Alexander Muhm von SBB Immobilien verglich die Baubrache mit einem schreienden Mädchen im Dreck: Sie braucht Hilfe, um sich im Datenmatsch zurechtzufinden.

Disruption! Konsternation?

Die Digitalisierung schwappt wie ein Tsunami über uns, hiess es gestern am BIM-Kongress in Basel. Dabei kommt BIM in der Digitalstrategie des Bundes gar nicht vor. Doch die SBB wollen nun den Turbo einlegen.

Disruption steht als Schlagwort auf dem Programm des Schweizer BIM-Kongresses, der dieses Jahr erstmals in Basel stattfindet. Die Rede ist von künstlicher Intelligenz, von smart Cities, von Blockchain. Die Digitalisierung werde wie ein Tsunami über die Baubranche hereinbrechen, verkündete Sabine Brenner, Leiterin der Geschäftsstelle «Digitale Schweiz» beim Bundesamt für Kommunikation, gestern im Kongresszentrum vor vollen Rängen. Alles wird vernetzt, intelligent, partizipativ. Im September lancierte der Bund seine Strategie zur «Digitalen Schweiz». 1500 Experten hat er dafür zu Rate gezogen. Doch im Dokument wird BIM mit keinem Wort erwähnt, musste Brenner etwas verlegen zugeben. Der Saal schluckte leer. «Wir haben so ziemlich jeden gefragt, der in der Digitalisierung irgendetwas zu sagen hat», bohrte Brenner weiter in der Wunde. «Aber BIM spürt man noch nicht in der Breite.» An der Wand zeigte sie einen Cartoon mit Steinzeitmenschen, die einen Karren durch den Dreck ziehen. Die Räder, die ihnen ein anderer anbietet, lehnen sie dankend ab: «Keine Zeit.»

Sabine Brenner von der Geschäftsstelle «Digitale Schweiz» ermahnte die Baubranche, nicht in der analogen Steinzeit stecken zu bleiben.

Das Bild sitzt. Seit Jahren wird von BIM geredet, aber die Branche bewegt sich nur langsam. Der Arc-Award kürte dieses Jahr zum dritten Mal herausragende BIM-Projekte; Preise erhielten Zug Estates für das Baufeld 1 auf dem Suurstoffi-Areal und OOS Architekten für den Schweizer Pavillon an der Expo 2020 in Dubai. Doch solche Vorreiter sind die Ausnahme. «BIM ist noch lange nicht Schweizer Standard», lautet das Fazit einer Umfrage von pom+Consulting. Lediglich 32 Prozent der Befragten konnten BIM korrekt definieren, weniger als die Hälfte setzen die Methode ein. Über das Warum diskutierte am Kongress in Basel ein Podium. Manche sehen das Problem bei der Vollbeschäftigung. Wenn die Auftragsbücher gefüllt sind, haben die Firmen wenig Zeit und Ansporn, sich zu verändern. Andere bemängeln die Trägheit der Institutionen. Es würde mindestens sieben bis zehn Jahre dauern, bis ein Maurer nach den neuen Anforderungen ausgebildet sei, sagte Benedikt Koch, Direktor vom Schweizerischen Baumeisterverband. «Wir müssen schneller und fitter werden.» Wieder andere glauben, dass die kleinteilige Baubranche eine zu schwache Lobby hat in Bern. Zu viel Regulierung aus Bundesbern brauchen wir gar nicht, tönt es von der Gegenseite.

Die SBB wollen nicht weiter zuwarten. Alexander Muhm, der SBB Immobilen ab Januar leitet, drückt aufs BIM-Gaspedal. In seiner Präsentation zeigte er ein Foto von einem Mädchen, das im Matsch steht und schreit. «Der Dreck, das sind die Daten», so Muhn. «Und alle rufen nach Hilfe, weil sie überfordert sind.» Die Branche muss sich also zusammenraufen. Und so sieht der Fahrplan der SBB aus: «Bis Ende Jahr räumen wir unsere Daten auf und definieren, welche Ordnung wir brauchen.» Ab 2021 wollen der Bund und die bundesnahen Betriebe ihre Immobilienprojekte mit BIM abwickeln, ab 2025 auch die Infrastrukturbauten. «Wer sich bei der Vergabe nicht an diese Vorgaben hält, fliegt raus.» Das ist eine Ansage. Der SIA will das Thema ab 2019 nun verstärkt angehen. Ein Stufenplan von «Bauen digital Schweiz» definiert vier Etappen: Modellierung, Kollaboration, Automatisierung und Vernetzung. Doch so einfach, wie das klingt, ist es nicht. Das weiss auch Alexander Muhm. «Diese Veränderung greift tief.» Aber gerade in einem Land ohne Rohstoffe wie der Schweiz müsse die Digitalisierung viel höher auf der Agenda stehen. Sonst könnten hiesige Firmen nicht mehr mithalten mit dem Ausland. Oder wie es Viktor Sigrist, Direktor vom Departement Technik & Architektur an der HSLU, formulierte: «Shift happens.» Ob wir wollen oder nicht.

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