Ouvert. Ein Tanzgrund für Zürich entsteht während des Theaterspektakels. Foto: zVg

Terrain und Tanz

Der Choreograph und Tänzer Boris Charmatz probiert am Theaterspektakel eine Kulturinstitution ohne Gebäude aus. Und lädt zur Debatte mit Germaine Acogny & Helmut Vogt, Philip Ursprung und Richard Sennett.

«Ich möchte einen choreografischen grünen Raum schaffen. Ein Terrain für Tanz. Ein Projekt menschlicher Architektur, wo Körper in Bewegung die sichtbare, mobile Architektur einer neuen Institution formen», sagt Boris Charmatz. Der französische Choreograph und Tänzer probiert am Theaterspektakel auf der Landiwiese aus, was er in Paris fortführen will: eine Kulturinstitution ohne festes Gebäude, erst mal probehalber angelegt als «un essai à ciel ouvert». Konkret: Charmatz bespielt ganze 18 Tage lang einen Teil der Landiwiese. Er bringt ein umfangreiches Programm nach Zürich, zu dem öffentliche Warm-ups, Vorstellungen, ein Symposium und Workshops für Kinder, Erwachsene und Profis gehören. Egal, was das Wetter dazu meint. Markiert wird «Terrain» zwar vom Gerippe des Pavillons, der sonst auf dem Hauptplatz steht (und das erste Projekt ist, das Ralph Alan Mueller für das Theaterspektakel baute – danach kamen der Eingang und das Zentral). Doch die Tänzerinnen und Tänzer der Produktion «20 danseurs pour le XXème siècle» mischen sich am Samstag nach der Eröffnung unter das zahlreiche Publikum, das auf die Landiwiese strömt. Sie führen mit ihren zwanzig Solos durch die Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts. Helferinnen und Helfer in Theaterspektakel-T-Shirts pflücken schon mal ein kleines Kind aus dem Bewegungsradius der Tänzerin, verteilen das Programm, geben Auskunft und verweisen auf die Chance, nach den Vorführungen mehr vom Tänzer über die Choreografien zu erfahren. So wird die Geschichte des Tanzes lebendig – und für diejenigen, die mit offenen Augen über das Terrain spazieren, wird in der Beobachtung der Tänzerinnen und des Publikums deutlich, wie entgrenzt der Begriff des Choreographischen ausgelegt werden kann.

Der Tänzer und Choreograph Boris Charmatz will den Tanz von der Bühne holen. Foto: Ursula Kaufmann
Charmatz selber tanzt mit. Und er ruft zu einem Symposium, das er als Work in Progress, als Arbeitssitzung versteht: Kann das Experiment gelingen? Was taugt die Idee aus der Perspektive benachbarter Disziplinen? Unter dem Titel «An Architecture of Bodies» lädt er zum Austausch über die Frage was passiert, wenn wir auf die raumdefinierende Architektur verzichten und den Tanz von der Bühne in den Alltag, auf den Boden der Wirklichkeit bringen. Gelingt das am temporär gebauten, aber deswegen nicht weniger institutionalisierten Theaterspektakel einfacher? Und was bedeutet eine «Architecture of bodies» für die Tänzerinnen und Tänzer, was für das Publikum?

Debatte zu Tanz, Architektur und Institutionalisierung
Mit Boris Charmatz diskutieren in einem erste Teil Philip Ursprung, der zu den Überschreitungen institutioneller Grenzen in der Kunst der 1960er-Jahren spricht, mit dem slowakischen Kurator und Musiker Boris Ondreička, der beim Nachdenken über die Ökologie zukünftiger Institutionen von der Mobilität und dem Verkehr lernen will (moderiert von Meret Ernst); ein zweiter Block widmet sich der École des sables, welche die senegalesische Tänzerin und Choreografin Germaine Acogny mit dem Kulturmanager Helmut Vogt ausserhalb von Dakar gründete, ein Zentrum für afrikanischen und zeitgenössischen Tanz. Die Pariser Landschaftsarchitektin Françoise Crémel referiert zum Verhältnis von Körper, Wahrnehmung, Landschaft und Design. Im dritten Teil berichtet Richard Sennett über die Beziehungen zwischen Kunst und öffentlichem Raum und über den Aufbau kultureller Infrastrukturen, die ihn in seinem neuen Buchprojekt «Stage and Street» (Arbeitstitel) beschäftigen – eine Vorlage, die im Gespräch mit Boris Charmatz und Matthias von Hartz, dem künstlerischen Leiter des Theaterspektakels, weiter verfolgt wird. Der Autor, Regisseur und Künstler Tim Etchells (Forced Entertainment) und die in Zürich lebende Schauspielerin Malika Khatir werden das Symposium mit künstlerischen Beiträgen ergänzen.

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