Das Tonnengewölbe für das Kulturhaus Kleindöttingen (Architektur Raphael Haefeli), ist im digitalen Datenfluss entstanden. (Foto: Andreas Buschmann)
Im Auftrag von Blumer Lehmann

Die digitale Urhütte

Effizienz, Verbundungen, Tradition. Blumer Lehmann stellte mit der «Digitalen Urhütte» in der Baumuster-Centrale Zürich die digitale Zimmerei vor.

Auf dem Trottoir vor der Baumuster-Centrale liegen drei Haufen Holzstäbe. Um sie wuselen wir herum, ein gutes Dutzend Architektinnen, Studenten, Holzbauer, Neugierige und der Feuilletonist. Mitten drin Kai Strehlke. Der Architekt leitet die Abteilung digitale Prozesse CAD/CAM beim Holzbauer Blumer-Lehmann in Gossau. Er ist unser Dirigent hin zur hölzernen Urhütte. Wir nehmen einen Abbundplan in die Hand. Bevor die einen ihn gelesen haben, haben andere schon die vier Stäbe für den Boden zusammengefügt, bei den Seitenwänden wird es komplexer und also wird die Arbeit ohne viel Federlesen geteilt. Die einen suchen die mit Nummern versehenen Teile zusammen, andere passen sie ein, die Kecken nehmen den elektrischen Schrauber und bohren Hunderterschrauben mit Augenmass in die Stäbe. «Versetzer, Zapfen, Überblattungen und Kerben», schnell reden und hantieren wir wie Zimmerleute. Angeleitet und korrigiert von Strehlke. Ein Stab muss wieder ausgebaut werden, weil sonst der andere keinen Platz mehr fände. Nach einer guten halben Stunde ist Richtfest: Das Dach kommt auf die Urhütte. Wir klopfen den Staub aus den Kleidern. Wir sind Zimmerleute.

Ohne die digitale Zimmerei, hätte Blumer Lehmann die Teile für das Tragwerk der Cambridge Mosque (Architektur Marks Barfield Architects) nicht bauen können. (Foto: Morley von Sternberg)

Der Brownbag-Lunch der Schweizer Baumuster-Centrale ist ein pfiffiges Format. Es nutzt unser aller knappe Zeit mit einem kleinen, lehrreichen und gar unterhaltsamen Programm über Mittag. Zuerst Information durch Experten aus Firmen, die vom Boden über die Wand bis zur Decke alles Mögliche für den Bauplatz herstellen, dann ein belegtes Brot, einen Apfel und ein Süssgebäck aus dem braunen Papiersack – dem Brownbag. Heute zudem, was eine Ausnahme ist, mit praktischem Teil, wenn der Papiersack leer ist. Vor dem Zmittag hat Kai Strehlke die schnellgebleichten Zimmerleute unterrichtet, wie zeitgenössischer Holzbau geht. Drei Begriffe sind wichtig: Effizienz, Verbindungen, Tradition. Effizienz haben wir erfahren. In gut einer halben Stunde stand die Urhütte. Mit der 3D Software Rhino hat Strehlke sein didaktisches Modell, die Urhütte, entworfen, mit dem er den Stand der digitalen Zimmerei erklärt. Mit CAD Work die Zeichnung für die Produktion übersetzt. «Der BVX-Code tut, was ein Zimmermann schon lange vor der digitalen Zeit getan hat: Er beschreibt jedes Bauteil, das wie seinerzeit das Abbundzeichen eine Nummer erhält». Dann werden die Daten in die Software «Cambium» exportiert, welche die Abbundmaschine «Robot Drive» von Hundegger steuert, die in der Halle von Blumer Lehmann in Gossau steht. Wie von Geisterhand sägen, fräsen und bohren die Werkzeuge dieser Maschine die Verbindungsteile in die Holzstäbe von 60 mal 60 und 60 mal 80 Zentimeter. Verbindungen also zweideutig gemeint: Einerseits die Verbindung – der Knoten, die Überblattung – als Essenz des Zimmereihandwerks, die Holzteile zu fügen. Dann die Verbindung als das Elixier der Digitalisierung, die die Schritte vom ersten Gedanken bis zum Balken, der aus der Maschine kommt, in einen Datenfluss zusammenfügt. Ja, weiter fliesst bis zu den Anordnungen des von der digitalen Kette gesteuerten Baus.

In der Baumuster-Centrale hat Udo Thönnissen eine Sammlung exemplarischer Holzverbindungen ausgestellt. (Foto: Gianfranco Rossetti)

Schliesslich das dritte Wort – die Tradition. Holzbau ist alte Baukunst. Und was ihre Geschichte an Wissen und Erfahrung aufgehäuft hat, ist auch für Kai Strehlke das Fundament. «Im Prinzip geht es immer darum zu fragen und zu erproben, was können wir wie digitalisieren und wo es automatisieren. Und es ist eindrücklich, wie viel Intelligenz und Wissen nötig sind, um uralte Techniken wie den abgerundeten Zapfen und sein Zapfenloch hinzukriegen.» Aber es gilt auch, so Strehlke: «Komplexe Bauten wie die Dachkonstruktionen für die Moschee von Cambridge oder das Tonnendach fürs Kulturhaus von Kleindöttingen sind ohne digitale Zimmerei nicht machbar.» Wie essenziell und auch anmutig die Geschichte der Baukultur für den zeitgenössischen Holzbau ist, zeigte eine Ausstellung in der Baumuster-Centrale. Udo Thönnissen vom ETH Material Hub hat dazu eine schöne Sammlung von Knoten, Überblattungen, Fügungen im Modell 1:1 zusammen getragen. Und zu Beginn des Brown Bag Lunch nahm er die Besucherinnen und Besucher auf eine Reise zu 6500 Jahre Holzbau mit. Bild um Bild von den Pfahlbauern bis zu den Holzwissenschaftern des 19. Jahrhundert stellte er vor, was theoretische und praktische Grundlage der digitalisierten Zimmerei ist, die im Prinzip nichts anderes tut als Effizienz, Verbindung und Tradition weiterzuschreiben.

Blumer Lehmann stellte am Brownbag-Lunch der Baumuster- Centrale mit der «Digitalen Urhütte» die digitale Zimmerei vor: Theoretisch und praktisch. (Foto: Gianfranco Rossetti)

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