Rahel Marti diskutierte mit Hanspeter Lienhart, Andi Nievergelt, Ursina Fausch, sowie Andreas Wirz

«Es kann nicht dicht genug sein»

Wie fügt man ein Stück Stadt an? Darüber diskutierte der 35. Städtebau-Stammtisch von Hochparterre, dieses Mal in Bülach Nord.

Mit ihren «schrägen Typen» hatten Duplex Architekten 2013 den internationalen Städtebaulichen Studienauftrag für das Glasi-Areal gewonnen. Angeschrägte Mehrfamilienhäuser, ein Hochhaus, ein Hotelgebäude und ein Gewerbehaus – angeschrägt von Strassen, Gassen und Plätzen. Die «Glasi» wird ein städtebaulich einprägsames Quartier, eines mit Ecken und Kanten. Dieses Quartier im Norden Bülachs auf dem ehemaligen Gelände der Glashütte sind Steiner, Logissuisse und die Baugenossenschaft Glattal im Begriff zu bauen: 560 Wohnungen und einen Gewerbeflächenanteil von 20 Prozent. Doch wird es auch ein Stück Stadt? Und wie fügt man es an das heutige Bülach an? Darüber diskutierte der Städtebau-Stammtisch am Donnerstag, 13. September in den Projektbüros von Steiner direkt am Rand des künftigen Quartiers.
Die starke Formidee gefalle ihr, sagte Ursina Fausch, die als Architektin und Städtebauerin von unabhängiger Warte auf die Glasi blickte. Eine starke Form sei eine Grundlage urbaner Atmosphäre. Auf den Darstellungen fehle ihr aber die ebenso wichtige Ausgestaltung des öffentlichen Raums. Andi Nievergelt vom Gewerbeverein Bülach trug die Gedanken wohl etlicher Bülacherinnen und Bülacher vor: «Die Entwicklung macht mir schon auch etwas Angst. 1000 neue Wohnungen, 3000 neue Einwohnerinnen und Einwohner in Bülach Nord. Was passiert da mit Bülach und der Altstadt?» Zumal Bülach in den letzten 15 Jahren einen enormen Schub von 40 Prozent Bevölkerungswachstum hinter sich hat.

Damit die städtische Glasi kein Pendler-Satellit Zürichs wird, muss man sie anbinden, anfügen oder noch besser einfügen, wie Hanspeter Lienhart meinte, Bülacher Stadtrat seit 1998. Es brauche gute Wegverbindungen für den Langsamverkehr, die Stadt arbeite daran. Es gelte die Ränder gut zu verweben, auch mit der benachbarten, fast fertigen Überbauung Guss, meinte Andreas Wirz, Wohnbaugenossenschaften Region Zürich, der die drei Projektentwickler auf dem Podium vertrat. Alles gute Absichtserklärungen. Eine grosse Aufgabe wird auch sein, die 20 Prozent Gewerbeflächen zu füllen. Dazu gab es auch aus dem Publikum skeptische Fragen: Wird ein grosser Teil lange Zeit leer stehen? Sie finde es mutig – und meine eher wagemutig–, dass in der Glasi die Erdgeschosse nicht bewohnt seien, sagte Ursina Fausch. Diese Flächen könnten zum Austausch beitragen, doch brauche es dafür kreative Ideen. Die Vermietung werde harte und zähe Arbeit, wusste auch Andreas Wirz. Doch ein Teil würde wohl durch genossenschaftliche Nutzungen gefüllt: Gemeinschaftsräume, Waschküchen mit kleinen Cafés, Räume für Coworking vielleicht. Da brauche es eben Fantasie und einen langen Schnauf. Für den Optimismus zuständig war Stadtrat Lienhart: «Ich bin schon so lange Stadtrat, und alle Hoffnungen der Stadtentwickler wurden immer weit übertroffen.» Bülach sei das Zentrum des Zürcher Unterlandes und auch mit dem öffentlichen Verkehr gut erschlossen. Er glaube an die Glasi. Eine Kooperation mit dem Gewerbeverein gebe es noch nicht, stellte Andi Nievergelt fest - allerdings auch nicht vom Verein aus, der warte, bis «die Planer» kämen. Ob das reicht?

Vor 20 Jahren wurde das Leitbild für Bülach Süd entwickelt, und auch diese Planer wollten «einen Stadtteil» bauen. Entstanden sind Fachmärkte entlang viel befahrener Strassen und Mehrfamilienhaus-Überbauungen. Die Menschen wohnten gerne dort, betonte Lienhart, ihn störe die ständige Kritik an Bülach Süd. Das Problem sei gewesen, dass das damalige Leitbild rechtlich nicht verbindlich war. Die Stadt musste die konformen Bauprojekte eins am anderen bewilligen ohne weiteren, übergeordneten Einfluss. Da sei man heute mit dem Gestaltungsplan besser gewappnet.
Geändert hätten sich auch die Bilder, meinte Ursina Fausch, damals habe man eher Gartenstädte im Sinn gehabt. Doch Instrument hin oder her, die enge und kritische Begleitung eines so grossen Projekts zähle eben auch viel.

Ein zentraler Anteil daran, dass «Stadt» und eine dichte Atmosphäre entstehe, habe der Anteil gemeinnütziger Wohnungen von stolzen 60 Prozent, stellte Andreas Wirz klar. Das ist tatsächlich ein haushoher Unterschied zu vielen neueren Quartieren, vielleicht sogar ein «USP», ein unique selling point, für die Glasi. Soviel zahlbarer Wohnraum für alle müsste eigentlich zu einer gut gemischten Gesellschaft und einem nicht anonymen, im Gegenteil belebten öffentlichen Raum führen.

Eine Frage kam erst ganz zum Schluss. Ist die Glasi mit 230 Prozent Ausnützung baulich zu dicht? Werden wir diesen Punkt kritisieren in 20 Jahren? Die Dichte sei tatsächlich hoch, sagte Lienhart, und sie beschäftige die Menschen. Er würde nicht sagen zu hoch, aber sicher an der Grenze für Bülach. Andreas Wirz vertrat nochmals engagiert das Projekt: «Wir leiden nicht an Dichte. Sondern an zuwenig Dichte. Bauliche Dichte ergibt - im Fall der Glasi mit den 60 Prozent gemeinnützigen Wohnungen - auch soziale Dichte. Darum kann es, wenn wir lebendige Stadtteile wollen, gar nicht dicht genug sein!»

Kommentare

Andreas Konrad 17.09.2018 10:47
Das vorliegende Projekt ist glasklar und schlüssig, auf der Homepage der Architekten, entwickelt. Neblig hingegen die wirre Behauptung, bei « Bülach Süd » hätte man die klassischen « Gartenstädte » im Sinn gehabt. Eine derart euphemistische Umschreibung von hingeworfenem Agglo -Wirrwarr würde selbst hartgesottene Jurybericht -Autoren, die gerne mal verkopft und unverständlich schreiben, erzittern lassen. Seltsam, dass man bei jedem ambitionierten Projekt im Kanton Zürich herumdiskutiert, bis einem die Stahlbalken um die Ohren fliegen. Über durchschnittliche Wegwerfarchitektur mit ihrem zufälligen Abstandsgrün und trostlosen, minimalistischen Fassaden, wie sie gleichzeitig enstehen aber kein Wort verliert.
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