Wenig Fläche, viel Qualität

36 Arbeiten konnte die international zusammengesetzte Jury am Hawa Student Award 2020 beurteilen. Das Gremium favorisierte Projekte mit knapper Fläche und vielseitiger Nutzbarkeit.

Fotos: Sophie Stieger
In Zusammenarbeit mit Hawa Sliding Solutions

Vor der Jurierung kommen die sechs Architekturprofessorinnen und -professoren im grossen Schulungsraum von Hawa Sliding Solutions zum Kaffee zusammen. Aus Wien, Graz, Berlin, München, Basel und Zürich sind sie nach Mettmenstetten gereist, um die Gewinnerinnen und Gewinner des Hawa Student Awards 2020 zu ermitteln. Bevor sie sich an die Bewertung der 36 Eingaben machen, debattieren sie die Aufgabe. Im Raum steht vor allem die Frage: Was macht die Qualität einer kleinen Wohnung aus? Der Bogen der Diskussion spannt sich von der Frankfurter Küche über die Wiener Gründerzeitwohnung bis hin zum Schröder-Haus von Gerrit Rietveld. Jurypräsident András Pálffy, Professor an der Technischen Universität Wien, bringt die Juryleitlinie des Tages schliesslich auf den Punkt: «Die Qualität einer solchen Wohnung wird durch die maximale Verfügbarkeit des Raums bestimmt.» Oder anders herum: Kein Quadratmeter darf verschwendet werden, und monofunktionale Flächen sind zu vermeiden.

Juror Hans Gangoly erklärt ein Projekt: In einem ersten Rundgang hat die Jury die Entwürfe in drei Gruppen eingeteilt.

Drei Lösungsansätze
Der erste Rundgang durch die Arbeiten zeigt, dass die Entwürfe in drei Gruppen eingeteilt werden können: Bei der ersten belegt der Fernbusbahnhof das Erdgeschoss. Die Freiflächen und die Wohngebäude sind darüber angeordnet. Der zweite Ansatz verlegt die Busse unter die Erde und schafft auf Strassenniveau Platz für die Wohnhäuser sowie für öffentliche Räume. Bei der dritten Gruppe sind die Wohnungen in Hochhäusern untergebracht, die Busse halten ebenerdig und werden auf offener Fläche abgestellt. Dieser Lösungsansatz wird von der Jury favorisiert. «Das schafft Freiräume und respektiert das bestehende Quartier», sagt Bettina Götz, Professorin an der Universität der Künste in Berlin.

Die Favoriten
Sorgfältig diskutiert, lobt, kritisiert die Jury die Entwürfe und scheidet einen nach dem anderen aus. Bis zum Mittag reduziert das Gremium die Zahl der für einen Preis infrage kommenden Arbeiten auf 16. Sechs dieser Eingaben verwerfen die Architektinnen und Dozenten nach dem Essen. Es bleiben zehn auf Stellwänden montierte Arbeiten, aus denen sich bald die drei Preisträger herauskristallisieren. Favorit ist ein filigranes Hochhaus, das mit einem rechtwinklig dazu angeordneten kleinen Busbahnhof ergänzt wird. Der Rest des Areals bleibt unbebaut. «Die Selbstverständlichkeit, mit der die Verfasser die Stellplätze für die Busse auf einer offenen Fläche vorsehen und die Wohnnutzung in einem schmalen Hochhaus am Rand der Parzelle anordnen, ist sehr überzeugend – ebenso die Ausformung der Wohnungsgrundrisse», fasst Jurypräsident András Pálffy die Voten des Gremiums zusammen. Am Projekt gebe es nur wenige Punkte zu kritisieren, die sich allesamt einfach lösen liessen.

Wer hat das Siegerprojekt verfasst? Jurorin Annette Spiro öffnet das Verfassercouvert.

Drei Siegerteams
Die Jury vergibt den ersten Platz an dieses Hochhaus und honoriert die Arbeit mit 5500 Franken. Auch beim zweiten Rang – einem Vorschlag mit zwei L-förmig angeordneten, hohen Häusern, einem gedeckten Stadtplatz und dem Busbahnhof im Erdgeschoss des einen Gebäudes – gefallen der Jury die Setzung der Bauten und die innere Struktur der Wohnhäuser: «Der private Balkon zur Stadt hin und der halböffentliche Laubengang sind ein schöner Ansatz», sagt Dominique Salathé, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz. Die Jury belohnt diesen Entwurf mit 4500 Franken. Die drittplatzierte Arbeit schlägt vor, den Busbahnhof ins Untergeschoss zu verlegen und darüber ein grosses, scheibenförmiges Hochhaus zu bauen. Die Verfasserinnen erhalten 2000 Franken und ein Lob der Jury für die Gestaltung der Wohnungen: «Dieses Projekt zeigt, dass auch Kleinwohnungen eine hohe räumliche Qualität haben können», freut sich Annette Spiro, Professorin an der ETH Zürich. Nachdem die Umschläge geöffnet und die Namen der Verfasserinnen und Verfasser klar sind, greift Heinz Haab, Geschäftsleiter von Hawa Sliding Solutions und Sachpreisrichter, zum Telefon und gratuliert den Gewinnerinnen und Gewinnern – durchwegs Zweierteams.

András Pálffy, Dipl.-Ing. Architekt, Professor an der Technischen Universität Wien (Jurypräsident)
Annette Spiro, Dipl. Arch. ETH SIA, Professorin an der ETH Zürich
Dominique Salathé, Dipl. Arch. ETH BSA SIA, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz Muttenz
Hans Gangoly, Dipl.-Ing. Architekt, Professor an der Technischen Universität Graz
Bettina Götz, Dipl.-Ing. Architektin, Professorin an der Universität der Künste Berlin
Hermann Kaufmann, Dipl.-Ing. Architekt, Professor an der Technischen Universität München
Heinz Haab, Geschäftsleiter Hawa Sliding Solutions (Sachpreisrichter)
Anke Deutschenbaur, Leiterin Slide Studio bei Hawa Sliding Solutions (Sachpreisrichterin)

Dieser Artikel ist Teil des Themenfokus «Alleine wohnen, miteinander leben», den Hochparterre in Zusammenarbeit mit Hawa Sliding Solutions zum Hawa Student Award 2020 erstellt hat.

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