Was man getrost
über Bord werfen kann
Glaubenssätze, von denen Architekt:innen sich verabschieden sollten: Darüber diskutieren zwei, die sich in der Szene auskennen. Und sie sind sich (meistens) einig.
Palle Petersen (PP)Wir beginnen mit den All Time Classics. ‹Form follows function› habt ihr gegensätzlich eingestuft. Marco, warum folgt deiner Meinung nach die Form nicht der Funktion?
Marco Zünd (MZ) Dieser Satz ist eigentlich ein Missverständnis. Louis Sullivan spricht unter anderem von der Funktion des Ornaments. Es geht ihm also offensichtlich gerade nicht um einen vermeintlich rationalen, schmucklosen Funktionalismus. Ausserdem ist die Logik, dass irgendetwas irgendetwas anderem folgt, unglaublich unzeitgemäss. Das hiesse ja, dass man in der Architektur Dinge richtig machen kann oder falsch. So wurde ich in den frühen 1980er-Jahren noch unterrichtet, und eigentlich habe ich nie richtig daran geglaubt. Dafür ist die Welt doch viel zu komplex.
Angelika Hinterbrandner (AH) Die Sache mit der Ausbildung ist interessant, zumal wir unterschiedlichen Generationen angehören. Ich habe Anfang der 2010er-Jahre an der Technischen Universität Graz studiert. Damals waren Freiformen und parametrisches Design angesagt, man entwarf nur der Form wegen. Irgendwann habe ich diesen Fokus auf die Gestalt abgelehnt. Architektur muss schliesslich auf den politischen Rahmen und viele andere Bedingungen antworten. Insofern trägt der Satz für mich eine Wahrheit in sich, nämlich dass es eben doch eine gewisse Bindung zwischen der Form und diesen Bedingungen gibt. Die Hierarchisierung, dass die Form der Funktion folgt, kann man natürlich diskutieren. Aber in einem bin ich mir sicher: Form ist kein Selbstzweck.
MZ Da muss ich dir recht geben. In der Schweizer Szene beobachte ich eine gewisse Formlastigkeit. Es gibt verschiedene Ismen, zum Glück auch die nötige Diskussion darüber. Vor dem Hintergrund der Klimakrise und der sozialen Fragen, die heute im Raum stehen, wünsche ich mir durchaus, dass die Form etwas in den Hintergrund rückt. Dennoch muss man immer gestalten, kommt um die Formgebung nicht herum.
AH Das stimmt. Allerdings verschiebt sich angesichts der von dir genannten Herausforderungen die Beurteilungsmatrix an das, was Architektur heute können muss. Darum würde ich auch eher von Formfindung als von Formgebung sprechen. Und dann ist ihre Bedeutung eben doch nachgelagert.
PPDer zweite All-Time-Classic-Satz lautet ‹Weniger ist mehr›. Angelika, du findest ihn überhaupt nicht überholt, Marco dagegen wäre bereit, sich von ihm zu verabschieden.
AH Wenn wir beispielsweise auf den Ressourcenverbrauch schauen, auf das, was wir verbauen, dann ist dieser Satz auf jeden Fall gültig.
MZ D’accord. Aber der Satz hat einen anderen Ursprung. Mies van der Rohe hat ihn formuliert, Venturi hat ihn später mit der Formel «less is a bore» deklassiert. Ich habe ihn, offenbar anders als du, klassisch formal verstanden. Und in diesem Sinn finde ich ihn einschränkend und moralisierend. Mich stört die Askese, die darin steckt.
AH Punkto Moral stimme ich dir zu. Es geht ja auch um Privilegien. Dazu zählt etwa das Designphänomen, dass die reichsten Leute die leersten Wohnungen haben. Dieses Hochstilisieren des Minimalismus ist nur möglich, wenn man genug hat. Im Gegensatz zur Armut ist Askese eine Wahl.
PPEinigen wir uns: Die Frage ist immer, wovon man spricht. Natürlich müssen wir weniger Ressourcen, Fläche und Energie verbrauchen. Umgekehrt brauchen wir mehr Flexibilität und räumliche Angebote. Damit zum zweiten Themenblock – das Selbst- und Rollenbild von Architekturschaffenden. Beim Glaubenssatz ‹Architektur ist kein Beruf, sondern eine Berufung› seid ihr euch einig: Weg mit diesem Satz!
MZ Vielleicht widerspreche ich mir nun selbst. Denn einerseits braucht es tatsächlich viel Liebe, um diesen Beruf ausüben zu können, und viele tun es aus sich selbst heraus. Trotzdem stört mich der Begriff der Berufung. Ich habe Architektur gelernt und kann leider nichts anderes. Mit Berufung hat das wenig zu tun.
AH Mich stört die Vorstellung, dass man quasi von Gott auserwählt in diesen Beruf geht. Da schwingt eine gewisse Exklusivität mit, obwohl man das Architekturhandwerk erlernen kann wie jeden anderen Beruf auch. Zum Problem wird dieses Selbstbild aber vor allem nach dem Studium, in der Berufswelt, wo dann genau aus dieser Überzeugung heraus eine völlige Entgrenzung stattfindet.
Angelika Hinterbrandner ist Architektin und in unterschiedlichen Rollen tätig: Seit 2019 ist Hinterbrandner (*1992) Teil des digitalen Magazins ‹Kontextur›. Seit 2021 arbeitet sie an der ETH Zürich am Lehrstuhl ‹Architecture Heritage and Sustainability›. 2022 initiierte sie Spaceforfuture.org, eine Plattform rund um bezahlbaren und klimagerechten Wohnraum. Seit 2024 bearbeitet sie für den deutschen Bundestagsabgeordneten Kassem Taher Saleh (Bündnis 90/Die Grünen) den Schwerpunkt Baupolitik.
Marco Zünd ist gelernter Hochbauzeichner. Zünd (*1966) diplomierte bei Michael Alder und arbeitete an der ETH Zürich am Lehrstuhl von Hans Kollhoff. Er ist Mitgründer des Basler Architekturbüros Buol & Zünd und Mitglied des Bunds Schweizer Architektinnen und Architekten (BSA). Zünd ist bekannt für feinfühliges Bauen im Bestand, dazu zählen etwa die Projekte Lohnhof, Musikerwohnhaus, Jazzcampus und Wohnsiedlung Oetlingerstrasse in Basel.
‹Sonderausgabe Tierlist›
Die ‹Sonderausgabe Tierlist› versammelt Expert:innen, die ihre persönlichen Ranglisten zu Architekturmodellen, Design-Skills, Wohnungen, Glaubenssätzen, Volksinitiativen und öffentlichen Räumen erstellen. Wie das genau funktioniert, sehen Sie hier.
