Eine Anschaffung für den Rest meines Lebens, schreibt Benedikt Loderer über den Krimi.
Eine Anschaffung für den Rest meines Lebens, schreibt Benedikt Loderer über den Krimi.

Aus Françoise Fromonots Küche

Lesen bildet. Gewiss. Zuweilen hilft die Lektüre auch Bildungslücken zu schliessen. Benedikt Loderer passierte das im Falle des Buches ‹The House of Dr. Koolhaas› von Françoise Fromonot.

Text: Benedikt Loderer, Stadtwanderer
12.09.2025 09:41

Das Buch kommt getarnt daher. Es trägt das Gewand eines Billigkrimis. Ein knallfarbiges Titelblatt, das billige Papier und die Klebebindung der sparsamen Art sagen mir: Ein Buch geeignet, das Zeitloch einer Bahnfahrt zu stopfen. Der Verlag versprach mir ja auch: «Architekturgeschichte in Form von Detektivromanen». Es wird noch mehr davon geben, die Reihe heisst ‹Gumshoe›. Leichte Lektüre? Bereits beim Durchblättern spürte ich das intellektuelle Gewicht. Die zahlreichen Bilder kamen mir so seltsam vertraut vor. Nichts da von Unterhaltung, hier geriet ich in die architekturhistorische Beziehungsküche. Madame Fromonot kocht zwar nur einen Gang, den aber mit all den nötigen Zu(Zi)taten.


Das Gericht heisst Villa dall’Ava und das Rezept stammt von Rem Koolhaas. Ja, es geht um ein einziges Haus, jenes in St. Cloud am Rande von Paris, den Architekten wohl bekannt als das mit dem Schwimmbad auf dem Dach. Fertig geworden 1991. Alle haben wir es in S,M,L,XL studiert. Dort steht auch: «Intimidation I: Two of Le Corbusier’s villas are nearby». Darum geht’s: Für Françoise Fromonot ist die Villa Dall’Ava eine Antwort auf die Villa Savoy. Das zu zeigen scheut sie keinen Umweg und geht jeder noch so undeutlichen Spur nach: Mythenbildung durch Forschung. 


Ich staunte. Ist schon das Haus aus den Bildern und Plänen schwer zusammen zu fügen, so ist der Gang durch die Beziehungsküche doppelt so verwirrend. Was da alles mit wem und wann zusammenhängt! Jede Kunsthistorikerin weiss: Ad fontes! Suche die Ursprünge. Nichts kommt von nichts, alles hat einen Vorgänger. Zu zeigen wie das Vorher im Nachher enthalten ist, dem sagt man Architekturgeschichte. Zuweilen frage ich mich, ob Koolhaas beim Entwerfen so porentief nachdachte. Die Freude am Machen kommt vor der Begründung. Einiges ist hinterher ins Haus hineininterpretiert. Die berühmten Referenzen sind spätere Kopfgeburten. Mag auch sein, dass ich nicht belesen genug bin und zu wenige Filme sah und die falschen Häuser anschaute.


Mir wurden also die Zutaten aufgezählt, die für die Zubereitung des Gerichtes Villa Dall’Ava nötig waren. Wasser aus den Swimming Pools der berühmten Filme, Salvador Dalis Pfefferschoten aus dem surrealistischen Paradiesarten, Welteneier gekocht und roh, dazu noch eine lebende Giraffe im Vorgarten, Doktor Mabuses stechende Augen, und auch das malträtierte aus dem ‹Chien andalou›. Das koolhaas’sche Rezept ist reichhaltig, nahrhaft, doch etwas bitter. «He medithodicaly tortures each of the ideas tested by Le Corbusier in the 1920s, streching them to the breaking point in order to extract their untapped potential.»  


Ich schwankte zwischen Amüsement und Beschämung. Lustig fand ich die Illustrationen, zu denken gab mir meine Unwissenheit. Raketengleich fuhr Koolhaas über den Architekturhimmel, ich war geblendet, sah also nicht, wie neben der Bigness, noch Substanz drin steckte. Mein Versäumnis. So hat das Kochbuch mir meine Unbildung zu schmecken gegeben, aber hat mir auch die Villa Dall’Ava vor Augen geführt und mich gezwungen, sie gründlich anzusehen. Eine Anschaffung für den Rest meines Lebens.

Fromonot, Françoise: The House of Dr. Koolhaas. Park Books, Zürich 2025. Dieses Buch hier für 19 Franken bei Hochparterre Bücher bestellen.

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