Der Neubau der Fachhochschule Nordwestschweiz ragt hinter einem Umspannwerk beim Bahnhof Muttenz 64 Meter in die Höhe. Fotos: Andrea Helbling

Grosse Nummer

Der Campus Muttenz konzentriert alle Kraft in einem Haus und holt trotzdem räumlich Luft. Für diesen neuen Massstab erhalten Pool Architekten den Hasen in Gold.

In der Ferne schimmert das grosse Haus orangerotbraun in der Morgensonne. David Leuthold steht am Bahnhof Muttenz und zückt das Handy. «So habe ich die Aluminiumfassade noch nie gesehen», sagt der Architekt und Partner beim Zürcher Büro Pool. Die Strasse, die uns zum Campus Muttenz führt, verbindet zwei Welten: Links stehen Wohnzeilen, dahinter Einfamilienhäuser; rechts erstrecken sich Gewerbehallen, ein Umspannwerk und das Gleisfeld. An einer Hausmauer kündigt ein IBA-Plakat die Zukunft an: Das Industriegebiet soll sich zum durchmischten ‹Polyfeld› wandeln. Den Auftakt – chronologisch wie städtebaulich – macht der Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Im Neubau zieht sie die fünf Departemente Architektur, Life Sciences, Pädagogik, soziale Arbeit und Mechatronik von 22 Standorten zusammen.

Die Hörsäle sind mit Eichenholz verkleidet.

64 Meter hohes Zeichen

Die Architekten konzentrieren alle 4500 Studenten, Professorinnen und Dozenten in einem wuchtigen Würfel, der 70 auf 63 auf 64 Meter misst. Die Verdichtung ist aber kein Schlagwort, sondern eine Idee, die passt. «Das Gebäude gehört zu den grossmassstäblichen Bauten im Industriequartier», erklärt Leuthold. Der Massstab korrespondiert mit dem weiten Gleisfeld. Das Hochschulgebäude wird zum Zeichen in der Stadt, das von überall her lesbar ist. Die Bildung wird sichtbar. Und das kompakte Haus macht Platz frei für einen Park, den auch die Menschen des benachbarten Wohnquartiers nutzen. «Der Massstabssprung hat etwas Unschweizerisches», sagt der Architekt. «Der Park soll zwischen Haus und Quartier vermitteln.» Die Gestaltung ist einfach, die Atmosphäre locker: Am Rand sitzen Studenten auf einem Holzrost unter Bäumen, bei den Spielgeräten springen die Kinder aus der Nachbarschaft herum, die Wiese in der Mitte bleibt frei.

Der Neubau und der Park beim Bahnhof Muttenz.

David Leuthold zeigt nach oben. Die Architekten umhüllen die grosse Kiste mit einem Kleid aus eloxiertem Aluminium. Vertikale Lamellen betonen den Büroraster von 1,4 Metern. Diese Rationalität stieren die Architekten aber nicht durch: Sie gliedern die Fassade klassisch. Im dritten Obergeschoss, dem Piano nobile, weicht der Raster einer Glasfront, die das Haus öffnet. Unten stehen die Lisenen näher beieinander, das Kleid wird feiner und löst sich über der Glasfassade im Erdgeschoss auf. Das grosse Haus steht auf einem luftigen Sockel.

Räumliches Aha-Erlebnis

Auf dem Vorplatz üben Geomatikstudenten mit ihren Messinstrumenten. Ein Lichtband im Boden markiert die Turnhalle, die darunter im Erdreich liegt. Ein paar Studenten sitzen und liegen auf übergrossen, kreisförmigen Möbeln, mit denen das Basler Designbüro Inch Furniture gekonnt mit dem Massstab spielt. Das Haus hat keine Hauptfassade. Der Haupteingang und der Platz am Park geben ihm aber eine klare Richtung und Adresse.

Wer das Haus betritt, erlebt eine Überraschung. Ein monumentales Atrium öffnet den Raum durch zwei Innenhöfe bis zum Dach, sodass Besucher den Kopf heben wie in einer Kathedrale. Treppen laufen kreuz und quer durch die Luft. Hinter der rationalen Fassade verbirgt sich ein architektonisches Aha-Erlebnis. Die Architekten haben einen vertikalen Campus gebaut und zwei Gebäude aufeinandergestapelt. Unten ein Hofgebäude mit den öffentlichen Nutzungen wie Hörsälen, Aula, Bibliothek, Mensa oder Lebensmittelladen. Darüber die Büroräume der Institute, kompakt organisiert um zwei Innenhöfe.

Freistehende Treppen verbinden die Geschosse in den beiden Innenhöfen.

Das Atrium gibt der Schule ein kräftiges Herz, eine Mitte. Es zelebriert die Bedeutung der Bildung, der Institution. Und das Atrium löst die strenge Ordnung der Bürogeschosse darüber auf. Auf den flachen Treppen flanieren die Professorinnen und die Studenten in die Höhe, auf der umlaufenden Galerie begegnen sie Personen aus anderen Disziplinen. Das Atrium wird zum zentralen öffentlichen Raum, wo man sieht und gesehen wird. Das Innere wird zum Aussenraum, zum Stadtraum.

Öffentlicher Raum im Campus Muttenz der Fachhochschule Nordwestschweiz: Treppen führen kreuz und quer durch das Atrium, darüber spannt der Mitteltrakt 35 Meter weit.
«Einkaufszentren aus der Gründerzeit oder Hotellobbys haben uns inspiriert», sagt Leuthold, «aber auch Schulen und Universitätsbauten.» Ein Monolith, der im Erdgeschoss drei Stockwerke hoch aufragt, verstärkt die Kraft des Atriums. Die Künstlerin Katja Schenker hat Pilze, Holz oder Metallstücke in Beton gegossen, die die Besucher ertasten können siehe Hochparterre 10 / 17. Selten wirkt ein Kunst-und-Bau-Projekt so elementar räumlich und zugleich haptisch, sinnlich.

Die Bibliothek liegt im dritten Stock, dem Piano nobile.

David Leuthold sitzt auf einer Bank, die die Architekten vor den Hörsälen eingebaut haben. Intime Orte wie dieser bringen einen menschlichen Massstab in den Monumentalbau und schaffen Geborgenheit. Dazu zählen auch die Oberflächen. Die Architekten wählten wenige, unbehandelte Materialien: Naturstein, Sichtbeton und Holz. Im Erdgeschoss liegt Marmor aus dem Maggiatal am Boden. Die Verkleidung der Hörsäle, die Möbel in der Bibliothek oder der Parkett sind aus massiver Eiche. Der Rest ist betoniert. Die Materialien sprechen für sich. Farbe gibt es im Gebäude praktisch nicht. Einzig im Piano nobile schimmert die Decke Yves-Klein-blau. Und in der Aula setzen gelbe Akustiktafeln unter der Decke Akzente.

Statischer Kraftakt

Ein grosser Teil des Betonbaus ist vorfabriziert: die Rippendecken, die Stützen und die Fassadenelemente in den Innenhöfen. Der Gebäudeteil, der in der Mitte wie eine Brücke über das Atrium spannt, wurde vor Ort betoniert. Die Konstruktion ist ein statisches Muskelpaket. Ein raumhoher Kastenträger überspannt 35 Meter und fängt die Lasten der acht Geschosse darüber ab. Das unterste Brückengeschoss ist fast komplett geschlossen, so viel Armierungseisen liegt in den Mauern. Den Betonstützen darunter, die im Inneren aus 65 Zentimeter dickem Vollstahl bestehen, sieht man die enormen Kräfte allerdings nicht an, die in ihnen wirken.

Vier Kerne, Leuthold nennt sie «Elefantenfüsse», erschliessen das Haus. Wir wählen einen anderen Weg nach oben. In jedem der beiden Höfe führen freistehende Treppen hinauf in die Geschosse der Institute, wo Architekten zeichnen, Laborantinnen pipettieren und Haushaltslehrer kochen. Leuthold hält sich am Geländer. Wer nicht schwindelfrei ist, nimmt besser den Lift. Die vertikale Abkürzung ist aber eine willkommene Abwechslung, insbesondere für Institute, die mehrere Stockwerke einnehmen. Die Geschosse sind alle ähnlich aufgebaut. Die Institute können die Fläche zwischen zwei Kernen flexibel unterteilen, keine Stütze steht im Weg. Beim Liftkern gibt es jeweils «eine Stube und eine Küche», wie Leuthold die zwei ersten Räume bezeichnet. Jedes Institut empfängt die Besucher mit einer Lounge, Studierende können einen Esstisch mit Küchenzeile nutzen: Architektur für den Alltag.

Wir kommen im Dachgeschoss an, das allen gehört. Ein paar Studentinnen ruhen sich auf einer Sofalandschaft aus, andere sitzen im Café am Laptop. Lernen ist heute mobil, die Grenzen verschwimmen. In der Mitte des Geschosses legten die Architekten einen Dachgarten an als Hortus conclusus, der sich nur zum Himmel hin öffnet und den zwölften Stock vergessen lässt. Rundherum lockt das Dachgeschoss mit dem Gegenteil: der Aussicht. Spektakulär sieht man übers Baselland, den Rangierbahnhof und bis nach Basel zum Roche-Turm. Das Panorama führt vor Augen, wie der Campus Muttenz die Brücke vom Land in die Stadt schlägt und die Peripherie zu einem Teil des Zentrums macht.

Querschnitt

Die Jury sagt
Kathedrale des Lernens

Der Campus Muttenz konzentriert alles in einem grossen Haus. Das Hochhaus macht die Fachhochschule Nordwestschweiz zum städtebaulichen Zeichen in der Peripherie und spielt Platz frei für einen Park. Der Kubus rückt die Departemente näher zusammen und spart Energie. Und die kompakte Form erlaubt Grosszügigkeit: Im Inneren überrascht das Gebäude mit einem atemberaubenden Atrium, das die Schule als öffentliche Institution zelebriert und Raum für Begegnung schafft. Die Architekten bauen flexible, aber starke Räume, sie setzen auf wenige, aber wertige Materialien. Das Resultat ist eine Kathedrale des Lernens, ein Monument für die Bildung im 21. Jahrhundert.

11. Obergeschoss

3. Obergeschoss

Erdgeschoss

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