Der alte Löwe humpelt

Karl Marx, ein Held von Benedikt Loderers Jugend. Wie wenig er wusste von ihm! «Karl Marx in Algier» von Uwe Wittstock hat sein Halbwissen vermindert.

Text: Benedikt Loderer, Stadtwanderer
24.09.2025 09:57

Da schreibt einer zweigleisig. Es ist einerseits eine Biografie, andererseits ein Reisebericht. Karl Marx fährt 1882 zur Erholung nach Algier. Das Klima dort soll seinen chronischen Husten dämpfen und verspricht ihm Sonne und Erleichterung. Doch das Wetter ist schlecht, er kommt vom Londoner Regen in die Traufe von Algier. Ich schleppe mich als Leser mit dem alten, kranken Mann mühsam von der Pension, wo er wohnt, zum Aussichtspunkt über der Stadt, ein Leidensweg. Der Arzt bestreicht seinen Rücken mit einer Paste, die Entzündungen verursacht, die Furunkel müssen aufgestochen werden, ich schaudere beim Lesen. «Die Ärzte haben Marx mit den besten Absichten monatelang nutzlos die Haut vom Leib gezogen.», schreibt Wittstock. Marx ist 64, müde, kann nicht arbeiten, die Korrekturfahnen für den dritten Teil des «Kapitals» rührt er nicht an. Er hat nur noch elf Monate zu leben. Die Krankheit, die Langeweile, die Einsamkeit des ausgebrannten Greises, das erzählt mir der Reisebericht, der in kurzen Kapiteln wie die Sprossen einer Leiter durchs Buch führt.


Den Raum dazwischen füllt die Lebensgeschichte des Karl Marx (1818-1884). Ich muss gestehen, ich kannte sie nur oberflächlich. Lesend machte ich meine Hausaufgaben. Uwe Wittstock bewahrt den Abstand, er erzählt kühl und sachlich ein Leben in Armut und im Exil. Er beschreibt den Mann Marx, nicht das Monument. Marx als Student, als Redaktor, als Revolutionär, als Theoretiker, allen Stufen der Entwicklung folgte ich und betrat den armütigen Haushalt mit Kindern und Not. Friedrich Engels der Getreue hält das lecke Schiff mühsam über Wasser. Beim Lesen habe ich mich gefragt, wie seine Frau Jenny von Westphalen es mit ihm und den Umständen ausgehalten hat. Der Ehemann Marx wurde mir nicht besonders sympathisch. 


Selbstverständlich kommt auch die intellektuelle Leistung zur Sprache. 150 Jahre später ist Wittstock nicht klüger, aber abgeklärter. Er beurteilt den dialektischen Materialismus im Lichte seiner Wirkung. Er beschränkt sich auf das 19. Jahrhundert, auf Marx und seine Gegner und Mitstreiter, also Engels, Bakunin, Lasalle zum Beispiel. Ich schaute dem Bau des Theoriegebäude zu, das in London entstand und in die Welt wirkte. Es wurde nicht fertig und hat unterdessen einigen Schaden erlitten. Doch für Wittstock ist klar: «Seine präzise Darstellung des Kapitalismus als eines tendenziell ebenso grenzen- wie gnadenlosen Verwertungssystems ist noch heute überzeugend.» 


Überrascht hat mich der Lyriker Marx. Als Student schrieb er Gedichte für Jenny seine Verlobte. Zwei Kostproben fand ich im Buch. Da glüht ein Jüngling, kocht ein Herz, trotzdem ist’s Theaterdonner. «Der später so originelle Denker Marx war als Dichter hochgradig epigonal», urteilt Wittstock. 


Den Schlusspunkt setzt der Coiffeur. Marx lässt sich zuerst fotografieren und opfert anschliessend den Prophetenbart beim benachbarten Friseur. Es gibt im Buch ein Vor- und ein Nachherbild und Wittstock macht sich Gedanken, ob das «Haaropfer auf dem Altar eines algerischen Barbiers», wie Marx an Engels schrieb, nicht auch das Eingeständnis seines Scheiterns gewesen sei.

Wittstock, Uwe: Karl Marx in Algier. Leben und letzte Reise eines Revolutionärs. Verlag C. H. Beck, München 1925. Dieses Buch hier für 35 Franken bei Hochparterre Bücher bestellen.