Jakob ist kein Chefredaktor mehr und erfindet sich neu in Hochparterre.

Schön war’s, gut wird’s

Mit einer kurzen Rede an die Hochparterris trat der Chefredakter zurück. Er ist melancholisch; er freut sich auf die Neuerfindung seiner selbst in Hochparterre.

 

Nun knote ich einen Knopf in meinen Lebensfaden, nun setze ich eine Marke an Hochparterres Weg. Nach einem guten Vierteljahrhundert trete ich als der wohl dienstälteste Chefredakter der Schweiz zurück. Ich bin melancholisch; ich tat diesen Beruf gerne und gab ihm viel Energie und Lebensfreude und ich erhielt doppelt so viel zurück – von allen möglichen Leuten, vor allem von Euch. 

Gut geraten

Schaue ich auf das Vierteljahrhundert, sehe ich, wie Hochparterre sich sozial erfreulich hat entfalten können als Ort der Liberté, Egalité et Solidarité; die inhaltliche Tiefe und Breite von Zeitschriften über online, Bücher zu Veranstaltungen ist gut geraten – wir sind eine Institution; der wirtschaftliche Erfolg ist erstaunlich – wir machen daraus ein so guten Gewinn, dass wir unsern Einheitslohn tüchtig haben anheben können. Natürlich waren und sind wir alle daran schuld, und die Sonne scheint auf unser Schicksal. Aber es ist auch ich – mich wärmt viel Anerkennung von Euch, unser Beruf hat mich 2013 mit dem Zürcher Journalistenpreis für Leben und Werk ausgezeichnet. Ich war ein flotter Chefredakter.

Dreifache Freude

Nun knote ich einen Knopf in meinen Lebensfaden – das lässt mich nicht kalt. Dreifache Freude bleibt. 

Die erste Freude ist HP 4.0. Seit einem Monat erfahre ich, wie die neue Geschäftsleitung mit Lilia Glanzmann, Agnes Schmid und Werner Huber mit Freud & Speuz zur Sache geht; die «Matrix der Entscheidungen» wird tragen, auch wenn es regnet. Die Geschäftsleitung und die Matrix haben mein Vertrauen, meine Solidarität und meinen Respekt. 

Die zweite Freude ist ein grosses Privileg. Vor einem Vierteljahrhundert hatte ich einen schwarzen Bart; vor zwanzig Jahren wurde er schwarz-grau meliert, heute ist er grau-weiss meliert. Es ist ausserordentlich, dass ein grauweisser Bart sich noch einmal neu erfinden kann in der Institution, die er so lange geprägt hat. Selbstbestimmt. Ich habe keine Ahnung, was werden wird mit mir als Verwaltungsratspräsident, Verleger und Mehrheitsaktionär. Mich freut der neue, bunte Verwaltungsrat. Meine Baustelle ist so offen wie Eure und meine Erwartungen offen sind. Ich gehe die Neuerfindung meiner Selbst aber im Wissen um ausserordentliches Glück an. 

Die dritte Freude. Ich habe mehr offene Lebenszeit. Ich brauche sie zum Schreiben, Reden und Vorhaben erfinden. Ich brauche sie für mich und für meine Luci und mich. Ich brauche sie zum Klarinette spielen, für das Gebirge und das Laufen. «Mehr» bedingt «Weniger»: Ich werde weniger Zeit an Sitzungen sitzen, ich werde weniger Energie fürs dauernde Kümmern – gefragt und ungefragt – verbrennen und ich werde meine Wochenarbeitszeit kürzen. Unser Exel-Maschinchen sagt mir, dass ich durchschnittlich 54 ½ Stunden in der Woche arbeite; bis Januar 2020 werde ich dies auf 34 Stunden reduziert haben und so 80 Prozent, vielleicht weniger arbeiten. 

Schlüssel, Kissen und Horn

Drei Dinge schliesslich. 30 Jahre trug ich den Schlüssel zu einer eigenen Kammer mit mir. Ein eigener Raum ist ein Privileg und ein Symbol. Ich übergebe den Schlüssel heute der Geschäftsleitung. Sie wird mir ein schönes Plätzli im Grossraumbüro besorgen. Meiner Kammer steht zu ihrer Verfügung. 

Dann habe ich ein Büchlein geschrieben: «Köbis Lern- und Lehrerjahre». Das schönste an meinem Vierteljahrhundert ist das reiche Lernen – von der Welt, von Hochparterres Themen, von vielen Leuten, von Euch vor allem. Im Gegengleich war ich für fast alle von Euch ein Lehrer über den geraden Satz, übers Geschäfte machen – intensiver oder weniger, länger oder kürzer, gefragt und auch ungefragt. Im Büchlein stehen 24 kleine Feuilletons von der Bedeutung der Literatur für Hochparterres Journalismus über die Spannung zwischen Autor, Autorität und Kollektiv bis zu einem von Hochparterres Leitbildern, dem Gemälde von Ferdinand Bol von 1659 über die Gilde der Amsterdamer Weinhändler. 
Schliesslich. Das Kissen. Vor einem Vierteljahrhundert gab es Benedikt Loderer mir, nun gebe ich es Lilia, Agnes und Werner weiter. Violett, die Farbe von Leidenschaft, Geist und Intelligenz und auch die Farbe der Macht. Auf dem Kissen habe ich den vom Regieren ermatteten Kopf ausgeruht. Dann das Horn mit gereinigtem Mundstück. Hochparterres Feind ist das Schlummern in Selbstzufriedenheit und kleinbürgerlicher Bequemlichkeit. Der Hornlärm verjage diesen Feind weiterhin und rufe uns zur Betriebsversammlung zusammen.

Ich wünsche Euch, ich wünsche uns, ich wünsche Hochparterre und ich wünsche mir alles Gute. 

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