Jakob rät, dass der aus den Kolonien geholte Reichtum erforscht werde, der im 19. Jahrhundert auch in Graubünden grosse Architektur gestiftet hat.

Haus und Geld derer von Planta

Cordula Seger hat über den Sommersitz der von Planta ein schönes Buch geschrieben. Es ist nun aber an der Zeit auch in Graubünden zu erforschen, wie aristokratische Baukultur und Geld zusammenhängen.

Die Herrschaften in St. Moritz Bad promenieren. An einem Hügel über ihnen bauen 1882 der Architekt Nicolaus Hartmann senior und der Chaletfabrikant Alexander Kuoni für Jacques Ambrosius von Planta (1826 -1901) eine phantasievolle Collage aus Holzhaus, Burg und Kirche. Ferienhaus sagt dem niemand, denn die Ferien sind noch nicht erfunden. Jacques und Seinesgleichen ziehen mit ihrer Haushaltung für jeweils längere Zeit von einem zum andern Ort. Raum- und gesellschaftsgreifend ist jeder – die Planta-Villen in Chur, wo in der einen das Kunstmuseum oder in der anderen das Fontanaspital werden wird. Oder in Basel und Genf, wo der Familie des alten Bündner Geldes ebenfalls standesgemässe Sitze gehört haben. Die Architekturhistorikerin Cordula Seger hat über die Villa in St. Moritz nun ein Buch geschrieben – «Chasa sur l’En St,Moritz. Biografie eines Hauses». Diese Bezeichnung hat mich stutzig gemacht: Biografien gehören doch zu Menschen? Platon hat sie erfunden, mit seiner «Apologie» beschrieb er das Leben des Sokrates. Dann war kein Halten mehr, jedem Menschen von halbwegs öffentlichem Rang gebührt ein Heldenbericht. Aber für eine Villa? Dieser Begriff aber passt gut auf Cordula Segers Heldengeschichte eines Hauses mit allem Auf und Ab.

Die Villa von Planta in St. Moritz, fotografiert 1895 von Wilhelm Röntgen, Physiker, Erfinder und Kurgast.

Mit für der für eine Biografin typischen, kenntnisreichen Empathie führt sie uns den Behälter für die verblichenen Lebensformen der ebenso verblichenen Aristokratie vor. Sie lädt uns auf einen exquisiten Spaziergang durch Salons, Kammern, Täferstuben und auf einen mit Malerei von Segantini verzierten Balkon ein. Dank ihrer bilderreichen und eleganten Sprache schmuggeln wir uns dazu, wenn die Damen von Planta zum Tee bitten; dank Cordulas profundem Wissens und ihrer akribischen architektur- und designgeschichtlichen Recherche können wir die Bedeutung der Architekten, Baumeister und Bewohner und vieler Details im mit Kunstgewerbe hoher Klasse ausgestatteten Haus verstehen. So wie wir Sokrates dank Platons Schreibkunst als unseren Freund zu kennen meinen. Cordula Seger setzt auf die Kraft der Bilder – an die 200 Fotografien beleuchten ihr Wissen über diesen Prototyp des standesgemässen Sommersitzes im Engadin. 1882 gebaut, residierten die von Planta bis 1914 in der Villa.

Das Sommerhaus der von Planta galt bald als Vorbild für standesgemässe Bergsitze im Engadin

Dann zog der Geschäftsmann Jules Roussette ein bis 1938 der Hotelier André Schmidt daraus eine Dependance seiner Hotels machte. Ab 1960 führten Eliane und Dieter Schwarzenbach darin 30 Jahre lang ein kleines Hotel. Und seit 1992 ist es wieder ein Wohnhaus. Diese letzte Etappe führt eine gediegene Fotostrecke vor, die zeigt, wie viel baukünstlerische Substanz das Haus hat bewahren können.
Auf Hausbesuch dachte ich an eine Arbeit, die Notta Caflisch 2013 in der Jahresausstellung der Bündner Künstlerinnen und Künstler im Kunstmuseum in der Villa desselben von Planta in Chur gezeigt hat. Einen Barren aus weisserBaumwolle 5x11x29 cm, darauf geprägt: «100 % Pure White Gold». Sie machte die unsichtbare Architektur der Plantavillen in Chur, St. Moritz und anderswo sichtbar. Jacques und sein Vetter Peter wurden reich als Baumwollunternehmer in Ägypten. Die Künstlerin frug: «Wie war das? Wie haben die Bündner ihre Kassa gefüllt? Wie war das mit dem kolonialen Gefälle? Mit Sklavenarbeit gar?» Wir wissen es nicht.

100 % Pure White Gold, Notta Caflisch 2013

Wir erfahren dazu auch wenig in Cordula Segers Buch. Der eine Satz, dass keine Sklavenhandel belegt sei, ist gar kurz geraten. Das ist kein Vorwurf an die Autorin, andere Fragen haben sie interessiert.
Es ist aber nun an der Zeit, die Verwicklung der materiellen und baukulturellen Reichtümer mit der älteren und neueren Kolonialgeschichte nicht nur in Zürich rund um die Familie Escher, sondern auch in Graubünden zu erforschen. Die Hausbiografin Cordula sitzt dafür am richtigen Ort. Sie leitet im Hauptberuf mit grossem Geschick das Institut für Kulturforschung in Chur. So rege ich an, dass sie einen Wettbewerb unter Historikerinnen über unsichtbare Architektur ausschreibe: «Wo, wie und auf Kosten vom wem kam der Reichtum zusammen, dank dem die von Planta & Co Hausbiografien wie die der der Chasa sur l’En, der Sitze in Chur, Fürstenau, Samedan, Ardez und so weiter bauen konnten? Was sind die Differenzen zum vielgerühmten Erbe der Zuckerbäcker, die als Habenichtse auszogen und als Neureiche heimkehrten?»
Die Bündnerinnen und Bündner geraten aber immer wieder in Verzückung und Verehrung über den Reichtum, die Eleganz und die Weltläufigkeit ihrer verblichenen Patrizierfamilien. Mir geht es ab und zu nicht anders, wenn ich Gäste durch die mit aristokratischer Baukultur glänzenden Dörfer der Bündner Herrschaft oder des Unterengadins führe. Mich interessieren darum wissenschaftlich wasserdichte, zahlenkräftige und gut geschriebene Antworten auf die Fragen, die Notta Caflisch künstlerisch brillant mit «Stock White Gold» vor bald zehn Jahren stellte.

 

close

Kommentare

Kommentar schreiben
Ich kann das Bild nicht lesen