Das Zollhaus steht direkt am Gleisfeld des Hauptbahnhofs Zürich. Fotos: Meraner & Hauser OHG/SNG, Bozen
Im Auftrag von Eternit (Schweiz) AG

Die Welle am Gleismeer

Am Zollhaus, dem neuen Flaggschiff der Zürcher Wohnbaugenossenschaften, hängen die grauen Wellplatten von Eternit mit der Innenseite nach aussen. Ein Experiment, das auch der Hersteller spannend findet.

Es gibt viele Gründe, warum das Zollhaus, das neue Flaggschiff der Zürcher Wohnbaugenossenschaften, ein Kleid aus grauen, gewellten Faserzementplatten trägt. Die nichttragende Holzelementfassade war schnell gebaut und darum günstig. Sie ist nachhaltig, weil die Fassadenhaut leicht und langlebig ist und weil sie mit wenig Energie in der Schweiz produziert wurde. Aber es gibt auch einen architektonischen Grund: «Das Zollhaus sollte mehr mit dem benachbarten Gleiskörper zu tun haben als mit dem Quartier», sagt Architekt Philipp Fischer. Darum wählten er und sein Team Materialien, wie man sie an Nutzbauten der SBB findet: Feuerverzinkter Stahl und graues Welleternit wechseln sich in vertikalen Streifen ab – Fenster und Fassade. Die raue Welt der Gleise soll sich im Material des Zollhauses spiegeln. Darum sind die Faserzementplatten der Fassade von Eternit nicht nur unbeschichtet, sondern sogar ‹verkehrt herum›, mit der raueren Rückseite nach aussen, montiert.


Das Welleternit ist mit der Rückseite nach aussen montiert.

Neben dem Welleternit prägt verzinktes Stahlblech die Fassade.

Dieser Wunsch der Architekten nach Rauheit und Authentizität begleitet die mehr als hundertjährige Geschichte des Produkts. Seit 1903 produziert Eternit in der Schweiz Faserzement, und das Material prägte unter anderem das Neue Bauen. In den 1950er-Jahren trat die gewellte Platte einen regelrechten Siegeszug an, denn die Architekten der Nachkriegs-Avantgarde liebten ihre Leichtigkeit und textile Oberfläche. Heute tragen Atelier- oder Ferienhäuser, Fabrik- und Industriebauten von damals eine romantische Patina. Manchmal sind sie sogar mit einer Moosschicht bedeckt, wie das Dach und die Fassaden des Wohnhauses von André Studer, 1959 in Gockhausen erbaut.

Ebenso lebendig patiniert stellt sich Philipp Fischer die Fassaden des Zollhauses vor: bemoost an der nördlich gelegenen, baumbestandenen und daher eher feuchteren Strassenseite, und von der Sonne ausgebleicht und vom Flugrost rötlich gefärbt am offenen Gleisfeld. Der Architekt schwärmt vom «Rohling», wie er die gewellte Platte nennt. Mit der Rückseite nach aussen habe sie noch mehr Charakter, erscheine mineralischer. Wenn es regnet und das Wasser einzieht, entstünden «lebendige Wolkenbilder». Ob das alles ohne technische Einschränkungen geht, war lange unklar. Unbeschichtete Platten finden sich im Dachsortiment von Eternit, nicht jedoch im Fassadensortiment. Bei Lagerhallen und Wohnbauten werden sie gern gewählt. Sie decken sogar das Dach der Erweiterung des Landesmuseums in Zürich.


Die Bar bei der Gleisterrasse.

Die rauere Oberfläche der Rückseite entsteht, weil die Platten bei der Herstellung auf einem gewellten Netz trocknen. Auch wenn Philipp Fischer vermutet, dass sie schon vor dem Zollhaus bei anderen Projekten verkehrt herum verlegt worden sind: Die Rückseiten-Lösung ist für Eternit noch Neuland. Domenico Mezzatesta, Architektenberater der Firma, setzte sich beim Zollhaus-Projekt intern für diese Lösung ein. Beim Hersteller gab es zunächst Bedenken wegen einer unkontrollierten Alterung. Doch nach einer monatelangen Testphase entschied sich Eternit, das Projekt zu unterstützen. Denn das Restrisiko, dass sich die Platten leicht verformen könnten, ist gering. Da jedoch die Langzeiterfahrung fehlt, liegt dieses Risiko letztlich beim Architekten und Bauherrn. Mezzatesta: «Wenn diese Parteien die unkontrollierbare Veränderung der Fassade wünschen, unterstützt Eternit solche Lösungen gerne.»


Zollhaus in Zürich: Feuerverzinkter Stahl und graues Welleternit wechseln sich in vertikalen Streifen ab.

Nun hat die ‹umgedrehte Welle› also ihr Referenzobjekt. Da das Zollhaus prominent an den Gleisen steht, kurz vor dem Zürcher Hauptbahnhof, rufen viele Architekten bei Domenico Mezzatesta an, «nicht wöchentlich, aber regelmässig». Auch Philipp Fischer erhält Nachfragen von Kolleginnen, die das Material auf die gleiche Weise verwenden wollen. Material, das Patina ansetzen kann, hatten Architekten schon immer gern. Im Moment, so scheint es, gilt das mehr denn je.

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Kommentare

Andreas Konrad 28.08.2021 23:40
Ein durchaus ambitioniertes Projekt, das in der Umsetzung gescheitert ist. Die raue Fassade, die verzinkten, viel zu plump gestalteten Fenster und eine Detailarmut, die selbst für Zürcher Verhältnisse brachial daherschimmert - « Bonjour Tristesse » ! Dieser graue Klotz, trostlos, unwirsch, hat an dieser wichtigen Stelle nichts verloren. Sein Bruder, der mit hellem Backstein und roten Fensterelementen fein und elegant gestaltete Nachbar, sagt, wie man es besser macht.
Mezzatesta Lorenzo Bruno 26.08.2021 07:02
Sehr gut gemacht und weiterhin viel Erfolg bei den Projekten der besonderen Klasse
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Ich kann das Bild nicht lesen