In der Werkstatt zu Hause. Foto: Anais Nüssli

Soft Skills statt Werkstatt

Die Bachelorarbeit ist immer herausfordernd. Umso mehr, wenn wegen Corona alles auf dem Kopf steht. Industriedesignstudentin Smilla Diener hat sich bei den Diplomierenden umgehört.

«Wir merken erst jetzt, wie verwöhnt wir am Toni eigentlich sind», sagt Anais Nüssli. Sie ist im letzten Jahr Industrial Design an der Zürcher Hochschule der Künste – aber nicht mehr lange: ab heute Abend präsentiert der Jahrgang nach vier intensiven Monaten die Bachelorarbeiten. Nicht wie gewohnt in einer Ausstellung, sondern auf einer eigens dafür eingerichteten Online-Plattform. Das Alternativprogramm im Netz ersetzt, was  normalerweise in stolzen Präsentationen und einer mehrtägigen Ausstellung im Toni-Areal kulminiert. Die Präsentationen können über Zoom verfolgt werden, anstatt einer physischen Ausstellung werden den Studierenden die Webseiten der ZHdK zu Verfügung gestellt. «Das ist bei weitem nicht das Gleiche», sagt Anais Nüssli, die nächste Woche ihr Produkt vorstellt: ein Kopfband zur Befestigung eines Beatmungssensors bei Frühgeborenen.

Wie für alle Absolvierenden kam auch für sie der Lockdown genau in der Konzeptionsphase. Alle Prototypen und Umsetzungen mussten von zuhause aus erarbeitet werden. Die Studierenden waren auf sich selbst gestellt, um das Material zu beschaffen, und sie hatten nur limitierten Zugang zu den Werkstätten. Viele mussten ihre Ziele anpassen, da sie ihre  Projekte so nicht verwirklichen konnten. Anstelle von ausgereiften physischen Prototypen entstanden umfänglichere Konzepte und Systementwicklungen.

Anais Nüssli hat der fehlende direkte Austausch am meisten zu schaffen gemacht. Sie spricht von einer «Sprachbarriere»: In ihrem Kooperationsprojekt mit einem Medizinalunternehmen arbeitet sie eng mit Vertreterinnen und Vertretern im Spital und der Firma zusammen. Sie konnte in der Entwicklungsphase die Prototypen nicht in die Hände der Partner legen. Doch ohne haptische und direkte visuelle Eindrücke erschwere sich der Prozess extrem.

Damit verknüpft ist auch eine der grössten Schwierigkeiten – die für die Entwicklung essentiellen Nutzertests fielen weg. Anstatt eines vollfunktionalen Prototyps erarbeitete deshalb auch der angehende Industriedesigner Matthias Bernhardt zusammen mit dem ETH-Studenten Fabio Bazzi eine App. Diese soll es Mitgliedern der ETH ermöglichen, mit dem Shuttlebus «Link» selbständig Material vom Zentrum auf den Hönggerberg und umgekehrt transportieren zu lassen.

Die Studierenden tun sich schwer, dass keine Abschlussausstellung stattfinden kann. Auf direkte Interaktion muss verzichtet werden, und so ist es mühsamer, sich zu vernetzen. Aber die Situation habe sowohl die Hochschule als auch die Studierenden zu neuen Lösungen gezwungen. «Vielleicht ist das ja auch eine Chance», bemerkt Matthias Bernhardt. «Sieht man in uns den Jahrgang, der trotz Corona den Bachelor abgeschlossen hat, spricht das sogar für uns». Anstatt langen Stunden zusammen am Ateliertisch und in den Werkstätten meisterten die Studierenden die Arbeit mit Papier, Karton und den Werkzeugen von Familie und Bekannten selbständig zuhause. Dafür seien Soft Skills nötig, die sie unter Beweis stellen musste wie kein Jahrgang zuvor, so Matthias Bernhardt. Anpassungsfähigkeit und Entschlossenheit gehören sicher dazu.

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