Für robusten Stoff besteht die Webkette der «Bananatex»-Textilien aus bis zu 6200 Fäden. Fotos: Lauschsicht

Starker Stoff aus Stauden

‹Bananatex› ist ein Textil und eine Taschenlinie, gefertigt aus dem Bananenhanf Abacá. Das Label Qwstion gewinnt mit dieser Entwicklung den Hasen in Gold.

Baumwolle ist ein durstiges Material: Wer ein Kilogramm herstellt, benötigt rund 11 000 Liter Wasser. Deshalb lohnt es, nach Alternativen zu suchen – gerade für die Taschenproduktion. Baumwolle ist beliebt, weil sie weich und sanft am Körper zu tragen ist, eine Tasche aber muss kräftig und robust sein. Als das Label Qwstion vor zehn Jahren startete, setzten Christian Kägi, Matthias Graf und Hannes Schönegger auf Baumwollstoff und beschichteten ihn wasserabweisend. Später stiegen sie auf Bio-Baumwolle um. Nachhaltigkeit beschäftigt die Qwstion-Macher schon länger: «Auf dem Markt waren wenige Materialien verfügbar», sagt Christian Kägi. Der Designer ist einer der Mitgründer des Labels. Er und sein Team testeten Hanf und Bambus, bis sie vor drei Jahren in Taiwan mit einer Spinnerei in Kontakt kamen, die mit Abacá experimentierte. Abacá – oder Manilahanf – ist eine Faserbanane. In Südostasien verarbeiteten Manufakturen sie bisher vor allem zu Fischernetzen, Seilen oder Papier. Auch für die philippinischen Banknoten.

Abacá, auch bekannt als Manilahanf.

Nach der Extraktion trocknen die Fasern zwei Tage lang.

Vom Papier zur Faser

«Wir sind darübergestolpert – erahnten aber sofort Potenzial», erzählt Kägi. «Zwei Aspekte interessierten uns besonders: Die Faser ist robuster als diejenige der Baumwolle, und sie wächst noch nachhaltiger.» Die Bauern im philippinischen Hochland ernten nur die Staude der Pflanze, die schnell nachwächst. Sie schneiden von Hand bis zu acht Zentimeter breite Faserstränge aus den Blättern. Diese trocknen und bleichen sie an der Sonne. Von da aus geht es mit dem Schiff eine Insel weiter zu einer Zellulosefabrik. Dort kochen Arbeiter die Stränge und pressen die Masse zu faserigen Platten. Hier liegt der Trick des weissen, glatten ‹Bananatex›-Garns: Qwstion lässt die rauen Abacá-Fasern nicht direkt spinnen, sondern nimmt den Umweg über die Papierproduktion. Mit dem Schiff fahren die Platten weiter nach Taiwan. Dort verarbeitet sie ein Hersteller zu feinem Papier. Dieses schliesslich schneidet die Spinnerei im taiwanesischen Puli in Streifen und verspinnt sie zu Garn, das so seinen Weg in Qwstions angestammte Weberei findet.

Die Fasern werden zu Platten gepresst.

«Für das fertige Textil vereinten wir vor Ort das Knowhow von Spinnerei, Weberei, Konfektion und Design», sagt Kägi. Sie testeten das Garn auf dem Handwebstuhl, bis es genügend dicht und der Stoff reiss- und abriebfest war. «Dann erst bestellten wir fünfzig Meter, um uns im Frühling 2016 ans Produktdesign zu machen.» Neue Taschen entwickelten sie aber erst eineinhalb Jahre später – zuerst prüften sie das Gewebe an bestehenden Modellen.

Die Konstruktion erlaubt unterschiedliche Tragvarianten.

Vom Textil zur Tasche

Bis zu siebzig Einzelteile hatte eine Qwstion-Tasche bisher. Die ‹Bananatex›-Tasche kommt auf dreissig. Die Konstruktion ist fast verschnittfrei aufgebaut. Das ist nötig, weil die Produktion des Textils teuer ist: «Das Material hat unseren Entwurf stark beeinflusst», erklärt Kägi. Was also weglassen und wo vereinfachen? Fertigten die Zürcher die Gurten und die Tragriemen bisher aus Nylon oder Rayon, sind diese nun komplett aus dem Abacá-Stoff genäht. Qwstion hat jedes Detail überdacht, aber nicht zwingend mit ‹Bananatex› ersetzt: «Die Funktion bestimmte das Material.» So kam Schaumstoff als Polster für die Laptophülle nicht infrage. Merinofilz schützt nun den Rechner.

Auch die Farbe zeigt die Reduktion der ‹Bananatex›-Linie: Es gibt die Taschen in Schwarz und in Weiss. Auch überlegte Christian Kägi, ohne Reissverschlüsse zu arbeiten. «Das aber hätte den Komfort der Tasche zu stark beeinträchtigt», meint er. Dennoch unterstützt der Zipper die nachhaltige Idee. Für gewöhnlich sind dessen Seitenteile aus Polyester oder Nylon. «Wir suchten mit YKK, dem weltweit grössten Reissverschlusshersteller, nach einer Alternative», sagt Kägi. Nun liefern die Japaner einen Verschluss mit Bändern aus Baumwolle. Diesen gibt es nur in Weiss. «Wir verarbeiten ihn dennoch auch im schwarzen Rucksack – gut ist hier für einmal gut genug.»

Dank der rollbaren Konstruktion der Tasche folgt das Volumen dem Inhalt. «Sie basiert auf der Idee eines schützenden Behälters, der unterschiedlich getragen werden kann», erklärt Kägi. Trotz neuer Form und neuem Material gelingt es dem Label, die Sprache der Marke beizubehalten. So sind immer noch vier unterschiedliche Tragvarianten möglich, die Griffe sind weiterhin aus Leder und die Metallteile aus Aluminium gefertigt.

Qwstion lancierte die ‹Banananex›-Kollektion diesen Oktober zu seinem zehnten Geburtstag. Sie besteht aus der Rolltop-Tasche mit flexiblem Volumen sowie einer kleinen Hüfttasche. Der Griff des Textils ist angenehm, eine Schicht Bienenwachs hält Wasser ab. Kägi, Graf und Schönegger investierten drei Jahre, die ersten 1200 Meter Stoff kosteten 32 000 Franken.

Christian Kägi bei der Kontrolle des fertigen Textils.

Nie am Ende

Was hat der Designer in den zehn Jahren Taschenmachen gelernt? «Wir unterschätzten die Komplexität der textilen Kette», sagt Kägi, «und zu Beginn fehlte viel Know-how.» So hätten sie anfangs vor allem reagiert. Er skizziert es anhand eines Details. Die ersten ledernen Abschlüsse für die Reissverschlussgriffe hatte er rund entworfen – bis er in China vor der Stanzmaschine stand: Durch die runde Form wanderten zwanzig Prozent des Leders in den Abfall. «Seither zeichne ich diese Teile eckig, damit eines ans nächste stösst.» Bis hin zum Zero-Waste-Schnittmuster der ‹Bananatex›-Kollektion war es ein langer Weg. «So konsequent haben wir bisher noch nie unsere Denkweise umgesetzt», sagt der Designer.

Zwar träumten sie einst von einem regionalen Produkt. Vor vier Jahren lancierten sie ‹The Swiss Made Edition›. Gemeinsam mit einem Textilentwickler untersuchten sie jedes Element, bis hin zum Rohmaterial, und produzierten mit der Weberei Jenny in Ziegelbrücke einen Stoff aus Schweizer Hanf. Das Ergebnis war ernüchternd: Qwstion wurde zwar für den Designpreis des Bundesamts für Kultur nominiert, die Kosten einer Tasche verdreifachten sich aber. «Das wäre in Ordnung, wenn der höhere Preis mit höherer Qualität verbunden wäre», meint Kägi, «doch sie hat unseren bestehenden Standard nicht übertroffen.»

Mit ‹Bananatex› ist Qwstion der Idee einer nachhaltigen Tasche nun einen Schritt nähergekommen. Und die Präsentation des patentierten Garns trägt bereits Früchte. Auch die Textildesignerin Tina Moor der Luzerner Hochschule für Design und Kunst forscht an der Nutzung der Bananenfaser: als Rohmaterial für Teppiche, als lärmdämpfendes Material oder in naturfaserverstärkten Kunststoffen. Sie will allerdings die Überreste der Essbananen-Produktion weiterverwenden. Pro Jahr werden weltweit mehr als hundert Millionen Tonnen Bananen geerntet. Die Stauden, die nur einmal Früchte tragen, werden danach verbrannt oder weggeworfen – trotz ihrer starken Pflanzenfasern. Nun wollen Kägi und Moor herausfinden, ob beide Ideen zusammenfinden können.

«Qwstion the Norm», verspricht die Marke seit Anfang. Es steht für die Absicht, Design, Funktion, Materialien und Prozesse immer wieder zu analysieren, zu überdenken und zu optimieren. Auch in Zukunft: «Der Weg ist das Ziel», seufzt Christian Kägi.

Produktvideo von Qwstion.

Die Jury sagt
Lokal global

Ein neues Textil aus einer altbewährten Faser: Nachhaltig und robust, von einer kleinen Zürcher Firma erforscht und industriell verwertbar gemacht. ‹Bananatex by Qwstion› zeigt exemplarisch, wie kleine Unternehmen den globalen Markt hinterfragen und lokal vorwärtsbringen können. Zwar ist die Abacá-Pflanze keine Entdeckung, bisher verarbeiteten Manufakturen sie aber am Handwebstuhl oder zu Papier. ‹Bananatex› eröffnet neue Möglichkeiten. Leidet aus ökologischen Gründen oftmals die Ästhetik eines Produkts, ist es hier genau anders. Die Taschen wirken elegant und fügen sich in die bestehende Kollektion. Dazu tragen die Konzentration auf die Farben Schwarz und Weiss und die typischen Merkmale der Marke bei: Ledergriffe und multiple Tragvarianten. Die Nachhaltigkeit des Textils spiegelt sich auch im Design. Die Schnittmuster sind ohne Verschnitt und Abfall entworfen. Qwstion steht beispielhaft für eine neue Generation junger Unternehmer, die innerhalb des Systems etwas ändern wollen. Dafür nehmen sie das Risiko auf sich, das die Entwicklung eines neuen Textils mitbringt. Qwstion ist ein mutiges Vorbild für Grosskonzerne, neue Wege zu gehen, die alle vorwärtsbringen.

Kommentare

Kommentar schreiben
Ich kann das Bild nicht lesen