Die Architekten Heinz Brügger und Martin Klopfenstein diskutierten gestern Abend in Thun unter der Leitung von Hochparterre-Redaktorin Rahel Marti (Mitte) mit Stadtarchitekt Florian Kühne und der Gemeinderätin Andrea de Meuron.

«Der Stadt-Land-Graben geht mitten durch Thun»

Hochparterres Städtebau-Stammtisch zur Revision der Ortsplanung gestern Abend in Thun machte klar: Die Stadt steckt voller Widersprüche.

Verstopft, pittoresk, rückständig, vielfältig, feldgrün: So beschrieben die Podiumsgäste am Städtebaustammtisch von Hochparterre gestern in Thun ihre Stadt und machten gleich vorne weg klar, wie widersprüchlich die Lage ist. Rund hundert Neugierige waren in die Halle 6 gekommen, um die Gegensätze besser zu verstehen. «Der Stadt-Land-Graben geht mitten durch Thun», sagte Stadtarchitekt Florian Kühne. Man wäre gerne Stadt, verhält sich aber dörflich. Mit der Ortsplanungsrevision will Thun nun vorwärts machen und viele Themen anpacken, schliesslich sollen 5000 neue Einwohner bis 2035 dazu kommen. Der Architekt Heinz Brügger lobte das Vorgehen, mahnte aber: «Sind die Pläne überhaupt realistisch, sind die thuntauglich?» Und der Architekt Martin Klopfenstein fragte neckisch: «Vielleicht wären weniger Projekte dafür eine höhere Qualität besser?» Fehlschläge würden in einer kleinen Stadt wie Thun schwer wiegen. Doch die Verantwortlichen wiegelten ab, ein Schema, das sich den Abend über wiederholte. In Thun passiere viel auf gute Art, meinte Kühne. «Es braucht Raum für Experimente», sagte Andrea de Meuron, die frisch gewählte Gemeinderätin der Grünen.

Doch die beiden Störenfriede liessen nicht locker. Heinz Brügger kritisierte die grossen Investorenprojekte wie auf dem Selve-Areal oder die Überbauung Rex Puls. «Dort bräuchte es eine ganze andere Nutzung.» Das Wohnen sei nicht das Problem. Warum keine Firmen ansiedeln? Was ist mit dem Langsamverkehr? «Mir fehlen die Ideen.» De Meuron versicherte, dass der Gemeinderat an den Themen dran sei. Statt auf Lärmschutzwände will sie auf Tempo 30 setzen. Und Kühne münzte das Problem städtebaulich um: «Wenn wir weniger Verkehr wollen, müssen wir näher beieinander wohnen.» Auf dem Siegenthalergut soll die Stadt nun aber am Rand wachsen. «Wir müssten nach innen verdichten, es gibt genügend Areale», so Brügger. Auch Martin Klopfenstein stellte den Plan in Frage, die «Achselhöhle der Autobahnausfahrt» zu überbauen. «Verkehrsplanung wird zum Städtebau.» Stadtarchitekt Florian Kühne sieht die Sache nicht so schwarz-weiss. Auf dem Siegenthalergut sei die Ortsplanung gut auf die Stadtentwicklung abgestimmt. Auch den scharfen Siedlungsrand begrüsse er. Und sowieso brauche es beides in der Stadt: Urbanes Wohnen und weniger dichte Quartiere. Andrea de Meuron will derweil bei der Siedlung Freistatt die Chance nutzen, um vorbildlich zu verdichten. Ihr nächste Ziel: Das erste 2000-Watt Areal von Thun.

Kontrovers wurde schliesslich auch die alte Frage nach einem Stadtbaumeister diskutiert, den Thun 2002 abgeschafft hat. «Die Verwaltung ist gut aufgestellt, aber es braucht eine Person, die gegenüber den Investoren profiliert auftritt», forderte Brügger. De Meuron hat einen entsprechenden Auftrag im Stadtrat überwiesen und betonte, wie wichtig die Koordination sei. Ausgerechnet der Stadtarchitekt Florian Kühne aber bezeichnete die Forderung als naiv und romantisch. «Es geht um die Planungskultur und darum zu verhandeln. Diese Aufgaben kann man nicht in einer Person bündeln.» Ein Zuhörer aus dem Publikum plädierte derweil gleich für eine Regionalbaumeisterin. Ein anderer forderte grundsätzlich mehr Mut. Heinz Brügger ortete das Problem beim Harmoniebedürfnis der Thuner, die lieber abwiegeln statt hart für eine Sache einstehen. Und Martin Klopfenstein merkte verschmitzt an: «Vielleicht ist Mut nicht thuntauglich.»

Mit freundlicher Unterstützung von Emch Aufzüge.

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