Stefan Kurath stellt den schweizerischen Planungsprozess vor. Fotos: Ignacy Matuszewski

Schweizer Tage in Warschau (1): Urban Laboratory

«Mobilität in der Stadt» und «Planungsprozess» waren die Themen der 3. Polnisch-Schweizerischen Stadtwerkstatt, die an den ersten beiden Oktobertagen in Warschau über die Bühne ging.

«Mobilität in der Stadt» und «Planungsprozess» waren die Themen der 3. Polnisch-Schweizerischen Stadtwerkstatt (Urban Laboratory), die an den ersten beiden Oktobertagen in Warschau über die Bühne ging. Die Veranstaltung war – wie 2013 und 2014 - ein Gemeinschaftswerk der Schweizerischen Botschaft in Warschau, der Warschauer Sektion des polnischen Architektenverbandes SARP und von Hochparterre. Am ersten Abend hiessen Andrej Motyl, Botschafter der Schweiz in Polen, und Michał Olszewski, stellvertretender Stadtpräsident von Warschau, die Besucherinnen und Besucher willkommen.

 

Tag 1: Die Mobilität

In einem Einführungsreferat stellten Jan Jakiel vom Warschauer Strassenamt ZDM und Dominik Brühwiler, Vizedirektor des Zürcher Verkehrsverbundes ZVV, dar, wie die Mobilität in «ihrer» Stadt funktioniert und auch wo die Probleme liegen. Beim öffentlichen Verkehr ist es auffällig, wie viel schneller die Trams in Warschau unterwegs sind. Dafür sind insbesondere grössere Haltestellenabstände und das weitgehende Eigentrassee verantwortlich. Doch da der öffentliche Verkehr an den Ampeln nicht bevorzugt wird, sind die Trams im Durchschnitt kaum schneller unterwegs als in Zürich.

Im Vergleich zu Warschau viel besser ausgebaut ist das S-Bahnnetz in den Regionen und die durchgehende Transportkette bis in kleine Siedlungen. Das fehlt in Warschau weitgehend, was angesichts der grassierenden Zersiedlung zu grossen Verkehrsproblemen auf der Strasse führt.

Es ist andererseits erstaunlich zu sehen, wie die Stadt Warschau auf wichtigen innerstädtischen Achsen den Individualverkehr zurückdrängen und Bus- und Velospuren einrichten will. Zudem sollen zahlreiche neue Fussgängerstreifen die autogerechte Stadt menschenfreundlicher machen. Auch die Warschauer klagen darüber, wie lange diese Prozesse dauern. Doch immerhin bewegt sich am Ende etwas – im Gegensatz zu Zürich, wo Verkehrsdiskussionen meist in Grabenkämpfen enden.

 

Tag 2: Der Planungsprozess

Auf polnischer Seite trat zu diesem Thema der Architekt Piotr Sawicki auf. Er zeigte zunächst die Eigenheiten des Planungsprozesses (und der oft fehlenden Planung) auf und illustrierte die Folgen im Stadtbild: Ungeordnete Bebauung, Reklamewildwuchs, Vernachlässigung der öffentlichen Räume. Zudem sind ungeklärte Eigentumsverhältnisse mit ein Grund für die schleppende Entwicklung im Stadtzentrum. Sawicki zeigte aber auch positive Entwicklungen, so die zunehmende Bedeutung des öffentlichen Raums und seiner Gestaltung und die Bürgerbeteiligung an den Masterplänen in den Quartieren.

Stefan Kurath vom Institute of Urban Landscape an der ZHAW zeigte am Beispiel des Maag-Areals den schweizerischen Planungsprozess auf. Das Resultat sind perfekt geplante, mit aller Infrastruktur und gestalteten Aussenräumen ausgerüstete Quartiere. Angesichts dieser oft klinisch wirkenden Stadträume plädierte Kurath für etwas mehr Wildwuchs – also gerade das, was die Warschauer bekämpfen.

In Warschau gibt es keinen Zonenplan über die ganze Stadt. Vielmehr werden für  einzelne Grundstücke oder Gebiete Masterpläne erarbeitet. Diese decken jedoch erst rund ein Drittel der Stadtfläche ab, und sie sind anschliessend kaum mehr anzupassen. Gibt es für ein Areal keinen solchen Plan, dann erarbeitet ihn der Investor – der dadurch entsprechend viel Einfluss gewinnt. So kann es für einen Investor durchaus attraktiver sein, ein Areal zu beplanen und zu bebauen, für das es keinen Masterplan gibt.

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