem unbewussten Komfort, den die Menschen suchen.