Blick in die Ausstellung «A Chair, projected»

Benachbarte Stühle

In der Galerie Bolte Lang zeigt Burkhard Meltzer in der Ausstellung «A chair, projected», wie Design und Kunst zusammentreffen.

Der Wunsch nach Abgrenzung schafft Ordnung. Es gibt allerdings Situationen und Disziplinen, bei denen Schubladisierungen und eindeutige Zuordnungen nicht mehr gelingen. Dann nämlich, wenn die Disziplinen ausfransen, sich der Strategien der «Nachbarn» bedienen oder diese kommentieren. Was dann geschieht, sprengt zwar Ordnungen, ist aber durchaus produktiv. Auch das Überschreiten von Grenzen ist fruchtbar. Dieser Hang zeigt sich am ausgeprägtesten in den künstlerischen Disziplinen. Dazu zählt auch Design als Teil unseres kulturellen kollektiven Bildgedächtnisses. Dafür sind Designikonen ein gutes Beispiel, denn auch sie gehören zum Bilderstrom, mit dem wir in den Onlinemedien täglich konfrontiert werden. Zugleich nimmt Design als Disziplin eine eigene Stellung ein im kulturellen Diskurs. Mit diesen Widersprüchen befasst sich Burkhard Meltzer seit Längerem. Für die Ausstellung «A chair, projected» wählte der Kritiker und Kurator Arbeiten von Künstlerinnen und Designern aus, welche diese Frage reflektieren. Dabei entsteht ein Dialog, der Design in einen erweiterten Kontext stellt und dadurch als komplexes Kulturgut sichtbar macht.

In der Mitte des Raums steht «Backbone» von Benjamin Hirte, hinter dem Spanplattenregal von Aubry/Broquard hängt «FYI (Mondial)» von Stéphane Barbier Bouvet an der Wand; hinten Dimitri Bählers Leuchte «Bimu».
So zeigen Henning Strassburgers Bilder schemenhaft gemalte Ikonen des Möbeldesigns – wie etwa Arne Jacobsens Egg und 3103 Chairs –, während im Design darüber nachgedacht wird, dass es stets im Spannungsfeld zwischen Industrie und Handwerk stand. Und immer noch steht. Dimitri Bählers Objekte veranschaulichen diesen Spagat. Seine rudimentäre Holz-Leuchte «Bimu» (2016) orientiert sich in ihrem Aussehen zwar an einer industriellen Ästhetik, ist aber von Hand gefertigt. Sie entstand im Rahmen eines DIY-Workshops in Japan und ist auch als kritischer Kommentar zu unserem heutigen Konsumverhalten zu verstehen. Eine solche Position kennen wir aus den 1970er-Jahren mit dem Projekt «Autoprogettazione» von Enzo Mari. Bei der Stoffskulptur «Backbone» (2017) von Benjamin Hirte entsteht ein kurzer Moment der Verwirrung: Ist das ein Hocker? Darf ich dieses Objekt benutzen? Angewandte Kunst als Schnittstelle zwischen Kunst und Design zeigt, dass das Phänomen Massenware als Bedrohung von Handwerk und Könnerschaft verstanden wurde. Im Zuge von Klimawandel oder Ressourcenknappheit sind solche Fragen wieder aktuell  – und zwar nicht als blosse Modeerscheinung. Die Ausstellung widmet sich den übergeordneten Aspekten der Diskussion über Design und Kunst. Eher geht es Meltzer um das Ausarbeiten eines gemeinsam verwendeten Vokabulars als um Abgrenzung. Das Objekt «FYI (Mondial)» (2015) von Stéphane Barbier Bouvet steht exemplarisch dafür. Es ist eine Art Relikt, ein ausgeweidetes Stück Industriegeschichte. Von der Werbefläche bleibt bloss der Rahmen zurück, der die Plakate aufnimmt. Das Gerüst verweist auf die DNA beider Disziplinen – als «technisch generierte Bildsprache» – wie Meltzer es ausdrückt –, die Kunst und Design heute in vielen Fällen teilen.

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