Die als Übergangszentrum genutzte Messehalle in Zürich Oerlikon, wie sie die Studierenden vorfanden. (Foto: Nelly Rodriguez)
Fotos: ZHdK

Doppelt wirksam

Die Zürcher Hochschule der Künste liess Studierende und Asylsuchende clevere Lösungen erarbeiten. Dafür erhält das Unterrichtsmodul ‹Hic et nunc› den Hasen in Gold in der Kategorie Design.




Im Januar 2016 zogen die ersten Asylsuchenden in die Messehalle 9 in Oerlikon. Auf die Schnelle und über die Feiertage hatte die Stadt Zürich die vorgesehenen Ikea-Häuschen ersetzen müssen. Sie erfüllten die Brandschutzauflagen in der Halle nicht. Drei Tage blieben, eine Alternative zu realisieren. Der Architekt Hans Stutz entwarf auf den vorbereiteten, rund 17 Quadratmeter grossen Grundrissen kleine Häuser aus Spanplatten siehe Hochparterre 5 / 16. Seitdem bieten 63 Boxen maximal 250 Menschen vorläufiges Obdach. Je vier Menschen teilen sich eine Box. In der oberen, helleren Etage der Halle sind Familien und allein reisende Jugendliche untergebracht, im Souterrain leben Männer. Sie stammen hauptsächlich aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und dem Irak. Betreut und betrieben wird die Unterkunft von der Zürcher Fachorganisation AOZ. Die Lösung ist eine Übergangslösung.

An einem Morgen im Spätherbst ist es ruhig in der zum Übergangszentrum umfunktionierten alten Messehalle. Im Moment beherberge sie nur rund 160 Bewohnerinnen und Bewohner – aber das ändere sich von Monat zu Monat, wird der Zentrumsleiter Jonas Aebischer am Schluss des Rundgangs erklären. Viele haben die Unterkunft vor 9 Uhr verlassen, sind in einem Beschäftigungsprogramm oder lernen Deutsch. Im Hintergrund öffnet sich die Türe eines Häuschens, ein Jugendlicher tritt heraus und geht in den Küchencontainer, um sich einen Tee zu kochen. Die lärmige Lüftung stellt ab, es wird noch ruhiger. Staub tanzt in den schräg einfallenden Sonnenstrahlen.

Statt wolkiger Konzepte gelöste Probleme

Was diese Unterkunft mit Designunterricht zu tun hat, erklärt Karin Seiler, die an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) im Bachelor Design ‹Knowledge Visualization› lehrt. Sie hat zusammen mit Antonio Scarponi von der Studienrichtung Interaction Design drei Kurse in der Halle 9 durchgeführt. Die Studierenden haben sichtbare Spuren hinterlassen. Ein Stadtplan an der Wand zeugt davon, aber auch das mit einfachsten Mitteln konzipierte Fitnessstudio im Untergeschoss oder die Begriffe, die wie eine Kunstinstallation überall in der Halle kleben und Deutsch vermitteln. «Wie können Designstudierende im Hier und Jetzt einer Notsituation handeln? Wie können sie mit einem Minimum an Ressourcen möglichst viel bewirken?», fragt Scarponi. Studierende wollen ihren Beruf an gesellschaftlich relevanten Projekten und in der Praxis erlernen. Die Kurse gehören zum Unterrichtsmodul ‹interdisziplinäre Designpraxis›, die im vierten Semester unter dem Titel ‹Take Action!› angeboten wird. Studiengangleiterin Corina Zuberbühler ist diese Auseinandersetzung besonders wichtig. «Hier lernen die angehenden Designerinnen und Designer in interdisziplinär zusammengesetzten Projekten zu handeln. Und zwar in konkreten Situationen.»

Zeit und Geld sind knapp. Zur Verfügung standen den Studierenden 16 Unterrichtstage und rund hundert Franken. Ein Symposium im Frühling 2016 bereitete das Terrain vor, zwei weitere Kurse fanden im Dezember 2016 und im März 2017 statt. «Am ersten Symposium im Toni-Areal erzählte ein Afghane von seinem Leben als Asylsuchender in der Schweiz. Von den Schwierigkeiten und Mühen, auch von den schönen Dingen. Die Betroffenheit war deutlich spürbar», erklärt Zuberbühler. «Uns war klar, dass wir ein Lehrangebot zum Thema ‹Design Activism› nicht im geschützten Raum des Toni-Areals durchführen wollten», ergänzt Karin Seiler. Sie knüpfte daraufhin Kontakt mit Thomas Schmutz von der AOZ. Er nahm den Ball auf und empfing die Studierenden im März 2016 in der Halle 9. «Die Schwellenangst war auf allen Seiten spürbar», sagt Seiler. «Wir sprangen alle ins kalte Wasser.»

Am Ende der langen Halle befindet sich eine Bibliothek. Auf angenagelten Schalungsbrettern stehen Bücher, die die Studierenden gesammelt haben. Ein Sofa aus dem Brockenhaus steht davor. Offenbar wird die Bibliothek rege genutzt, die Regale sind nicht mehr so gut bestückt wie zu Beginn. «Das Vertrauen mussten wir uns erarbeiten, auch gegenüber der Zentrumsleitung», sagt Seiler. «Doch die Angst vor Betroffenheitstourismus und Mehraufwand legte sich schnell, als die Studierenden so ernsthaft zur Sache gingen.» Trotzdem waren die Herausforderungen gross. Wie verständigt man sich, wenn man keine gemeinsame Sprache spricht und die Mittel für Übersetzungen fehlen? Welche Bedürfnisse sind dringend? Was ist unter den gegebenen Umständen überhaupt realisierbar?

Brauchbare Lösungen

Thomas Schmutz verlangte einzig, dass am Ende der Kurse etwas Sichtbares, Brauchbares bestehen bleibe. Die Studierenden mussten erst herausfinden, was es am dringendsten braucht. Das bedingt Empathie. Aus Gesprächen und Beobachtungen schälten sich die wichtigsten Themen heraus. Orientierung ist zentral – darauf reagierten mehrere Interventionen, die im ersten Kurs entstanden sind. Beschäftigung und Rückzug in einer beengten Wohnsituation anzubieten, ist ebenso wichtig. Im zweiten Kurs werteten die Studierenden deshalb den Raum zwischen den Boxen auf. Einfache Schuhregale aus gelben Schalungsbrettern bringen Ordnung in die Halle und markieren die Box als privaten Raum, vor dem die Schuhe ausgezogen werden; ein Vorhang – der allerdings wegen Brandschutzauflagen wieder weggenommen werden musste – schuf einen halbprivaten Vorraum. Im dritten Kurs schlug die AOZ vor, eine Box zu einem den Frauen vorbehaltenen Rückzugsraum auszubauen. Eine Mitarbeiterin bringt den Schlüssel, wir treten ein. Eine textile Bespannung, Teppiche und von den Frauen in einem Workshop bestickte Kissen schaffen eine wohnliche, private Atmosphäre. Zwei Deckenleuchten tauchen den Raum in ein angenehmes Licht. Von innen ist er abschliessbar. «Hier finden Kurse und Austausch statt, Frauen nutzen ihn zum Stillen oder zum Telefonieren», erklärt die Mitarbeiterin.

Der Trainingseffekt

Am Treppenaufgang im Untergeschoss steht das kleine Fitnessstudio, das aus zusammengesteckten Rohren Trainingsmöglichkeiten anbietet, inklusive Anleitungen. Für die gemauerten Küchen, die den Bewohnern von je vier Boxen zur Verfügung stehen, bauten die Studierenden Regale aus Schalungsbrettern, die dringend benötigte Ablageflächen anbieten und den knappen, kollektiv genutzten Raum besser organisieren. Etwas Tageslicht flutet durch die hochliegenden Fenster herein. Die Decke ist niedriger, die Stimmung gedrückter. Wir gehen durch die lange Reihe der Boxen, aus denen kaum ein Laut dringt. Zwei Männer kommen uns entgegen und grüssen freundlich.

Die Resultate sind sichtbar, einzelne der Interventionen erstaunlich resistent, auch wenn die eine oder andere nach mehr als einem Jahr eine Auffrischung nötig hätte. Was die Studierenden zusammen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern entwickelt haben, wird offenbar genutzt. Doch wie schätzen die Verantwortlichen den Lerneffekt ein? «Die Studierenden lernen im Machen», erklärt Karin Seiler. Antonio Scarponi ergänzt: «Ziel ist es, die gebauten Prototypen und Anleitungen weiterzuentwickeln, damit sie in anderen Asylzentren reproduziert werden können. So vergrössern wir unsere Wirkung.» Jennifer Duyne-Barenstein vermittelte den Studierenden im dritten Kurs die Grundlagen partizipativen Designs; im zweiten Kurs war Martin Bölsterli als Spezialist humanitärer Entwicklungszusammenarbeit mit an Bord. Hingehen, sich in kürzester Zeit auf eine fremde und sehr harte Situation einlassen, das Gespräch suchen, gemeinsam ein Problem definieren, daraus eine passende Lösung entwickeln und im iterativen Prozess so lange verbessern, bis sie umgesetzt werden kann: Das gelang auch durch die enge Begleitung vor Ort durch die Dozierenden. Zur Qualität der Projekte hat aber vor allem das hohe Engagement der Studierenden beigetragen. «Aus den Kursen gingen mehrere Diplomprojekte hervor. Das verweist auf die Nachhaltigkeit der Auseinandersetzung», so Karin Seiler. «Ein sehr kurzer, aber extrem inspirierender und horizonterweiternder Kurs», schreibt ein Studierender auf den Evaluationsbogen. «Wir haben gemacht, was jedermann immer tun sollte», eine andere. Im Übrigen wüchsen auch sie selbst als Verantwortliche an der Aufgabe, sagt Corina Zuberbühler. Innerhalb der ZHdK ist das Thema gesetzt. «Das Projekt erhielt eine schulinterne Förderung, um über die Effekte der Globalisierung vor Ort nachzudenken und dies für den Unterricht fruchtbar zu machen.» Die Auseinandersetzung mit der Situation von Asylsuchenden und vorläufig Aufgenommenen geht auf jeden Fall weiter. Eine erneute Zusammenarbeit mit der AOZ ist in Vorbereitung.

Unterrichtsmodul ‹Hic et nunc›
Karin Seiler, Antonio Scarponi und Corina Zuberbühler haben die Kurse für den Studiengang Bachelor Design an der Zürcher Hochschule der Künste entwickelt. Dabei erarbeiteten Studierende im dritten und im vierten Semester eine Teamarbeit zum Thema ‹Take Action!› im Rahmen von Migration. Sie lernten dabei, wie sie bei der Lösung von aktuellen gesellschaftlichen Problemen eine aktive Rolle einnehmen können.
– Partner: Thomas Schmutz, Mitglied der Geschäftsleitung der Zürcher Fachorganisation AOZ.
– Kurs ‹Hic et nunc 2.0›, Dezember 2016. Dozierende: Antonio Scarponi, Karin Seiler, Martin Bölsterli, Martin Feuz.
– Kurs ‹Hic et nunc 3.0›, März 2017. Dozierende: Antonio Scarponi, Karin Seiler, Martin Bölsterli.

Die Jury sagt: Design passiert gemeinsam

Was Design zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen kann, zeigt das von Karin Seiler, Antonio Scarponi und Corina Zuberbühler konzipierte Unterrichtsprojekt ‹Hic et nunc› überzeugend und weitab von mechanistischen Lösungsversprechen. Die Studierenden müssen eigenständig herausfinden, was die richtige Frage ist, um eine passende Antwort zu finden. Der knappe Zeit- und Budgetrahmen zwingt sie dazu, verfügbare Ressourcen zu nutzen und genau zuzuhören – in erster Linie den Experten für die Situation, die verbessert werden soll: den Bewohnerinnen und Bewohnern des Übergangszentrums Halle 9 in Zürich-Oerlikon. Die Studierenden lernen, wie sie mit Empathie Schwellenängste überwinden können. Sie erkennen, dass sie mit Umsicht weiter kommen als mit pfannenfertigen Rezepten. Und sie lernen, gemeinsam die schnelle, realisierbare statt die perfekte, aber nicht umsetzbare Lösung anzupeilen. Dabei helfen ihnen Gespräche mit den Mentoren und Roundtables mit den Bewohnern, aber ebenso Methodeninputs, Reflexion und Dokumentation des eigenen Tuns. ‹Hic et nunc› vermittelt die Komplexität des heutigen Designs pädagogisch wirksam und zeigt, dass Design weit mehr als Produktgestaltung ist, sondern Prozesse gestaltet. Dennoch bleibt etwas Sichtbares und Brauchbares bestehen. Die Jury lobt, wie das Angebot ein Thema setzt, es didaktisch aufbereitet, reflektiert und fest im Lehrplan verankert.

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 12/2017 der Zeitschrift Hochparterre.

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